Die saat und erndte der bösen und frommen/ bey volckreicher leich-bestat- tung Fr. Anna Elisabeth Dürkopin/ gebohrnen Leopoldin

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Die saat und erndte der bösen und frommen/ bey volckreicher leich-bestat- tung Fr. Anna Elisabeth Dürkopin/ gebohrnen Leopoldin (1703)

1
Geehrter/ laß mich doch in diesen zeilen weinen/
2
Weil hertz und auge sich hiezu am besten schickt;
3
Mit trost mag dir und mir ein ander freund erscheinen/
4
Den keine centner-last gehäuffter plagen drückt.
5
Ich zehle leider nichts als frisch-erblaßte leichen/
6
Wobey die treue schaar mit nassen wangen steht;
7
Was wunder/ wenn mein hertz bey solchen trauer-zeichen
8
Von thränen sonder zahl aus wehmuth übergeht?
9
Betrübtes Jubel-jahr/ wie schwartz sind deine tage!
10
Der anfang meldet sich mit marter-wochen an/
11
Die neuen stunden sind die boten neuer plage;
12
Wohl dem der zeitiger dort Ostern feyren kan!
13
Jedoch was soll ich viel den lauff des jahres schelten?
14
Das gantze lebens-seld gleicht einer thränen-saat:
15
Der sämann ist der mensch/ der säet wunderselten/
16
Daß er ein quentlein lust gewiß zu erndten hat.
17
Den eintritt in die welt begrüssen wir mit zähren/
18
Das winseln ohne ziel ist Heerold vieler pein/
19
So das verhängniß uns als mutter will gebähren/
20
Wenn wir an jahren reich und auch an kräfften seyn.
21
Die jugend kennet nichts/ als taumeln/ fallen/ fehlen/
22
Auff taumeln/ fall und fehl erfolget weh und ach;
23
Die ruthe strenger zucht ist ein verhaßtes quälen/
24
Jhr anblick wandelt uns in eine thränen-bach.
25
Zuweilen erndten wir/ doch aber kurtzes lachen/
26
Wenn welt und wollust uns von ihrer taffel speist;
27
Dann pflegt man ohne wirth die rechnung offt zu machen/
28
Was wunder/ wenn betrug das wahre facit heist?
29
Der reiffen jahre frucht ist äpffeln gleich zu schätzen/
30
Die Sodoms wüster rest in seinen feldern trägt:
31
Versucht ein hungriger den zahn darein zu setzen/
32
So fühlt er wie der staub ihm in die augen schlägt.
33
Man sucht durch schweres gold den gipffel zu erreichen/
34
Wo das berühmte schloß der stoltzen ehre prangt/
35
Da heisst es offtmals: Freund/ du must vor diesem weichen!
36
An thränen fehlt es nicht/ biß man den zweg erlangt.
37
Läst denn der ehren-stand auch an den ehstand dencken/
38
So läufft ein wilder hengst zu seinen noth-stall ein;
39
Er lässet nicht vernunfft noch klugen raht sich lencken/
40
Und will bey Delila mit macht ein Samson seyn.
41
Das demant-feste band ist mehrmals kaum gebunden/
42
So fehlt es schon an wein/ iedoch an weinen nicht/
43
Denn zehlt der arme tropff die sorgen-reichen stunden/
44
Bevor der tod den halß dem lieben weibe bricht.
45
Will dieser nicht so bald den heissen wunsch gewähren/
46
So merckt man wie der groll sich in das hertze stellt;
47
Der groll pflegt streit und krieg im hause zu gebähren/
48
Des krieges endschafft ist ein thränend wangen-feld.
49
So sieht der wehstand aus! wird dann ein paar geschieden/
50
Und durch des todes pfeil das faule band zertrennt/
51
So gibt man sich fein bald ob dem verlust zu frieden/
52
Und kennt die glut nicht mehr/ die vor so starck gebrennt.
53
Inzwischen pflegt der leib/ doch nicht das hertz zu trauren/
54
Das auge weinet offt wenn geist und seele lacht;
55
Man denckt: so sind numehr zerbrochen diese mauren/
56
So eine scheidewand der geilen lust gemacht.
57
Der frische Wittwer geht auff stoltzen freyers-füssen/
58
Und streicht den pogel-leim bey zeiten auf den heerd;
59
Hat eine krähe sich gefangen geben müssen/
60
So lacht er daß das glück ihm solchen fang bescheert.
61
Jedoch so pflegt es nur der schaum von menschen machen/
62
Der reich an unverstand/ und arm an witz erscheint:
63
Hier gilt der wahre spruch: Wenn kinder zeitig lachen/
64
So kommt der abend nicht/ bevor sie satt geweint.
65
Genug/ die feder will aus ihren circkuln gehen/
66
Jhr lauff verirrt sich schier in der bethörten welt.
67
Ach freund! du must zwar auch dein maaß der thränen säen/
68
Doch gläube/ daß die saat in GOttes acker fällt.
69
Da soll sie künfftig mehr als hundertfältig tragen.
70
(es ist die winter-saat/ du must geduldig seyn!)
71
Kommt erst der herbst herbey/ so wirstu selber sagen/
72
Der thränen-saame giebt den besten freuden-wein.
73
Beweine nicht zu viel das kleeblatt der erblaßten:
74
Sie sind in Abrams schooß/ wie wohl ist ihnen da!
75
Denn ihr calender weiß von keinen jammer-fasten/
76
Lätare folget gleich auf Sexagesima.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.