Ode

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Georg Rodolf Weckherlin: Ode (1641)

1
Ojhr krumme/ schlimme sehlen/
2
Wolt jhr euch
3
Laster-reich
4
Nu mit dieser welt vermählen?
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Bochet nicht auff ewre stöll/
6
Dan die welt nur eine Höll/
7
Euch zu martern vnd zu quälen.

8
Wollet jhr ein weil nu leben
9
Nach gebühr/
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So solt jhr
11
Alß bald nach dem himmel streben:
12
Ist der himmel euch nicht lieb/
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So seit jhr nicht wehrt/ jhr dieb/
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Daß er euch sein liecht gegeben.

15
Lasset euch zu hertzen gehen
16
Was für frayd/
17
Was für layd
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Jmmer in der welt zusehen:
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Kan ein mensch auff disem Meer
20
In so vieler vbeln heer
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Sicher vnd forchtloß bestehen!

22
Biß in das grab von der wiegen
23
Muß alhie
24
Vnder müh
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Vnd ellend der mensch sich biegen:
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Dan anfechtung/ Creutz vnd noht
27
Jhn biß in den bittern tod
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Stehts verfolgen vnd bekriegen.

29
Auch ist sein geburth so kläglich
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Daß die plag/
31
Mit dem tag
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Gleich anfangend/ kaum erträglich:
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Seine schwachheit vnd der schmertz/
34
Tödtend seiner Mutter hertz/
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Seind empfindlich vnd vnsäglich.

36
Wan durch schmertzen tieff empfunden
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Er voll pein
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Schwach vnd klein
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Die geburth nu vberwunden:
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Wirt Er seinem stand gemäß/
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Als ein vbelthäter böß
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Eingewicklet vnd gebunden.

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Wie offt muß/ jhn zugeschwaigen/
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Jhm mit fug
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Ohn verzug
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Seine Säugam hilff erzaigen;
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Vnd den säugling von dem wust
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Reinigend/ mit bloser brust
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In der grösten kältin säugen.

50
Nemend jhn bald auff bald nider/
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Sunst hilffloß/
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Auff der schoß
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Wieget sie jhn hin vnd wider:
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Biß Er/ weil jhr sorg vnd müh
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Reibet seine bein vnd knüe/
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Störcket seine schwache glider.

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Fanget Er dan an zugehen/
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Auch die sprach
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Nach vnd nach
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(blöd vnd lisplend) zuverstehen:
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Ist sein gang vnd seine bitt
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Halbe wort vnd halbe tritt/
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Schwach zu reden/ schwach zu stehen.

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Seine kräfften mit den jahren/
65
Seine witz/
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Seine hitz/
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Seine arbeit/ müh/ gefahren/
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Nemen mit einander zu/
69
Allein nimmet ab die ruh/
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Nichts kan jhn für layd bewahren.

71
Alßbald seine tag nu blühen
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Kan sein muht
73
Sich der wuht
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Seiner jugent nicht entziehen;
75
Groß ist dan sein vnbestand/
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Vnd er felt in dise schand
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Wan er will von jener fliehen.

78
Spihlend mag Er sich wol vben
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Weil Er noch
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Ohn ein joch;
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Aber jhn mehr zu betrieben
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Reuttet jhm auff einmahl auff
83
Aller lastern grosser hauff
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Biß daß er sich muß verlieben.

85
Alßdan vnder Amors wafen
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Taub vnd blind
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Wie ein kind
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Könden jhn zway augen strafen:
89
Hofnung/ trost/ wollust/ genuß/
90
Forcht/ verzweyflung/ zorn/ verdruß/
91
Wollen jhn nicht lassen schlafen.

92
Kan er dises vberwinden/
93
Findet Er
94
Noch vil mehr
95
Trübsal vnd vnglick dahinden:
96
Ehrgeitz/ geltgeitz/ vbermuht/
97
Hader/ händel/ zanck vnd wuht
98
Wollen jhn zu schinden binden.

99
Kommet Er dan fortgegangen
100
Daß das glick
101
Vnd die strick
102
Aller laster jhn nicht fangen:
103
Wirt Er auß der jugent saal
104
In der alten leut spital
105
Schlim vnd liederlich empfangen.

106
Dan da kommen auffgezogen
107
Kalte Flüssz
108
Für die küssz
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Die jhn vnlangst jung betrogen:
110
Zittrend werden händ vnd füß/
111
Das gicht/ zipperlin vnd grüß
112
Machen jhn krumb vnd gebogen.

113
Vnd wan schon das Alter ehrlich/
114
Ist die ehr
115
Jhm doch schwer/
116
Weil jhm alles gantz beschwerlich:
117
Seine zähn nu fallen auß/
118
Haupt vnd hertz voll schnee vnd grauß
119
Mahlen alle ding geföhrlich.

120
Ach wie langsam Er nu schreittet/
121
Weil die buß
122
Auff dem fuß
123
Folgend allzeit jhn bestreittet:
124
Alle hofnung ist dahin/
125
Ach vnd weh ist sein gewihn/
126
Biß daß jhn der Tod erbeuttet.

127
Wa/ wie/ wan er auch mag leben
128
Jung vnd alt/
129
Warm vnd kalt/
130
Jhn die kranckheiten vmbgeben:
131
Schwachheit/ sorgen/ falsche freind/
132
Lügen/ neyd/ verleumbdung/ feind/
133
Jhm verdrüßlich wider-streben.

134
Wie ein vogel durch sein fliegen
135
Wie ein pfeyl
136
In der eyl
137
Leichtlich kan das aug betrüegen:
138
So schnell ist des menschen haab/
139
Vnd sein schrit zu seinem graab
140
Ist nicht weit von seiner wiegen.

141
Endlich muß er sein vermögen
142
Als den raub
143
In den staub
144
Mit dem cörper niderlögen:
145
Also endet nu das spihl/
146
Daß weder lützel noch vihl
147
Kan jhn/ kan er nu bewögen.

148
Wan man dan nicht kan verneinen
149
Daß allhie
150
Taussent müh
151
Wider vns sich stehts aufleynen:
152
Solten wir von hertzen grund
153
Vnser ellend alle stund
154
Nicht beklagen/ vnd beweinen?

155
Kan vns aber nichts klug machen/
156
Sondern wir
157
Ohn gebihr
158
Wollen lachen diser sachen:
159
Ach! so lachet reich vnd arm/
160
Lachet/ daß es Got erbarm/
161
Ewers ellends selbs zu lachen!

(Weckherlin, Georg Rodolf: Gaistliche und Weltliche Gedichte. Amsterdam, 1641.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Georg Rudolf Weckherlin
(15841653)

* 15.09.1584 in Stuttgart, † 23.02.1653 in London

männlich

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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