Der unvermuthete verlust Frauen Sabina Menntzelin/ gebohrner Zö- bin/ an ihren Hn. Sohn

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Der unvermuthete verlust Frauen Sabina Menntzelin/ gebohrner Zö- bin/ an ihren Hn. Sohn (1703)

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Mein freund/ ich dachte zwar/ es solten meine zeilen
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Vor dißmahl ein begrif von tausend wüntschen seyn;
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So aber wird der brief zu lauter donner-keilen/
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Die feder tauchet sich in blut und thränen ein.
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Ich zittre dir ein wort/ ein hartes wort/ zu sagen/
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Ach thränen/ nehmet doch das amt der zungen an!
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Der gantz verborgne GOtt hat an den knauff geschlagen/
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Und einen schweren riß in all dein heil gethan.
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Es liegt der mund erblaßt/ der deinen zarten wangen/
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Als dich das licht umfieng/ die ersten küsse gab;
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Die edle mutter ist uns aus den augen gangen/
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Und deinen besten trost umfaßt ein todten-grab.
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Ach unverhoffter fall/ der uns das blut der seelen/
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Die grimme thränen-fluth/ aus hertz und augen prest!
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Ich selber finde mich in so verworrnen hölen/
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So daß der bittre schmertz mich selbst nicht fassen läst.
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Ein tod/ der als ein schlaf die augen überzogen/
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Nahm den entbundnen geist aus seiner wohnung hin;
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Gleich als das licht der welt stieg an die himmels-bogen/
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Umbgab die lange nacht den neuen Seraphin.
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Der menschen letzter feind verlohr hier seinen nahmen/
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Er sah als wie ein freund und naher bruder aus.
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Denn als aus Sions-burg die letzten wincke kamen/
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Brach er gantz unvermerckt der seelen bauges hauß.
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Ein kurtzer augenblick gab sie an dessen seiten/
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Der seinen nahmen ihr zum letzten seustzer lieh;
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Denn den sie nie verließ/ der muste sie begleiten
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Dahin/ wo heil und trost verzuckert qval und müh.
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Die welt vermist an ihr ein muster vieler frauen/
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Wo alle tugenden sich ihren sitz erkiest;
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Denn nichts verstelltes war an ihr durchaus zu schauen/
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Was sonst der argen welt gewohnter zierath ist.
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Der kirchen fehlt ein glied von ungemeiner güte/
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Ein glied das iederzeit des Höchsten tempel war:
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Der arme klagt die hand/ wir aber ihr gemüthe;
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Kurtz: Unser kleinod liegt auff einer todten-baar.
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So seufftzt die gantze stadt! drum schweigen meine wörter/
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Dergleichen lebens-lauff beschämet allen ruhm;
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Zudem bewohnt der geist schon die bestirnten örter/
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Und hat der engel lob zu seinem eigenthum.
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Jhr schmertzlicher verlust ist hier zwar zu betrauren/
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Jedoch der seelen stand nimmt keine thränen an:
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Denn ihre seele wohnt in den saphirnen mauern/
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Wo kein verschlagner feind den frieden stöhren kan.
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Drum überlieffern wir/ mein freund/ dir alle thränen/
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Du bists/ den GOttes hand am allermeisten schlägt:
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Denn deine wunde hat nach pflastern sich zu sehnen/
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Weil man dein schutz-gestirn dir aus den augen trägt.
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Allein begreiffe dich und mindre deine klagen/
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Was dir aus hertze stöst/ ist eine vater-hand;
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Wenn hat der treue GOtt verwundet und geschlagen/
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Da nicht sein arm zugleich den schaden selbst verband/
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Ist schon die mutter hin/ so steht doch der zur seiten/
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Der vielmahls wunderlich doch niemahls böse führt/
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Der wird durch seinen geist dich überall begleiten/
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Biß einst der tugend lohn dein wehrtes haupt beziert.
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Wohlan/ so trockne nun die überschwemmten wangen
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Und schau der mutter heyl mit heitern augen an:
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Wer in die seeligkeit so still und sanfft gegangen/
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Mit diesem hat der tod recht als ein freund gethan.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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