XxIV. Auf der Frau Groß-Mutter 76. Jahrs-Tag. Am 18. October

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Nicolaus Ludwig von Zinzendorf: XxIV. Auf der Frau Groß-Mutter 76. Jahrs-Tag. Am 18. October (1735)

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Die ihr mit fremden Schmuck zu prangen fähig seyd,
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Nicht aber eignen Glantz der Tugend zu erreichen!
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Geht, rühmet, was ihr könnt, der Ahnen Treflichkeit;
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Pocht, Helden, destomehr auf eigne Sieges-Zeichen.
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Geht, grabet euren Preiß in Marmel-Stein und Ertz,
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Setzt Pfal und Pfeilerwerck wo sonsten Ströme flossen;
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Erhebt den Obelisc von dannen Himmelwerts,
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Thürmt Ehren-Pforten auf, setzt prangende Colossen:
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Laßt in Gemählden sehn, was eure Mord-Faust thut,
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Der Reimer Phantasey von eurer Härte dichten;
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Beschreibt mit Cäsare den eignen Helden-Muth,
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Laßt die Historien euch Ehren-Mahle richten.
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Wie? oder eckelt euch vor Blut und Feuer-Strahl,
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Betrüben euch vielleicht die drohenden Trompeten?
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Beliebet euch vielmehr ein lustig Freuden-Mahl,
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Und der gedämpfte Klang der angenehmen Flöten?
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So laßt die künftge Welt von eurer Freundlichkeit,
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Von eurer Wayde-Lust und Bau-Begierde sprechen;
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Und wenn der Erb-Printz einst mit Regimentern dräut,
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Der Diener weiches Hertz vor Reu und Sehnen brechen.
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Ist euer edler Geist den Musen zugeneigt,
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Und mag sich seine Zeit mit Schul-Gezäncke kürtzen;
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Schreyt Aristoteles, Mars und Diana schweigt;
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So wird die Castalis auf euern Lehn-Stuhl stürtzen.
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Den einen höret man auf Krieg und Kriegs-Geschrey,
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Den andern auf die Lust und Eitelkeiten schmählen;
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Der dritte spricht von nichts, als von Pedanterey;
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Ein jeder giebt der Zeit ein Mährlein zu erzehlen.
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Ich lobe einen Geist der von dem Kinder-Spiel
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Der Lob-Gedichte noch in Zeiten überzeuget,
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Auf eine Ewigkeit, das kurtze Lebens-Ziel,
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Und seiner Thaten Zweck auf GOttes Wege neiget.
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Den lob ich, dessen Geist aufs Himmlische gewandt,
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Die hin und her zerstreut und eitle Menschen-Kinder
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Mit viel Erbarmen trägt, und seinen Ehren-Stand
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Darinn alleine sucht: Er sey ein armer Sünder.
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Frau, deren Helden-Muth in abgewichner Zeit,
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Die hochgelahrte Schaar durch manchen Dichter ehrte,
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Nicht so? Der Ruhm behielt gar wenig Herrlichkeit,
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Seit dem dich unser HErr selbst etwas bessers lehrte.
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Ich meyne,
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Die Anfurth deines Geists aus dieser Welt-Gewirre,
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Sey von geraumer Zeit das süsse Hirten-Wort:
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Kommt, Schäflein, näher her, kommt rückwerts aus der Jrre!
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Dein Heyland hat auch dich, bey früher Tages-Zeit,
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Vom Schlaf der Sicherheit lebendig aufgewecket:
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Dein Heyland hat auch dich vom Sünden-Joch befreyt,
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Darunter deine Seel in tiefer Angst gestecket.
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Dein Leben stellet uns ein schönes Muster vor,
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Wie man im Zeitlichen kan hochgesegnet bleiben;
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Dringt gleich der edle Geist vom Jrrdischen empor,
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Und läßt sich eine Macht der Liebe höher treiben.
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Wir wenden uns hierauf zum Könige der Zeit,
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Der Ewigkeiten Quell, zu unsrer Tage Meister,
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Wir bringen ihm ein Lob in Hertzens Lauterkeit:
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Kommt, einigt Hertz und Mund mit uns, ihr reinen Geister!

(Zinzendorf, Nicolaus Ludwig von: Teutscher Gedichte Erster Theil. Herrnhuth, 1735.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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