An die nacht/ darinnen ihm von ihr träumte

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: An die nacht/ darinnen ihm von ihr träumte (1703)

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Seyd tausendmahl begrüsst/ ihr tunckle-reiche schatten/
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Der himmel kröne dich/ du gold-gestirnte Nacht/
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Weil du mein helles licht mir wieder wilt erstatten/
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Das mir ein schnöder tag so finster hat gemacht/
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Ja wohl mit recht ist der ein schnöder tag zu nennen/
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Der meinen leitstern mir/ Melinden/ hat entführt/
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Der meine gluth erstickt/ darin ich pflag zu brennen
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Und allen schmuck versehrt/ womit ich ausgeziert.
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Doch was der tag verbrach/ wilt du/ o nacht! ersetzen/
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Er riß Melindem weg/ du aber bringst sie mir/
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Und da er als ein feind zerstörte mein ergötzen/
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So stellstu mirs im traum noch eins so lieblich für;
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Ach angenehmster traum/ der mir mein leben zeiget/
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Der mich/ und was ich bin mit stiller lust umbschliest/
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Der die vergnügung selbst auf meine Scheitel neiget/
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Und mein vergälltes glück so zärtlich mir versüst/
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Wie artig bringst du mir im schatten doch getragen/
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Melindens lieblichkeit und sternen-gleiche pracht.
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Die der vorhaste tag mir gleichwol will versagen/
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Weil er auf sonsten nichts/ als meinen todt bedacht;
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Wie offters pfleg ich nicht Melinden zu erblicken/
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Wie prächtig scheint mir nicht ihr holdes angesicht/
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Wie häufig pflegt sie doch die glut auf mich zu schicken/
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Die mit verliebten glantz aus ihren augen bricht/
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Wie freundlich stelt sie sich mit fingen/ spielen/ lachen/
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Und tret ich endlich auch zu ihr was näher hin/
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So spür ich allererst die rechte wunder-sachen/
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Die durch verborgne krafft bezaubern muth und sinn.
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Wir doppeln ungescheut die keuschen liebes-flammen/
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Die weder haß noch neid durch ihren gifft befleckt/
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Und schliessen hand und mund durch einen kus zusammen/
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Der lieblich ist wie sie/ und nach den himmel schmeckt/
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Ach wär es möglich doch dis immer zu geniessen/
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Was mir ein sanffter traum so lieblich fürgestelt/
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Gewis ich wolt im traum mein leben gar beschliessen/
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Das ohne diesen trost kaum kaum sich noch erhält.
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Was aber Phantasie; ihr taumlende gedancken/
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Wo laufft ihr endlich hin? wie sehr verirrt ihr euch!
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Wie thörigt sucht ihr doch in Morpheus blinden schrancken/
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Den ursprung eurer lust und euer freuden-reich.
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Was sind die träume doch? ein irrwisch unsrer hertzen/
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Der mit verlognem schein uns von der warheit führt/
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Ein falsches schatten-werck zur mehrung unsrer schmertzen/
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Zu blenden die vernunfft die unser thun regiert.
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Ein zunder/ welcher uns je mehr und mehr entzündet/
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Ein etwas das zerfleucht/ nichts war/ und nichts verbleibt/
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Ein blitz/ der unversehns im augen-blick verschwindet/
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Ein dunst/ der in der lufft wie trüber rauch zerstäubt.
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Melander hoffstu nun was dir die träume zeigen/
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Ach du betriegst dich selbst in deinem eitlen wahn/
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Melinde wird sich nie so eyfrig zu dir neigen/
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Als wol ein falscher traum dir solches kund gethan;
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Du weist/ ein weiter ort hält ihren leib gebunden/
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Sie sucht in frembder lufft versüste frühlings-ruh/
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Und da sie sich vielleicht mit Lilljen hat umbwunden/
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Weht dir ihr freuden-wind die schärffste dornen zu.
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Du must dich nur allhie mit schatten-wercke speisen/
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Wie aber reimt sich doch/ verliebt und ferne seyn?
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Wie schickt sich wohl dein weh zu ihren anmuths-reisen?
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Und ihre grausamkeit zu deiner seelen-pein?
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Armseelger/ glaube nicht/ Melinde werd dich lieben/
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Nein/ nein/ nur mache dich von solchem wahn befreyt/
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Sie weis von deiner noth/ sie kennet dein betrüben/
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Und gleichwohl lebt sie dort in lauter freudigkeit.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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