Fleh-schrifft an ihre unempfindlich- keit

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Fleh-schrifft an ihre unempfindlich- keit (1703)

1
Arminde deine brust muß kaltes eyß nur hegen/
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Dein hertz muß härter noch als stahl und marmorstein/
3
Ja selbst dein blut erstarrt und gantz erfrohren seyn/
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Weil dich mein jammer nicht zur wehmut kan bewegen,
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Ach! geh doch in dich selbst/ betrachte deine gaben/
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Die himmel und natur auff deinen leib gelegt;
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Es wird durch deine pracht ein steinern hertz bewegt/
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Und ich soll keine glut in meiner seelen haben?
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Bedencke was du thust: dein blick reitzt mich zum lieben/
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Er hat mich ohnversehns in diesen brand gesetzt/
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Dein mund hergegen schilt/ was meine seel ergötzt/
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Und stürtzt mich jederzeit nur tiffer ins betrüben.
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Du sprichst: ich soll dich nicht hinführo mehr berühren/
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Es soll kein liebes-wort aus meinem munde gehn/
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Wie lange soll ich dir so zu gebote stehn?
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Wann wird mich deine gunst aus diesen banden führen?
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Ich kan mich warlich nicht in deine weise finden/
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Die schönheit hat sich sonst mit gütigkeit vermählt/
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Doch wird in deiner brust nur tyranney verhählt/
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Du tadelst auch an mir die kleinsten liehes-sünden/
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Du möchtst zuletzt wohl gar die augen mir verblenden/
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Daß ich nicht ferner dörfft dein himmlisch wesen schaun/
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Was aber kanstu wohl auf diesen grundstein baun/
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Der selbst zerrissen wird von deinen zarten händen?
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Arminde nicht zu scharff! Ich brenn in deinen flammen/
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Die Salamandren auf fast unerträglich seyn/
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Mein feuer rührt ja her von deinem sonnen schein/
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Wie kanstu mich dann nun und meine glut verdammen.
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Verwirffstu meine pein und mein getreues lieben/
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So tadle erst zuvor dein helles augen-licht/
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Bestraffe deine macht/ die tausend hertzen bricht/
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Denn du hast selbst diß feur in meine brust getrieben,
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Arminde hör doch auf mit meiner noth zu schertzen;
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Gewiß/ dein laulicht seyn vertilgt nicht meine glut/
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Je kälter du dich stellst/ je heisser wird mein blut/
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Ach! laß dir meine qual doch endlich gehn zu hertzen.
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Ich muß ja lang genug in furcht und hoffnung schweben/
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Soll ich ich nun ferner noch in liebes-banden stehn/
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Und ohne allen trost und labsal untergehn?
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Soll nichts als bittres weh den matten geist umgeben?
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Betrachte meine pein und meine centner-plagen/
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Gedencke/ wer du bist/ erwege meine glut/
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Schau meine flammen an und mein erhitztes blut/
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Und laß mich länger nicht mein eigen hertze nagen.
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Dein rosen- mund kan sich auf ewig nicht verbinden/
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Sein glantz wird endlich doch mit schatten überstreut/
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Selbst Diamanten seyn von flecken nicht befreyt/
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Der schönste purpur läst auch seine pracht verschwinden.
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Es muß dein helles aug verlassen seine strahlen/
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Die hier auff dieser welt mit glut und feur gespielt,
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Weil auch die sonne selbst zum untergange zielt/
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Und uns nicht ewig wird mit fürniß übermahlen/
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Die höchste lilje küst den schooß der schwartzen erden/
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Selbst Alabaster wird mit moder überstreut/
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Den feinsten Marmel frist die allzustrenge zeit/
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Wie kan dein schönster leib dann wohl verschonet werden?
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Noch will der himmel dich die andre Venus nennen/
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Drumb laß dein kaltes hertz in heissen funcken stehn/
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Laß nichts als feur und glut von deinem munde gehn/
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Laß deine geister selbst in liebes-flammen brennen.
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Du weist/ die jugend kan uns blumen nur gewehren/
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Das altar hegt sonst nichts/ als blaße traurigkeit/
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Wo lust und anmut sind mit dornen überstreut/
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Wo gram und sorgen läst die liebes-krafft verzehren.
65
Bediene dich demnach der weissen Anmuths-Liljen/
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Die himmel und natur auf deine wangen legt/
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Gebrauche dich der macht die tausend hertzen regt/
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Eh noch der bleiche todt wird deinen glantz vertilgen.
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Arminde laß mich nicht in meiner angst verderben/
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Es wird der himmel ja zur gütigkeit bewegt/
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Wann man in tieffster pflicht sich vor ihm niederlegt.
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Ach laß dein göttlich lob nicht vor der welt ersterben.
73
Verwirff die grausamkeit! verändre doch dein wesen/
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Und schau hinführo mich mit andern blicken an/
75
Ich habe lang genug berührt die dornen-bahn/
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Laß mich nun auch davor die zucker-rosen lesen.
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Laß meine liebes-pein dein hartes hertze brechen/
78
Erhörstu deinen knecht/ der vor dir niederfällt.
79
So wird dein heller glantz den sonnen zugesellt/
80
Und meine flammen wird kein sturm noch unglück schwächen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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