Ode

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Georg Rodolf Weckherlin: Ode (1641)

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Der Menschen wohn ist falsch/ betrüglich die ver-
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jähung/
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Als ob des Glicks allmacht/ der ewigkeit versehung/
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Vnd des himmels gesatz (mit zwang der Götter
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hand
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Verkürtzend) ohn jhr schuld veränderten den stand
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Der Menschen vnd der Welt. Das werck recht zube-
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sehen
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So muß der Mensch/ daß er die vrsach selbs/ gestehē.

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Dã ja ein jeder mensch/ dem grösten König gleich/
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Hat der Anmuhtungen vnd der begirden reich
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(die seine vernunfft stehts solt maistern) zu regieren:
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Vnd Sie/ was farb vnd schein Sie auch in dem
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schilt führen/
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Zu büssen jhren lust (als schmaichler) jhres thails
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Vergessen offt des Reichs vnd jhres Fürsten hayls.

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Da wil des menschen hertz der Schönheit sich er-
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geben;
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Dort ein kraußlechtes haar kan seine seel verweben;
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Hie eines augs anblick/ mehr dan ein scharpfer plitz
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Dort eine weisse hand beraubet jhn der witz;
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Ja/ ein geschmöll/ ein wort/ ein seuftz kā nach gefallen
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Der Vernunfft Mayestet zu fuß jhm machen fallen.

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Bald hochmuht/ hoffnung/ lust/ frewd/ ehrgeitz/
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schimpff vnd schmach/
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Bald kleinmuht/ forcht/ neyd/ hassz/ verdruß/ layd/
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zorn vnd raach
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Verfünstern seinen tag/ als jhres Herrens Mayster/
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Vnd fewren seine macht/ als vngehewre gayster/
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So daß der arme Mensch (torrecht vnd vngerecht)
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Ein König von geburt/ wird seiner knechten Knecht.

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Vñ wie Er auch sein lob vermeinet zuverblümen/
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So hat doch billich Er vollkom̃en nichts zurühmen.
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Ein hagel/ ein sturmwind/ ein wogen in dem Meer/
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Ein schuß/ straich/ stich/ fall/ thier/ so leichtlich als ein
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heer/
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Ja des hofs vberfluß/ der Stätt vñ Dörffer sünden
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(die nach lust wider vns bald einen vortheil finden)
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Dem Ackerman die ernd/ dem Kauffmã all sein gut
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Dẽ Hofmã seinen pracht/ dẽ Kriegsmã seinen muht/
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Dem Bürgern seine ruh/ vnd jedem noch das leben
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Beraubend/ Sollen vns vnd jedem die lehr geben
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Daß wer von grossem layd/ von sorg/ anfechtũg/ pein
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Begehret/ wa nicht frey doch etwas loß zu sein/
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Das beste mittel ist/ Sich zu dem kreutz zubiegen/
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Vnd mit der armut sich verbindend zuvernüegen.

(Weckherlin, Georg Rodolf: Gaistliche und Weltliche Gedichte. Amsterdam, 1641.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Georg Rudolf Weckherlin
(15841653)

* 15.09.1584 in Stuttgart, † 23.02.1653 in London

männlich

deutscher Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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