Den bedencklichen tod theurer Leh- rer/ auf den sel. hintritt Hn. D. Joh. Ben. Carpzovs

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Den bedencklichen tod theurer Leh- rer/ auf den sel. hintritt Hn. D. Joh. Ben. Carpzovs (1703)

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Was iedes seculum vor wunder hat erwiesen/
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Wann es mit seinem lauff zu ende kommen ist/
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Wird bald beweint/ und bald als himmelhoch gepriesen/
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So ferne man hiervon die zeit-beschreibung list.
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Doch keines unter dem ist unserm zu vergleichen/
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Man nehme/ was man will/ aus anderen heraus/
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Auch selbst die jahres-zeit soll aus dem circkel weichen/
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Und die calender gehn mit ihrer rechnung aus.
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Vom übrigen läst sichs mehr dencken/ als hier schreiben/
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Dem himmel seys geklagt/ was Franckreich bloß verübt/
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An denen/ die sich nicht der kirchen einverleiben/
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Da dem gewissen es gesetzes-reguln giebt.
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Und was bedarff es viel weit in die welt zu schweiffen/
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Man bleibe nur allein in unserm lande stehn/
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Was sag ich land? Kan sich wohl größrer kummer häuffen/
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Als mit dem in der stadt wir itzt zu grabe gehn?
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Ich sage nein darzu. Denn uns entweicht ein Lehrer/
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Den aus der erden man mit händen graben soll/
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Was schmertzet mehr als diß/ uns/ dessen treue Hörer!
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Ein ieder gäb vor ihm dem tode sich zum zoll.
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Zumahl da von dem fall wir höher leyd befahren/
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Und vor zukünfftigen fast halb erstaunend sind/
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Wann alles unglück sich will wider uns verpaaren/
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Da man von einem kaum ein wenig ruhe find.
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Als dort Ambrosius zu Mayland schlaffen ginge/
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Fiel gleich der Gothen heer in Welschland grausam ein:
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Wann es der heiligkeit auch selbst am halse hienge/
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(war ihr verfluchtes wort/) muß es doch unser seyn.
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Und Augustinum sah man nicht so bald begraben/
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So war gantz Africa von Wenden überschwemmt.
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Ach! schrie das volck nach ihm/ kan man denn keinen haben/
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Der unser hertzeleid in diesem jammer hemmt?
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Der Bischoff zu Ruspin lag noch gantz unversehret/
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Da schon der Mohren wuth der kirchen freyheit nahm/
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Und rieff: was ihr nur findt/ last hinter euch zerstöret/
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So/ daß aus mutterleib auch nicht ein kind entkam.
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Und o! was soll ich dann viel von Luthero sagen/
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Starb dieser tapffre Held am tag Concordiä/
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So muste Sachsen-land bald über zwietracht klagen/
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Wie giengs im teutschen reich? Man schrie damahls weh!
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Ein weitres mag ich nicht hier im exempel zeigen/
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Wie grosser Lehrer tod groß leiden nach sich zieht.
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Gott gebe/ daß nur wir nicht auch den rücken beugen/
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Da hier ein theurer Mann bald nach dem andern flieht.
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Zehlt man nicht noch die zeit fast nur nach monats-fristen/
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Als aus dem Fürsten-hauß Alberti abschied nahm?
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Der vor die kirche sich recht wuste auszurüsten/
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Und mit so manchem sieg von widersachern kam.
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Dem folgte Möbius/ der zwar von grossen jahren/
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Und also der natur die schuld bezahlet hat;
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Doch muß bey Leipzig man hierdurch so viel erfahren/
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Daß in Theologie ein Doctor in der stadt.
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Denn kaum hat man das haupt in seine grufft versencket/
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Das unsre Priesterschafft das allerhöchste nennt/
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So wird Carpzovius schon auch von uns gelencket/
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Den seinem nachdruck nach nur die gemeine kennt;
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Die diesen Götter-mund von cantzeln donnern hören/
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Und die autorität mit augen angesehn/
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So uns durch einen blick vermochte zu bekehren/
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Wann eine böse that in unsrer brust geschehn.
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Dem an gelehrsamkeit im Lutherthum nichts gleichet/
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Vor dessen Redners-krafft die eloqventz verblaßt/
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Und an geschwindigkeit im lehren alles weichet/
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Der in religion hat allen falsch gehaßt.
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Der sich bey dieser zeit recht vor den riß gestellet/
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Und als ein Josua vors gantze volck gewacht/
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Da schier das unkraut sich dem wäitzen zugesellet/
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Und in der kirchen uns viel wirrerey gemacht.
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Der noch/ mit einem wort/ ein GOttes-mann gewesen/
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So im gedächtniß uns vor vielen oben an/
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Von dem die nach-welt noch in chronicken wird lesen/
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Was er im Lehrer-stand mit seiner treu gethan.
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Und dieser stirbt beynah in einer zeit und stunde/
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Als vor acht tagen jüngst der Superintendeut/
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Diß bringt von einem schlag uns mehr als eine wunde/
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Daß so zwey leichen GOtt auff einmahl zugesendt.
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Sie werden angesagt zugleich/ und auch begraben/
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Da doch der letzte noch nicht in dem alter steht/
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Der erst vor sein verdienst belohnung solte haben/
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Dem aber es hierbey wie seinem vater geht.
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Und so viel mehr will uns der fall nun selber tödten/
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Da wenig Väter sonst in der verlaßnen stadt.
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Der Gröste findet sich bey hohen Majestäten/
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Da die Durchlauchtigkeit ihn mit zu rathe hat.
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Der andre lieget da auff seinem sieches-bette/
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Und hört um sich herum von nichts als todten-post;
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Den gerne Rath und Stadt noch länger bey sich hätte/
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Dems leicht/ eh man dis blat gedruckt/ sein leben kost.
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Der dritte muste sich das land zur cur erwehlen/
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Doch ists erwünscht/ daß er kan wieder bey uns seyn.
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Die übrigen mag man kaum mehr bey paaren zehlen/
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So harte greifft der schluß des grossen himmels ein.
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Er friste also doch noch lang ihr theuer leben/
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Des ersten haupt sey bald mit der gesellschafft da/
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Die andern wolle GOtt auch so mit krafft umgeben/
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Wie man vor dem bey uns viel graue häupter sah.
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Genug/ daß in die kirch ein solcher riß gedrungen/
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Der noch zur zeit vor uns gantz unersetzlich scheint/
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Den schon viel Omina uns längstens vorgesungen/
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Und durch ein zeichen auch der himmel selbst beweint.
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So offt die cantzel uns in das gesichte fället/
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Qvillt thränen-wasser auch aus unsern augen vor.
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Wenn uns der Priester nur ein wort von ihm fürstellet/
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Hebt die gemeine drauff ihr weinend haupt empor.
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Die abschieds-predigt schmertzt noch uns und die gedancken/
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So er kurtz vor dem tod in Christi nahmen hielt/
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Das leiden ohne zahl/ wie wir nicht sollen wancken/
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Wann auch dergleichen uns nach unsern stirnen zielt.
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Die leichen-rede/ so die letzte vor dem ende/
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Und das valet/ so er dem werthen Greiß gemacht/
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Darüber ringen wir gantz höchst-bestürtzt die hände/
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Weil es besorglich ihm viel böses mitgebracht.
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Indessen wird man doch/ was nur Carpzovisch heisset/
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Als Ehren-zweige sehn in unsern mauren blühn.
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Die Wittwe/ so der tod fast mit zu boden reisset/
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Soll man vor anderen in seine andacht ziehn.
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Gott tröste allerseits/ wo anders trost zu finden/
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So unserm hertzeleid an krafft und nachdruck gleicht/
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Ich kan zum wenigsten nichts in die zeilen binden/
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So/ meiner meynung nach/ an diesen jammer reicht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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