Xi. Angenehme Sterbens-Gedancken. Jm Herbst

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Nicolaus Ludwig von Zinzendorf: Xi. Angenehme Sterbens-Gedancken. Jm Herbst (1735)

1
Die Bäume blühen ab,
2
Die Blätter stürtzen:
3
Mir wird das liebe Grab
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Mein Elend kürtzen.

5
Getrost, ich sehe schon
6
Das Bäumlein blühen,
7
Und meines Leibes Thon
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Gerader ziehen.

9
Mein Grab-Stein springt entzwey,
10
Der Schlaf vergehet:
11
Der Leib wird Kercker-frey,
12
Mein Tod verwehet.

13
Der Faulniß finstre Baar,
14
Und die Verwesung,
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Verliert sich gantz und gar
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In der Genesung.

17
Der Sturm, der unsern Geist
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Vom Leibe treibet,
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Und uns von hinnen reißt,
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Hat ausgestäubet.

21
Man höret ferner nicht
22
Des Windes Brausen:
23
Man spürt im stillen Licht
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Ein lieblich Sausen.

25
Ein Wind von Jehovah
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Wird ausgeblasen:
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Die Beine liegen da
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In grünen Rasen.

29
Auf Hoffnung liegen sie
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Der Aufferstehung,
31
Und warten spat und früh
32
Der Stands-Erhöhung.
33
Jhr seyd zu Staub verbrand,
34
Jhr kahlen Beine,
35
Ist wunder kleine.

36
Jhr seyd fast aufgeleckt,
37
Jhr Aschen-Haufen:
38
Die Tiefe, die euch deckt,
39
Ist angelaufen.

40
Jhr seyd aufs Feld gesät
41
Wie Aeser-Knochen,
42
Und in die Lufft verweht,
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Zerqvetscht, zerbrochen.

44
Die hat des Abgrunds Wut
45
Durchaus zerwühlet,
46
Die eine schnelle Fluth
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Hinweg gespület.

48
Jhr wißt nicht, hie und d
49
Verstreute Glieder!
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Wie euch das Wort so nah,
51
Jetzt rufst es wieder.

52
Der Mann, in welchem es
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Beschlossen ware,
54
Der kommt mit Lob-Getöß
55
Der Helden-Schaare.

56
Man thut die Bücher auf,
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Es wird gelesen,
58
Wie eines jeden Lauff
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Bewandt gewesen.

60
Der wird als Satans Theil
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Hinweg getrieben:
62
Der steht zum Trost und Heil
63
Jm Buch geschrieben.

64
Wie wird es mir ergehn
65
An diesem Tage?
66
Wo wird mein Urtheil stehn?
67
Wer hält die Waage?

68
Triumph! der hier erschein.
69
Jm rothen Kleide,
70
Eins sind wir beyde.

71
Da solte ich vor mich
72
Nichts Gutes hoffen?
73
Wer so besteht, wie ich,
74
Der hats getroffen.

75
Ich war ein Sünden-Kind,
76
Wie andre Sünder:
77
Allein, ich überwind
78
Jm Uberwinder.

79
Ich bin an seinem Stamm
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Hinan gedehnet:
81
Er ist das reine Lamm,
82
Das GOtt versöhnet.

83
O Lamm, vergönne mir
84
Dich zu begleiten!
85
Mein Mann, ich weiche dir
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Nicht von der Seiten.

87
Ich sehe schon hinein
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In deine Wonne:
89
Hie blitzt der klare Schein
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Von Salems Sonne.

91
Wie mancher stehet da
92
In reiner Seide:
93
Wie ist dir der so nah
94
Jm weißen Kleide!

95
Den hielt man in der Welt
96
Vor einen Narren,
97
Der dort im Ruhe-Zelt
98
Zog lang im Karren.

99
Wie seuffzte deine Magd
100
Jm Krancken-Bette!
101
Wie offt hat sie gesagt:
102
Wer Flügel hätte!

103
Und ietzo seh ich sie
104
Mit Palmen-Zweigen,
105
Auff Zion steigen.

106
Wo ist der arme Mann,
107
Der hier nur thränte,
108
Und sich von Jugend an
109
Nach Salem sehnte.

110
Da sitzt er Freuden-voll
111
Zu deinen Füssen,
112
Und giebt dir einen Zoll
113
Von tausend Küssen.

114
Und jener, welcher hier
115
Dein Häuflein lehrte,
116
Und viele HErr zu dir,
117
Dem Licht, bekehrte.

118
Steht prächtig oben an,
119
Als eine Sonne,
120
Und jauchzet, was er kan
121
Bey solcher Wonne.

122
Der dich in dieser Zeit
123
Als Liebe priese,
124
Und zur Gerechtigkeit
125
Die Menschen wiese.

126
Der blitzt in deinem Glantz,
127
Gleich einem Sterne;
128
Sein Nahme leuchtet gantz
129
Auch in der Ferne.

130
Der helle Haufe gläntzt
131
Vor deinem Throne,
132
Den in der Zeit bekräntzt
133
Die Marter-Crone.

134
Dort bey des Lammes Mahl
135
Erscheint im Reigen
136
Die auserwehlte Zahl
137
Der treuen Zeugen.

138
Was unsrer Väter Schaar,
139
Und den Propheten,
140
Ins Ohr vertvauet war
141
Hört man trompeten.

142
Die Zwölffe, die du dir
143
Zur Lust erlesen,
144
Die krönet für und für
145
Vollkommnes Wesen.

146
Nun dirs gefallen hat
147
Dein Volck zu rächen;
148
So sitzen sie im Rath
149
Das Recht zu sprechen.

150
Hie wird die trübe Zeit
151
Jm Licht verschlungen,
152
Und der Dreyeinigkeit
153
Triumph gesungen.

154
Diß heilig eine Drey
155
Wird aufgekläret:
156
Der Glaube schauet frey
157
Was ihn genähret.

158
Die GOtt geruffen hat
159
Und die gekommen,
160
Die werden in der That
161
Nun aufgenommen.

162
Der
163
Hat ausgegläubet:
164
Die
165
Die

166
Hier frag ich nicht einmahl:
167
Wo ich soll bleiben?
168
Wer will mich aus der Wahl
169
Der Gnaden treiben?

170
Ich traue mächtiglich
171
Dem Hochgeliebten:
172
Sein Hertze neiget sich
173
Zu den Geübten.

174
Vor Zeiten hielt ich mich
175
An sein Erbarmen:
176
Und ietzo hange ich
177
In seinen Armen.

178
Ich dringe zu ihm zu!
179
Er muß mir geben
180
Auff Arbeit süsse Ruh,
181
Auff Sterben Leben.

(Zinzendorf, Nicolaus Ludwig von: Teutscher Gedichte Erster Theil. Herrnhuth, 1735.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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