Die Roß

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Georg Rodolf Weckherlin: Die Roß (1641)

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Kom/ Myrta/ der Lieb wohn vnd wohnung/
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Der Schönheit pracht/ der Tugent Cron/
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Vnlangst meiner trew werther wohn/
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Jetz meiner wehrten trew belohnung:
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Kom/ Myrta/ dises frülings ruhm/
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Vnd aller blumen schönste blum/
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Dich zu mir auff das grün zusötzen;
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Daß du dich in der blumen zier/
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Daß Ich der blumen zier in dir
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Besehend/ wir Vns beed ergötzen.

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Weil Amor nu allein zu gegen/
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Der stehts durch deine augen Mich/
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Der stehts durch meine augen Dich
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Kan allein halten vnd bewögen:
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So will Ich/ ja so kan ich nicht
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Wendend mein/ fliehen dein gesicht;
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Sondern der blümelein zu ehren/
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Die als stern dises Element
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Machen ein blumen-firmament/
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Begehr ich dein gesang zu hören.

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Solt ich zu singen mich bemühen
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Von andern/ dan den blümelein/
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Die vnder deiner augen schein
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In dir frisch/ vnverwelcklich blühen?
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Die gilg vnd rosen/ die gewiß
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Ein wahres blumen paradiß
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Auff deinem leib vns mahlen/ zwingen
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Mich auch/ der Natur gunst vnd kunst
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In dir betrachtend/ nichts mehr sunst
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Dan dich der blumen ruhm zu singen.

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Vnnöhtig/ Lieb/ ist dein liebkosen/
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Weil wir nu vnder einem joch;
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Wan ich dir dan lieb/ so sing doch
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Jetzund von diesen süssen Rosen:
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Sing von den Rosen/ edler schatz/
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Vnd ich will dich mit einem schmatz
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(vnd nicht zuvor) reichlich belohnen:
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Vnd wie lieb du mir auch/ solt du
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(enthaltend deine hand in ruh)
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Jhn vor zu haben/ mir verschonen.

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O Rosen/ die kein frost kan tödten/
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Durch welche ich widrumb gesund;
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O Rosen/ die den schönsten mund
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Vnd wangen/ liebfärblich/ beröhten;
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Euch Rosenmund/ vnd allein Euch
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Gebühret in der Schönheit Reich
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Auff der Lieb thron befelch zugeben:
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Mir aber Euch/ die jhr gleichloß/
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Vnd aller Rosen schönste Roß/
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Dienstlich gehorsamend zu leben.

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Wie in dem Himmel/ so auff erden
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Kan nichts (dan deine herrlichkeit)
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An schönheit vnd an süssigkeit
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Der Rosen gleich gefunden werden:
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Daher dan/ wan die Frülings zeit
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Die welt zu der Lieb streit vnd beut
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Behertzet/ vnd das erdreich zieret/
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Erhebet sich die Roß mit wohn/
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Allda/ weil Sie der blumen Cron/
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Sie vnder allen triumfieret.

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Die Morgenröhtin/ new-geboren/
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Der Sonnen kind/ von thränen nassz/
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Doch schmollend/ bald durch lieb vnd hassz
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Von jhr verfolget vnd verloren/
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Wan sie sich will mit höchstem pracht
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Vnd in der newest schönsten tracht
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Beklaiden/ muß sie alle morgen/
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Sich zu beschönen/ zwar ohn scham/
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Auß dem lieblichen Rosen-kram
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All jhre anstreich-färblein borgen.

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Dan früh alßbald wir nur erwachen
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Vnd für dem jungen Sonnenglantz
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Die stern vns jhren schein vnd dantz
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Verbergen/ vnd vnsichtbar machen:
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Mit lieblichen pomp vnd geruch
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Gleichsam des Blumen-tags anbruch/
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Die Roß/ den Lufft vnd vns ergötzet/
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Vnd vns des himmels frische ehr/
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Als ob sie himmelisch selbs wer/
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Mit wunder für die augen sötzet.

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Der rohte morgen muß verblaichen
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(verliebet) ab der Rosen Zier/
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Vnd küssend lasset er auff jhr
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Der süssen küssen feuchte Zaichen:
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Verbuhlet auch der Lufft vnd Wind/
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Durch lieb
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Mit jhr offt jhre küssz vermischen/
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Vnd (frech) sich selbs vnd andre auch
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Mit jhrem gleichsam süssen rauch
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Zu mahl erfrewen vnd erfrischen.

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Alßbald entknöpfend Sie auffstehet
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Auß jhrem läger grün vnd new/
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Alßbald Sie jmmer frisch vnd frey
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Als eine kleine Sonn auffgehet:
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Da sihet man sie bald von zorn
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(beschützet zwar von manchem dorn
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So jhre quardy wol zu nennen)
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Warnemend daß jhr/ wie dem gold
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Schier jederman gefährlich hold/
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Schamroht vnd züchtig gleichsam brennen.

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In jhrem vrsprung war vorzeitten
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Die Roß so weissz/ daß mit jhr kaum
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Des schnellen wassers frischer schaum
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Noch auch des Morgens frost könt streitten;
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Noch könt des silbers purer schein/
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Der Milchrohn/ noch das helfenbein/
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Bey jhrer weissin wol bestehen:
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Ja/ weisser war die süsse Roß
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Dan auff der kalten erden schoß
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Der new-gefalne schnee zu sehen.

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Als aber Venus hie auff erden
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Durch jhrer schönheit gegenwart/
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Mit jhren brüstlein zart vnd hart/
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Mit hertz-entzündenden geberden/
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Mit seel-ergründend süsser gunst/
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Mit gaist-verblindend gailer kunst/
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Mit küssen Nectar-gleich befeuchtet/
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Mit jhrer augen liebem glantz/
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Mit frölich-müdend-jungem dantz
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Das volck bereichet vnd erleuchtet:

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Da sah man sich die menschen naigen/
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Vnd (lieb zu sein) auff alle weiß
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Sich freindlich/ höflich/ sitsam/ weyß/
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Auch wacker/ statlich/ kühn erzaigen:
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Bald sah man dise fro auß lieb/
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Vnd durch lieb jene kranck vnd trüeb;
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Die eine sah man/ jhre schmertzen
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Beklagend/ ohn trost/ hofnung/ hail:
129
Vnd andre frisch/ kurtzweilig/ gail/
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Sich hertzend/ mit einander schertzen.

(Weckherlin, Georg Rodolf: Gaistliche und Weltliche Gedichte. Amsterdam, 1641.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Georg Rudolf Weckherlin
(15841653)

* 15.09.1584 in Stuttgart, † 23.02.1653 in London

männlich

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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