17.

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Arno Holz: 17. (1886)

1
Der Wein mir im zinnernen Krug,
2
Und fern in des Kellers Gedunkel
3
Da stehn noch der Fässer genug.

4
Doch will es mir heute nicht glücken
5
So fröhlich wie gestern zu sein,
6
Und die zitternden Hände drücken
7
Sich tief in die Schläfen hinein.

8
Des Rathswächters Pfeifen und Rufen
9
Zeigt draußen die Mitternacht an,
10
Und längst stieg die steinernen Stufen
11
Der letzte der Gäste hinan.

12
Daheim am flackernden Herde
13
Genießt er nun traulich sein Glück,
14
Und ich blieb hier unter der Erde
15
Ach, nur mit mir selber zurück!

16
Und wie es so einsam geworden
17
Und rings um mich still wie im Grab,
18
Da klingt es in weichen Akkorden
19
Bis tief in mein Grübeln herab.

20
Erst stiehlt es sich lieb und verlockend
21
Hinein in das lauschende Ohr,
22
Und dann schwillt es froh und frohlockend
23
Zum jubelnden Hochzeitschor.

24
Und die schmeichelnden Weisen erzählen
25
Der Luft und dem flackernden Licht,
26
Wie droben in schimmernden Sälen
27
Mein Glück in Scherben zerbricht.

28
Ich aber sitze und sinne,
29
Verloren in Gram und in Schmerz,
30
Und das Lied von der sterbenden Minne
31
Durchzuckt mir das blutende Herz.

32
Verworrene, wilde Gedanken
33
Entsteigen dem fiebernden Hirn
34
Und klammern wie dornige Ranken
35
Sich fest um die faltige Stirn:

36
Nun wiegt sie wohl droben im Tanze,
37
Von luftigen Schleiern umwallt,
38
Geschmückt mit dem bräutlichen Kranze
39
Die liebliche schlanke Gestalt.

40
Doch ein Andrer fühlt jetzt erwarmen
41
Das Herz, das einst klopfte für mich,
42
Und ein Andrer darf sie umarmen
43
Und ein Andrer sie küssen als ich!

44
Und lauter kreischen die Geigen
45
Und wilder bäumt sich mein Leid,
46
Und toller verschlingt sich der Reigen
47
Von Traum und Wirklichkeit.

48
Es knistern die seidenen Schleppen,
49
Es funkelt der goldne Pokal,
50
Und mir ist es, als stieg ich die Treppen
51
Hinauf in den Marmorsaal.

52
Dort ruht unter Myrthen und Rosen
53
Ein Brautpaar auf schwellendem Thron,
54
Doch sein heimliches Küssen und Kosen
55
Mich trifft es wie schneidender Hohn.

56
Gedenk der gebrochenen Eide,
57
Empört sich mein siedendes Blut —
58
Nun nehme mich und euch Beide
59
Der Himmel in seine Hut!

60
Doch eh ich noch über die Schwelle
61
Den Weg in das Blumenmeer fand,
62
Hat wieder die blendende Helle
63
Sich gähnend ins Dunkel gewandt.

64
Und wieder sitz ich und sinne
65
Hier unten im düstern Gelaß,
66
Und das Lied von der sterbenden Minne
67
Verkehrt sich in glühenden Haß.

68
Und mir ist es, als müßte nun suchen
69
Mein Herz sich die ewige Ruh,
70
Als müßt ich mich selber verfluchen
71
Und dich und den Himmel dazu!

(Holz, Arno: Das Buch der Zeit. Lieder eines Modernen. Zürich, 1886.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Arno Holz
(18631929)

* 26.04.1863 in Kętrzyn, † 26.10.1929 in Berlin

männlich, geb. Holz

Journalist, deutscher Dichter und Dramatiker des Naturalismus (1863-1929)

(Aus: Wikidata.org)

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