Weltgeschichte

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Arno Holz: Weltgeschichte (1886)

1
Duftend im Vollmond schwanken die Gräser;
2
Alles schläft! Nur ein steinalter Mann
3
Putzt sich geschäftig die Brillengläser.
4
Nimmt sich ein Prieschen und sagt: Hätschi!
5
Ich bin der achte der sieben Weisen!
6
Ach, und er merkt es nicht einmal, wie
7
Ueber ihm leuchtend die Sterne kreisen!

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Sehnsüchtig harft durch die Zweige der Wind,
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Blüthen erschließen sich, Knospen schwellen;
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Alles still! Nur der Nachtthau rinnt
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Und von den Bergen her rauschen die Quellen.
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Raune nur traumhaft, du dunkle Natur,
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Raune das Räthsel der Elemente,
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Hat doch der alte Graukopf nur
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Sinn für Bücher und Pergamente!

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Wenn er nur schnüffeln und büffeln kann,
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Mag dreist dies Sonnensystem erkalten;
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Ihm ist's schon recht, denn was geht es ihn an,
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Daß sich die Welten wie Blumen entfalten?
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Festgeleimt an den Stuhl das Gesäß,
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Fängt er sich Grillen und mästet sich Motten,
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Hüstelt und schreibt gelehrte Essays
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Ueber Assyrer und Hottentotten.

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Tintenfässer bilden Spalier,
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Goldstreusand und Radiermesser blinken,
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Ganze Ballen von Schreibpapier
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Liegen bekritzelt ihm schon zur Linken.
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Säuberlich hat er drin aufnotirt
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Jede Schlacht und jedes Gemetzel,
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Neben Napoleon figurirt
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Kaiser Tiber und der Hunnenchan Etzel.

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Ekelerregend mit jedem Band
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Schwillt das Gemengsel von Blut, Fleisch und Knochen;
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Leute wie Sokrates, Shakesspeare und Kant
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Werden nur so nebenbei besprochen.
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Weltharmonie und Sphärenmusik
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Können ihm vollends gestohlen bleiben;
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Interessanter ist schon die Rubrik,
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Wie sich die Kaiser von China entleiben!

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Also sitzt er und schmiert und schmiert
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Todte Zahlen und trockne Berichte,
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Bis er dann endlich „Schluß“ drunter kliert
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Und auf das Titelblatt: „Weltgeschichte“.
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Weltgeschichte! O blutiger Hohn!
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Uralter Hymnus auf die Bornirtheit!
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Wann, o wann kommt des Menschen Sohn,
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Der dich erlöst aus deiner Verthiertheit?

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Immer noch brütet die alte Nacht
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Grauenvoll über den Völkern der Erde,
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Aber schon seh ich rothlodernd entfacht
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Flammen des Geistes auf ewigem Herde.
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Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit
53
Jubelt die neugeborene Trias!
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Freu dich, mein Herz, denn die goldene Zeit
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Dämmert und predigen wird der Messias:

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Lebt in Frieden und baut euer Zelt,
57
Viel ach, müßt ihr noch lehren und lernen;
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Ruft drum als Loosung von Land zu Land:
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Erst wenn sie staunend sich selbst erkannt,
60
Dann erst ist sie der Schöpfung Krone!

(Holz, Arno: Das Buch der Zeit. Lieder eines Modernen. Zürich, 1886.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Arno Holz
(18631929)

* 26.04.1863 in Kętrzyn, † 26.10.1929 in Berlin

männlich, geb. Holz

Journalist, deutscher Dichter und Dramatiker des Naturalismus (1863-1929)

(Aus: Wikidata.org)

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