Ecce homo!

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Arno Holz: Ecce homo! (1886)

1
Als wäre nichts geschehn,
2
Still mit dem Glockenschlag
3
An seine Arbeit gehn;
4
Das Halstuch roth wie Blut,
5
Von Locken wirr umflogen,
6
Den Kalabreserhut
7
Tief in die Stirn gezogen.

8
Ein jeder Zoll Genie,
9
Ein Volksmann, ein Poet,
10
Scheint er mir öfters, wie
11
Ein biblischer Prophet.
12
Das ganze Viertel kennt
13
Und ehrt in ihm den Führer,
14
Der oft im Parlament
15
Auftrat, ein wilder Schürer.

16
Weh, jeder Tyrannei,
17
Wenn er bis Mitternacht
18
Am Pult der Druckerei
19
Geschrieben und gedacht!
20
Wem seine Blitze sprühn,
21
Vergißt das Athemholen,
22
Denn seine Worte glühn
23
Im Hirn wie rothe Kohlen.

24
Ein rechter Proletar!
25
Ein wahres Zorngedicht!
26
Wer seine Mutter war?
27
Er weiß es selber nicht!
28
Vielleicht ein Kind der Lust,
29
Das, weil die Noth es taufte,
30
Das Herz aus seiner Brust
31
Um schnödes Gold verkaufte.

32
Vielleicht auch nur, ja
33
Ein Weib in Goldbrokat,
34
Das trotz Moraldressur
35
In eine Pfütze trat.
36
Vielleicht liegt sie schon todt
37
In einer eklen Gosse,
38
Vielleicht bespritzt mit Koth
39
Ihn ihre Staatskarosse.

40
Ein armes Findelkind,
41
Im ersten Morgengrau,
42
Umweht vom Winterwind,
43
Fand ihn die Zeitungsfrau.
44
Er that's ihr lächelnd an,
45
Der rosige Rebeller,
46
Und auf nahm ihn ihr Mann
47
In seinen Schusterkeller.

48
Hier wuchs er in die Welt,
49
Ein Bursch mit blondem Haar,
50
Sein einzig Tummelfeld
51
Das Großstadt-Trottoir.
52
Wohl schwoll der Stiefelkram,
53
Doch auch das Taufregister,
54
Und nach und nach bekam
55
Er sieben Milchgeschwister.

56
Und knapper ward das Brot,
57
Der Junge mußte „ran“!
58
Und bleich im Dienst der Noth
59
Hub nun sein Elend an.
60
Er stand im Setzersaal,
61
Die Hand am Letternkasten,
62
Und half das Volksjournal
63
Des Nachts zusammenhasten.

64
Die Uhr vom Thurm her klang
65
Wie tief in eine Gruft,
66
Ein fetter Oelgestank
67
Schwamm ranzig durch die Luft.
68
Man hörte wie im Traum
69
Die Winkelhaken klirren
70
Und im Maschinenraum
71
Die Lederriemen schwirren.

72
Um ging von Hand zu Hand
73
Ein Bräu aus Schnaps und Bier,
74
Als Etiquett drauf stand:
75
Gesundheits-Elixir!
76
In schmutzgen Zoten sprach
77
Frech das Maschinenmädel,
78
Das Gaslicht aber stach
79
Ihm grell auf seinen Schädel.

80
Er aber: Griff auf Griff
81
That er mit düsterm Blick,
82
Durchs offne Fenster pfiff
83
Der Wind ihm ins Genick.
84
Er strich um ihn herum
85
Und blies ihm in die Ohren:
86
„so recht! So recht! Warum
87
Bist du nicht „hoch“ geboren?

88
Warum beim Stümpfchen Talg
89
Hat dich das Glück geheckt
90
Und nicht als Wechselbalg
91
In Eiderdun gesteckt?
92
Dann stündest du nicht hier,
93
Behängt mit schmutzgen Lappen,
94
Dann wärst du auch kein Thier
95
Und pochtest auf dein Wappen.

96
Du wärst auch nicht wie nun
97
An Leib und Seele krank,
98
Du brauchtest nichts zu thun
99
Und sagtest: Gottseidank!
100
Auch hättest du dann Geld,
101
Wie Rothschild ganze Frachten,
102
Und könntest diese Welt
103
Noch mehr als jetzt verachten!“

104
So stand er düster da
105
Und rang mit seinem Groll
106
Und sein College sah,
107
Wie ihm die Ader schwoll.
108
Zu tief saß es, zu tief,
109
Er grollte, sann und dachte,
110
Bis sie, die in ihm schlief,
111
Die Urkraft, jäh erwachte.

112
Und heiß ins Hirn empor
113
Kam ihm das Blut gespritzt,
114
Wie wenn ein Meteor
115
Nachts durch den Himmel blitzt.
116
Denn plötzlich riesengroß
117
Sah er ein Schreckbild thronen —
118
Es war sein eigen Loos,
119
Das Loos von Millionen!

120
Da, deutlich, schwarz auf weiß,
121
Stand's da und sah ihn an,
122
Daß ihm das Blut wie Eis
123
Kalt durch die Adern rann.
124
Es war nur ein Fragment,
125
Ein abgerissner Fetzen,
126
Ein neustes Testament,
127
Und er, er sollt es setzen!

128
„ein armer Bettler kroch
129
Vor seines Bruders Haus
130
Und bat, o reich mir doch
131
Ein Stückchen Brot heraus!
132
Vor meinen Augen flirrt's,
133
Ich habe nichts zu essen,
134
Der liebe Herrgott wird's
135
Dir sicher nicht vergessen!

136
Sein Bruder aber schrie
137
Und strich sein Doppelkinn:
138
Was willst du, tolles Vieh?
139
Scheer dich wo anders hin!
140
Das sauft nur immer Wein
141
Und ekelt sich vor Wasser —
142
Da hier, friß diesen Stein ...
143
Doch, sag ‚Schöndank!‘ du Prasser!

144
Da schrie der Aermste auf,
145
Zu teuflisch war der Hohn,
146
Und eine Stunde drauf
147
Lag er im Wasser schon.
148
Derweil nach dem Diner
149
Hielt lammfromm vor dem Städtchen
150
Sein Bruder, Herr
151
Sein Mittagspromenädchen!“

152
O, nun zum ersten Mal
153
Verstand er Wort für Wort,
154
Fürs Volk war das Journal
155
Und dies war ja ein Mord!
156
Es war ein Mord und mehr,
157
Es war die alte Fabel,
158
Wie einst — o lang ist's her —
159
Der Kain schlug den Abel!

160
Mit Augen, thränenroth,
161
Verschlang er, was er las,
162
Bis knöchern ihm der Tod
163
Im weichen Herzen saß.
164
Den Otternkranz im Haar,
165
Umtanzten ihn die Furien,
166
So sinnverwirrend war
167
Kein Zerrbild aus Lemurien!

168
Und tage- wochenlang
169
Lief er umher wie wild,
170
In seine Träume schlang
171
Sich jenes wüste Bild.
172
Er sah es riesengroß
173
In jedem Winkel thronen,
174
War's doch sein eigen Loos,
175
Das Loos von Millionen!

176
In Stoppeln stand sein Bart,
177
Sein Herz war wie verdorrt,
178
Er — lachte nur und ward
179
Ein Anderer hinfort!
180
Sein Weichmuth biß ins Gras,
181
Ihn kniff's wie eine Zange
182
Und hochauf schwoll sein Haß
183
Wie eine Tigerschlange.

184
Da winkte wie ein Ziel
185
Ihm fern ein goldner Schein
186
Und mehr als einmal fiel
187
Ihm der Messias ein.
188
Er grübelte und sah:
189
Noch wird das Volk geknutet,
190
Das Herz von Golgatha
191
Hat sich umsonst verblutet!

192
Nun sprach das Ideal
193
Ihm tief zu Herz und Hirn,
194
Sein blutig Kainsmal
195
Stand roth auf seiner Stirn.
196
Er floh das Volksgewühl
197
Und schlief nur wenig Stunden
198
Und ließ dann sein Gefühl
199
Sich zu Gedanken runden:

200
„ein Fluch auf diese Zeit!
201
Was grad wuchs, biegt sie krumm!
202
Mein Herzblut aber schreit:
203
Warum, o Gott, warum?
204
Wozu denn Herr und Knecht?
205
Was arm, was reich auf Erden?
206
Für das zertretne Recht
207
Will ich der Anwalt werden!

208
Drum her, o her zu mir,
209
Die ihr beladen seid!
210
Mein Reich ist ja von hier!
211
Mein Reich ist diese Zeit!
212
Ihr, die hier wild in sich
213
Den Schrei der Wuth ersticken,
214
Kommt alle her, denn ich,
215
Ja ich will euch erquicken!

216
Ich will ins Morgenroth
217
Der nahen Zukunft sehn
218
Und euer Schrei nach Brot
219
Wird in Erfüllung gehn.
220
Der Knechtschaft Dorngesträuch,
221
Mein Schwert soll es zerkrachen,
222
Ich will aus Sklaven euch
223
Zu freien Menschen machen!

224
Ihr aber, die ihr faul
225
Auf euerm Geldsack sitzt,
226
Indeß das Volk, der Gaul,
227
Vor euerm Karren schwitzt:
228
Laßt euern Wanst gedeihn,
229
Laßt eure Hunde bellen,
230
Ich werde „Feuer!“ schrein,
231
Bis euch die Ohren gellen!

232
Ich stoße von dem Thron
233
Das Wörtchen „mein und dein“,
234
Das brave Volk wird schon
235
Auf seinem Posten sein.
236
Drum tanzt nur! Der Vulkan
237
Wird bald in Feuer kreißen,
238
Dann wird es Zahn um Zahn
239
Und Aug um Auge heißen!“

240
Was er nur halb durchdacht,
241
Er rief es wildverstört,
242
Und manche stille Nacht
243
Hat seinen Fluch gehört.
244
Die Furcht vor Gold und Rang
245
Verschwur er hoch und theuer,
246
Ein wilder Wissensdrang
247
Rann ihm durchs Hirn wie Feuer.

248
Wohl stand er hart in Frohn,
249
Ein armer Proletar,
250
Doch blieb sein halber Lohn
251
Beim Bücher-Antiquar.
252
An jedem Wahltag strich
253
Er ruhlos um die Thüren
254
Und haschte Zettel sich,
255
Flugblätter und Broschüren.

256
Schlug ihm das Herz so warm,
257
Und unverstanden blieb
258
Ihm sein Collegenschwarm.
259
Wenn der in Saus und Braus
260
Sich Sonntags amüsirte,
261
Dann saß er still zu Haus
262
Am Werktisch und studirte.

263
Die Schusterkugel warf
264
Aufs Buch ihr Licht herab
265
Und seitlich hub sich scharf
266
Sein schwarzer Schatten ab.
267
Man sah ihn, wenn er kroch,
268
Bis an die Decke schwanken,
269
Doch höher reichten noch
270
Des Schwärmers Traumgedanken.

271
Er träumte, seine Saat
272
Ging auf im Zeitverlauf
273
Und schon schloß ein Mandat
274
Ihm auch den Reichstag auf.
275
Sein Wort flog wie ein Ball,
276
Er stand auf der Tribüne,
277
Halb Rousseau, halb Lassalle,
278
Und sprach von Schuld und Sühne.

279
Er sprach, und wenn er schwieg,
280
Klang's linksher wie Hurrah,
281
Denn hüben war's ein Sieg
282
Und drüben ein Eclat.
283
Und flog's dann durch das Land,
284
Wo heiße Stirnen tropften,
285
Dann gab man sich die Hand
286
Und tausend Herzen klopften.

287
Und wieder schlugs ihm dann
288
Vertrauter ans Gehör,
289
Er war ein schlichter Mann,
290
Ein Zeitungsredakteur.
291
Er saß am Pult und schrieb,
292
Es waren große Züge
293
Und jeder Satz ein Hieb,
294
Ein Hieb ins Herz der Lüge.

295
Er schrieb, und lag das Blatt
296
Dann auf dem Tisch der Noth,
297
Dann war die Armuth satt
298
Und schrie nicht mehr nach Brot.
299
Ein Balsam war sein Wort,
300
Es stand ein Held auf Wache
301
Und war ein rechter Hort
302
Für jede gute Sache.

303
Die Hände vorm Gesicht,
304
So saß er träumend da,
305
Bis bleich das Morgenlicht
306
Durchs Kellerfenster sah.
307
Dann, müd und überwacht,
308
Ging's in die neue Woche —
309
O, er war Tag und Nacht
310
Ein Pegasus im Joche!

311
So rollte abgrundwärts
312
Von dannen Jahr um Jahr
313
Und heller ward sein Herz
314
Und dunkler ward sein Haar.
315
Wie Chopins Melodien,
316
Es war nicht zu verkennen,
317
In seinen Augen schien
318
Ein blauer Stern zu brennen.

319
Er stand nicht mehr bestaubt
320
Am Werktisch um Gewinnst,
321
Das Glück wob ihm ums Haupt
322
Sein lichtes Goldgespinnst.
323
Erschallen ließ er frank,
324
Ein Herold, seine Rufe
325
Und jubelte und schwang
326
Von Stufe sich zu Stufe.

327
Er flehte: Herz, sei hart
328
Und rühr's nicht an, das Gold!
329
Bis er es endlich ward,
330
Was er so heiß gewollt.
331
O, nur ein Mann, ein Wort,
332
Ein Volkssoldat auf Wache,
333
Ein echter, rechter Hort
334
Für jede gute Sache!

335
Sein Bild hängt nun bekränzt
336
Die Noth an ihre Wand,
337
Auf seinem Haupt erglänzt
338
Des Freimuths Krondemant.
339
Sein Wort klirrt wie von Erz
340
Und nennst du seinen Namen,
341
Dann schlägt dem Volk das Herz
342
Und heimlich spricht es: Amen!

343
An seinen Werken schweißt
344
Das ringende Geschlecht,
345
Sein Wahlspruch aber heißt:
346
Die Freiheit und das Recht!
347
So kämpft als Paladin
348
Der Schusterssohn von weiland
349
Und alles schaut auf ihn,
350
Wie auf den neuen Heiland.

351
Doch stößt ein Volkstribun
352
Allorts auf einen Stein,
353
Kein Wunder drum, wenn nun
354
Auch viele „Kreuzigt!“ schrein.
355
Dies Wort war ja von je
356
Ein gute Wehr und Waffen —
357
So lehrt's das
358
Der Junker und der Pfaffen!

359
Das Volk, hat's ein Idol,
360
Dann will's zum Brot auch Salz;
361
Die Herren wissen wohl,
362
Es geht an ihren Hals!
363
Drum zetern sie: Er ist
364
Ein Teufelsflammenschürer,
365
Ein wilder Antichrist,
366
Ein schlauer Volksverführer!

367
Er aber lacht sie aus,
368
Er weiß, der Sieg ist sein;
369
Und treiben sie's zu kraus,
370
Dann donnert er darein:
371
„ja, tanzt nur! Der Vulkan
372
Wird bald in Feuer kreißen,
373
Dann wird es Zahn um Zahn
374
Und Aug um Auge heißen!“

375
So klingt — bald Moll, bald Dur —
376
Sein großes Tongedicht;
377
Ob er ein Schwärmer nur?
378
Je nun, ich glaub es nicht!
379
Ein rechter Demokrat
380
Grollt auch im Festungsgraben,
381
Zu einem Mann der That
382
Scheint er das Zeug zu haben.

383
Einstweilen stürzt sein Zorn
384
Ihn noch nicht in den Streit;
385
Er freut sich, wie das Korn,
386
Das er gesät, gedeiht.
387
Schon kann er's hoch und dicht
388
Mit beiden Händen greifen,
389
Doch noch ist's Austtag nicht,
390
Er läßt es reifen, reifen ....

391
Ich seh ihn Tag für Tag,
392
Als wäre nichts geschehn,
393
Still mit dem Glockenschlag
394
An seine Arbeit gehn;
395
Das Halstuch roth wie Blut,
396
Von Locken wirr umflogen,
397
Den Kalabreserhut
398
Tief in die Stirn gezogen.

(Holz, Arno: Das Buch der Zeit. Lieder eines Modernen. Zürich, 1886.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Arno Holz
(18631929)

* 26.04.1863 in Kętrzyn, † 26.10.1929 in Berlin

männlich, geb. Holz

Journalist, deutscher Dichter und Dramatiker des Naturalismus (1863-1929)

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.