XiI. Betrachtung seines Beruffs in die Churfürstliche Sächsische Landes-Regie- rung. Jm October

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Nicolaus Ludwig von Zinzendorf: XiI. Betrachtung seines Beruffs in die Churfürstliche Sächsische Landes-Regie- rung. Jm October (1735)

1
Du grosser HErr der Welt! es ist dir unverborgen,
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Wie sehr mich diese Welt mit ihrem Dienst erschreckt:
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Ich wäre gar zu gern zu deinem Dienst erweckt:
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Der Abend währt mir lang: Ich seufze nach dem Morgen.
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Es ist nicht mehr die Zeit, die wohl vor diesem war:
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Wir qvälen uns umsonst, wir nutzen ihr kein Haar.

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Ach wäre noch der Tag, da man mit Staupen-Schlägen,
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Mit Stöck- und Pflöcken sich an deinen Gliedern rieb,
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Und sie den Schafen gleich aufs Mord-Gerüste trieb;
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So würde sich mein Gram mit leichter Mühe legen.
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Denn HErr das weissest du, ich küsse Rad und Pfahl
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Um deinetwillen gern; Ich jauchzte bey der Qvaal;

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Ich scheue keine Schmach; mich ehrt die Narren-Kappen,
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Darein manch eitler Hof dein Volck so gern verhüllt,
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Ein Hof, dem Zions Ach mit Lust die Ohren füllt,
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Ein Hof, wo kluge Leut’ am hellen Tage tappen;
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Da hieß ich gern ein Thor, ein Schwärmer, ein Phantast,
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Mir wär der Erden-Zorn nur eine kleine Last.

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Allein, du alter Freund, dem Millionen Tage
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Wie sechzig Stunden sind, der keinen Wechsel kennt,
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Und sich mit allem Recht von heut und gestern nennt,
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Legst du die alte Welt mit dieser auf die Wage;
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So muste Jonathan vor seinem Vater fliehn,
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Doch kont’ er seinen Freund des Vaters Wuth entziehn;

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Der Rath Ahitophels war kaum zur Narrheit worden,
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Als des Husai Mund vor Davids Leben stritt.
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Zog Ahab in den Streit, fuhr Josaphat zwar mit;
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Allein er blössete den gantzen Baals-Orden,
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Und der Prophete sprach: Ich schone Josaphat,
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Sonst bliebt ihr Könige gewißlich ohne Rath.

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Der Nehemias war des Arthasasta Schencke,
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Ein wohlgeplagter Mann; Allein er machte doch
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Sein väterliches Hauß von dem betrübten Joch
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Mit einem Worte loß. Ich seufze, wenn ich dencke
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Was Mardachai Fuß vor saure Schritte that;
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Der aber doch dadurch sein Volck erlöset hat.

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Es muß auch Daniel das Hof-Getümmel dulden;
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Allein wie betet nicht, wie überwindet er!
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Wie wird es Misael und seinen Freunden schwer;
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Allein sie bleiben selbst im Ofen ohne Schulden,
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Der Leuen Rachen wird ein Maul-Korb angeleget;
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Und von der Flamme brennt, wer Holtz zum Feuer träget;

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Die Männer Juda sind bey ihrer Weise blieben,
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War gleich der gantze Hof ein ander Thun gewohnt,
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So wurden dennoch sie mit Hof-Manier verschont;
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Wie hat der Eine nicht den König eingetrieben,
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Als er das Götzen-Volck der Lügen angeklagt,
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Und einer, als er ihm der Wahrheit Lobspruch sagt.

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Johannes muste zwar mit seinem Haupt bezahlen;
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Doch hört’ Jhn erst der Fürst, und folgte manchesmahl.
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Ach wüste ich gewiß ich käm’ in jener Zähl:
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So möchte immerhin die Welt mit Feuer strahlen,
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Die schwersten Ubungen auf meine Scheidel speyn;
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Es solte Leue-Grimm mir gantz erträglich seyn.

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Da ist mein offnes Hertz, du kennest mich von innen
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Herr! wallt ein Tropfen Bluts durch meiner Adern-Bach,
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Der dir nicht eigen ist, den treffe deine Rach:
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Mein gantzes Hertz ist dein, die gantz Krafft der Sinnen,
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Und der erlöste Geist ist dir zum Opffer recht,
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Der Mensch mit Leib und Seel ist ewiglich dein Knecht.

(Zinzendorf, Nicolaus Ludwig von: Teutscher Gedichte Erster Theil. Herrnhuth, 1735.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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