E ine Ecloga nach F rantzöischer Invention

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Christian Friedrich Hunold: E ine Ecloga nach F rantzöischer Invention (1702)

1
Betrübte Wüsteney! Doch wo der frohe Schatten
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Den Schmertzen des Gemüths ein lindes-Pflaster giebt.
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Vergönne mir die Ruh/ du kömst mir bloß zu statten/
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Denn was mich sonst ergötzt/ das macht mich nun betrübt.
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Mein schönster Schäffer hat die schöne Flur verlassen/
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Wo kan zu meiner Lust noch eine Myrthe stehn?
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Ach mein verlaßnes Hertz muß Feld und Auen hassen/
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Und wil dargegen nur in öde Wildniß gehn.
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Doch nichts sol zwischen uns das Band der Liebe scheiden/
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In meiner Brust zerfällt der Felß der Treue nicht.
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Deswegen ist sein Schluß/ ich wil Gesellschafft meiden/
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Mein Auge fliehet auch so gar das Sonnen-Licht.
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Denn so viel Blätter sind an Bäumen nicht zu finden/
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Als man von Untreu wohl in unsern Hütten hört.
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Man mag gleich tausendmahl durch Schwüre sich verbinden/
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Ein neuer Blick und Küß macht Lieb' und Gunst verkehrt.
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So hört ich diese Wort die Selimene führen/
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So schmertzlich klagte sie den Bäumen ihre Noth/
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Hier dacht' ich/ hier ist Treu/ die rechte Treu zu spühren/
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Acanthens Liebe trotzt in ihr auch selbst den Tod.
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Mein Hertz/ mein traurig Hertz/ das ohne Falschheit liebet/
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Streicht alles Ungemach und allen Kummer hin:
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Gnug daß mich stets ergötzt/ was mich doch stets betrübet:
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So redte mit sich selbst die treue Schäfferin.
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Doch offt erholten sich die Seufftzer ihrer Schmertzen/
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Ach! sprach sie/ harter Schluß/ den die Entfernung macht.
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Furcht/ Hoffnung/ Ungedult bestürmen mich in Hertzen/
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Das heitre Tages-Licht wird mir zur schwartzen Nacht.
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Ach Unmuth/ Mattigkeit! Ach Sorgen/ Angst und Qvälen!
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Verlassen mich wol nicht/ da ich verlassen bin.
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Wie lange fässelt ihr die matte Krafft der Seelen?
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Viel lieber reißt mich todt zu meinen Leben hin.
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Doch Selimene hemmt ermüdet ihre Klagen/
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Sie stopfft die Seufftzer zu/ sie stellt den Kummer ein/
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Ja wenn auch Thyrsis wil die süsse Laute schlagen/
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So kan ein Schäffer-Lied ihr nicht zu wider seyn.
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Er heuchelt ihrer Noth/ er schmeichelt ihren Schmertzen/
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Und sagt ihr diß und das von ihren Schäffer vor.
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Er schickt sich in die Zeit/ er weiß galant zu schertzen/
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Und Selimene giebt ihm ein geneigtes Ohr.
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Aus seinen Augen blitzt die Flamme seiner Liebe/
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Und jede Mine weist/ sein Hertze sey entbrandt;
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Doch Selimene merckt das Absehn seiner Triebe/
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Und was sein Schmeicheln will/ ist ihr nicht unbekandt.
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Sie will die Menschen fliehn/ und kan den Thyrsis leiden/
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Da seine Gegenwart ihr nicht zu wieder fält/
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So hegt sein schlaues Hertz viel Millionen Freuden/
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Und hofft/ daß sich zuletzt das schöne Ziel erhält.
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Mit tausend Diensten kan er seine Pflicht bezeugen
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Und stellet den Besuch fast keine Stunden ein/
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In Bitten ist er stum/ beredt in Stilleschweigen/
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Doch gleichwol alles muß der Liebe Sprache seyn/
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Zwar offtmahls wil es nicht bey stummen Worten bleiben/
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Es scheint/ daß auch der Mund das Seine müsse thun/
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Denn da das Auge sol die Leidenschafft beschreiben/
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So dencken auch zugleich die Lippen nicht zu ruhn.
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Ein jeder Blick nach ihr muß seine Pein bewähren/
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Die freye Lebens-Art stellt alle Freyheit ein/
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Die gantze Stellung spricht/ er sol sich nur erklären/
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Und seine Farbe wil selbst sein Verräther seyn.
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Was die Verwirrung heist/ was solche Blicke sagen/
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Sieht Selimene wol/ es ist ihr noch bekant/
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Daß auch Acanthe so sein Leiden vorgetragen/
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Als er durch ihre Glut in Liebe ward entb
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Die Wangen werden roth. Sie schlägt die Augen nieder/
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Die Scham verschliest den Mund/ daß keines reden kan.
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Inzwischen spielen doch die Blicke hin und wieder/
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Und Thyrsis sieht genau so Blick als Minen an.
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Er merckt die Heimlichkeit des Hertzens in den Augen/
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Wie da ein schöner Gram und süsses Sehnen steckt/
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Was? spricht er/ mein Verzug kan nun nicht länger taugen/
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Und hat ihr gleich darauff sein Leyden frey entdeckt.
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Ach Thyrsis war zu schön. Was? Thyrsis war zugegen/
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Und was noch mehr geredt/ Acanthe war nicht da.
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Man sahe Mund auff Mund/ und Brust auff Brüste legen/
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Und eine Liebe kam der andern Liebe nah.
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Hier wo der Silber-Strohm in kühlen Büschen rauschet/
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Wo mich die Einsamkeit mit güldnen Schatten nehrt/
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Hab' ich das schöne Paar in ihrer Brunst erlauschet/
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Mein Auge hats gesehn/ mein Ohre hats gehört.
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Die Glieder beben noch/ als ich da muste schauen/
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Wie geiler Wanckelmuth so Treu als Liebe bricht.
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Sol man auff keinen Kuß auff keine Schwüre bauen?
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Besteht kein Liebes-Pfand durch die Entfernung nicht?
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Ach unglückselger Tag! Von diesen Augenblicke
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Frist sich
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ab.
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Die Treu erstirbt vielleicht durch gleiches Ungelücke/
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Die Treu/ womit sich mir mein treuer Schäffer gab.
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Mein Schäffer/ der entfernt/ wer wil mir Bürge werden/
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Daß mein beständig Hertz sein Hertz beständig na
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Die Liebe scheint so leicht in Creyse frembder Erden/
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Als ihr vergnügter Schein in unsern Auen lacht.
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Ach welches Hertz bereits zur Untreu ist gebohren/
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Das fesselt nimmermehr die treuste Liebe nicht.
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Die Seele/ welche sich den Unbestand erkohren/
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Schliest so den Liebes-Bund/ daß sie ihn wieder bricht.
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Doch sol mein Schäffer ja von frembden Flammen bren-
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nen/
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So wil ich lieber todt als unverändert seyn.
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Mein Hertze wird ihn nicht von Hertzen hassen können/
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Die Seele prägt sein Bild sich unausleschlich ein.
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Wiewol/ was sol ich mich mit Furcht und Kummer qvä-
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len?
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Ist das nicht Qvaal genug/ daß er entfernet ist?
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Fort grausamer Verdacht! fort Argwohn aus der Seelen!
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Fort/ weil du meiner Ruh ein Stein und Anstoß bist.
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Kom angenehme Lust/ kom mahle mir die Stunden
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Mit süssen Zügen vor/ und sag es noch einmahl/
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Wie sich mein Schäffer mir auff ewig hat verbunden.
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Und wie sein schöner Mund mein treues Hertze stahl.
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Entwirff mir die Manier/ wie er sich angestellet/
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Da der betrübte Tag des harten Scheidens kam/
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Und wie die Thränen sich den Seufftzern zugesellet/
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Als noch der letzte Kuß den letzten Abschied nahm.
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Mein Schäffer liebet mich/ ich wil ihn wieder lieben/
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Die Liebe machet uns von aller Schincke frey/
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Und hat diß Losungs-Wort in unser Hertz geschrieben:
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Wie in der Nähe-Lieb/ so in der Ferne Treu.

(Hunold, Christian Friedrich: Die Edle Bemühung müssiger Stunden. Hamburg, 1702.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Christian Friedrich Hunold
(16811721)

* 29.09.1681 in Wandersleben, † 16.08.1721 in Halle (Saale)

männlich, geb. Hunold

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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