Trost-schreiben über den todt einer freundin

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Trost-schreiben über den todt einer freundin (1703)

1
Geliebte Freundin/ wann mein brieff nach wermuth
2
schmecket/
3
Wann Coloquinten er in seinen zeilen trägt/
4
Wann ihn statt rothem wachs ein schwartzes siegel decket/
5
Und sich ein zittrend ach! in allen syllben regt;
6
So wisse/ daß ich selbst mit schmertzen bin umfangen/
7
Diß blat wil meiner noth ein treuer zeuge seyn/
8
Denn da dein theurstes guth aus dieser welt gegangen/
9
Mischt sich nicht ungereimt mein ach! zu deinem ein.
10
Es hat die trauer-post mich allzusehr erschrecket/
11
Die dir ein treues hertz/ mir eine Freundin nimmt/
12
Und nichts als angst und weh in meiner seel erwecket/
13
So daß mein hertze selbst in heissen thränen schwimmt.
14
Drumb weiß ich fast auch nicht/ ob ich soll thränen schicken/
15
Ob aber hülff und rath vor deine todes-pein/
16
Die dich mit kümmernüß und trübsal will umstricken/
17
Und dich heist ohne trost/ mich ohne freuden seyn.
18
Zu thränen hat mich längst die freundschafft dir verbunden/
19
Sie ist ein festes band das uns verknüpffet hält.
20
Kein wunder/ wann ich nun auch deinen schmertz empfunden/
21
Und wann dein jammernd ach! auf meine geister fällt.
22
Will gleiche freundschafft sich in gleichen seelen finden/
23
Wie kan es anders seyn/ sie fühlen gleiche noth/
24
Dein wohlseyn konte mich zuvor mit lust umbwinden/
25
Jtzt ist dein trauer-stand mir ärger als der todt.
26
Wie solt ich mich demnach zum troste wohl bequehmen/
27
Ich der ich selber fast ohn trost und hülffe bin?
28
Kan man aus fremder noth offt rath und trost hernehmen/
29
So tröste dich denn auch mit meinem krancken sinn.
30
Kein ander mittel weiß ich dir itzt beyzubringen/
31
Schau meine schmertzen nur und meine wehmuth an
32
Kan mich dein unglück nun zu solchem trauren zwingen/
33
So weiß ich/ daß dich auch mein unglück trösten kan.
34
Zwar ist der riß zu streng/ dem aller trost muß weichen/
35
Ein tieff-verwundtes hertz nimmt keine pflaster an.
36
Wer unter todten steht/ wird selber offt zur leichen
37
Und lehrt/ daß nur ein grab die wunden heilen kan.
38
Ich zweiffle nicht/ du wirst auch todten ähnlich scheinen/
39
Die du nur leich auf leich bißher erlebet hast;
40
Vor kurtzem nöthigten zwo freundin dich zum weinen/
41
Jetzt aber fühlstu erst die rechte kummerlast.
42
Nachdem dein ancker selbst in tausend stück zerbrochen/
43
Auff welchen du bißher dein wohlergehn gesetzt;
44
Und sich der grimme todt so starck an dir gerochen/
45
Daß auch dein hertze selbst biß auf das blut verletzt.
46
Kein wunder/ wann dir nun will alles licht gebrechen/
47
Wer schaut nicht finsternüß wann unsre sonn entweicht
48
Wer kan von frühlings-lust und von vergnügen sprechen/
49
Wann der ergrimmte nord durch unsre felder streicht.
50
Wer kan großmüthig stehn/ wann wolck und donner krachen?
51
Welch mensch schaut sonn und todt mit steiffen augen an?
52
Wer kan wind/ hagel/ sturm und aller wetter lachen/
53
Wenn unser schiff schon selbst mit wellen angethan?
54
Es ist nur allzuviel das sehn zu grabe schicken/
55
Was wir mehr als uns selbst auf dieser welt geliebt.
56
Auch palmen kan die last offt zu der erden drücken/
57
Wie solt ein mensch nicht seyn ob solchen fall betrübt?
58
Drum glaub ich leichtlich auch dein jammer-volles klagen/
59
Allein wo denckstu hin bey dieser traurigkeit?
60
Wie lange wiltu noch die kummer-fessel tragen?
61
Soll dann dein ange nie von thränen seyn befreyt?
62
Ach! Freundin weine nicht/ daß menschen sind gestorben.
63
Dir ist nicht unbekandt des lebens strenge noth.
64
Wer hat nicht angst und pein vor labsal hier erworben/
65
Was tröstet endlich uns wohl bessers als der todt?
66
Es ist dieß leben ja voll müh und voller sorgen/
67
Voll überdruß und pein/ so uns gefangen hält/
68
Wo thränen-reiche noth uns grüsset alle morgen/
69
Wo neid und freundschafft uns viel tausend netze stelt.
70
Wir martern mehrentheils uns selbst auch mit gedancken/
71
Und wehlen dornen uns offt zur ergötzligkeit/
72
Nicht selten strancheln wir in unsern glückes-schrancken
73
Biß endlich uns der todt den letzten fall bereit.
74
Wer wolte demnach nicht getrost diß leben lassen/
75
So nichts als myrrhen uns und gall und wermuth zeigt?
76
Wer wolte ferner auch diejenigen wohl hassen/
77
Die schon den freuden-port der ewigkeit erreicht?
78
So tröste dich dann selbst! zieh ein die schwere thränen/
79
Schau tod und leben nur mit rechten augen an.
80
Ich weiß/ du wirst dich selbst von dieser erden sehnen
81
Und sagen/ daß der todt dir nicht zu viel gethan.
82
Nun Freundin/ du wirst auch diß biat nicht tadeln können
83
Das dir mein leyden hat so kühnlich dargestellt;
84
Zwar hat das schicksal mir nicht eher wollen gönnen/
85
Daß meine wehmuth sey zu deiner noth gesellt.
86
Doch ist die kummer-post mir schon was spät gekommen/
87
So wird ein solcher todt doch nicht zu spät betraurt/
88
Denn deine freundin ist auch mir zu früh genommen/
89
Und wird von mir so starck als von dir selbst bedaurt.
90
Wiewohl ich hoff/ du wirst in diesem fall dich finden/
91
Es kennt dein hoher geist den wechsel dieser zeit/
92
Es wird der himmel selbst die wunden dir verbinden/
93
Der uns nach angst und pein auch wiederumb erfreut.
94
Das wetter pflegt nicht stets mit donner uns zu schrecken/
95
Auff finstre kummer-nacht folgt endlich sonnen-schein.
96
Das feld/ so ietzund nur will dürres gras bedecken/
97
Kan doch im frühling drauff die schönsten blumen streun.
98
Nach dieser thränen-saat wirstu ins künfftge lachen/
99
Alsdann wird deine lust auch mein vergnügen seyn.
100
Solt aber noch indeß ein brieff mich glücklich machen/
101
Wird aller unglücks-blitz mir selbst zum sonnenschein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.