Schertz-gedancken/ als er sie hincken sahe

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Schertz-gedancken/ als er sie hincken sahe (1703)

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Verzeihe/ schönstes bild/ wann meine reimen hincken/
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Wenn alle syllben nicht in gleichen schrancken stehn/
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Wann offt die wörter selbst aus dem gewichte sincken/
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Und nicht/ wie sichs gebührt/ in steiffer ordnung gehn;
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Sie lernen es von dir: denn als ich dich erblickte/
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Wie sich dein einer fuß nicht gar zu wol bequemt/
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Und dich bey jedem tritt fast zu der erden drückte/
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Ward hand und feder mir von stunden an gelähmt.
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Kan hand und feder nun nicht eben zierlich schertzen/
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Steckt keine lieblichkeit in dieser engen schrifft;
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So liegt die schuld an dir/ weil dein zu strenger schmertzen
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Mir alle sehnen hemmt und durchs geäder trifft.
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Wiewol mein brief will sich auch hinckend zu dir fügen/
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Er stellt sich eben so/ wie du/ erbärmlich an/
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Und kan man rath und trost aus frembdem kummer kriegen/
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So glaub ich/ daß er dich gewiß auch trösten kan.
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Schau nur wie kläglich er wil hin und wieder sincken/
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Wie alle syllben fast auf krancken füssen gehn/
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Und wie die wörter selbst von allen seiten hincken/
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Was letzt soll/ geht voran/ was erst/ willetzlich stehn.
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Nicht lache/ schönstes bild/ es taumlen hand und sinnen/
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Du schaust allhier die frucht verwirrter traurigkeit;
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Und dencke selber nach/ was kan man wol beginnen/
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Wann feder/ hand und hertz mit kummer überstreut?
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Jedoch ich weis/ du wirst die reime nicht verachten/
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Ob sie schon noch so schwach mit lahmen schritten gehn/
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Du wirst vielmehr durch sie den ordenitzt betrachten/
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Darinn du selbst nun must als mit-genoßin stehn.
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Du darfst gewißlich dich des hinckens gar nicht schämen/
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Es ist von alters her fast hoch und werth geacht.
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Mann must’ offt hinckende zum dienst der götter nehmen/
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Wann ihnen etwan ward ein opfer-fest gebracht;
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Was war wol lieblicher und schöner anzusehen/
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Als da ein scharffer dorn der Venus fuß verletzt/
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Und sie deswegenlahm und hinckend muste gehen?
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Und doch ward sie deshalb nicht minder hoch-geschätzt,
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Das tantzen an sich selbst ist nur ein zierlichs hincken/
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Man hincket ebenfals/ nur daß mans künstlich macht/
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Bald hebt der fus sich auf/ bald mus er wieder sincken/
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So wie er durch die kunst in ordnung wird gebracht.
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Ja selbst Vulcanus ist deshalb in himmel kommen/
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Man trug ihm willig auff der grossen götter rath/
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Die ihn in ihre zahl und freundschafft aufgenommen/
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Ob er schon noch so grob und starck gehincket hat;
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Ist nun Vulcanus gott/ so mustu göttin werden/
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Weil ihr euch beyde gut und wol zusammen schickt;
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Befeßle du demnach die freyheit dieser erden/
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Er hält den himmels- creys dort droben schon bestrickt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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