2.

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Arno Holz: 2. (1886)

1
Taub für den Wahnwunsch,
2
Den tausendfältigen
3
Ihres Geschlechts,
4
Unbarmherzig
5
Mit eherner Schneide
6
Die Zeit in ihr Kerbholz:
7
Wieder ein Tag!
8
Und wieder nun wandelt,
9
Fröhlich wie immer,
10
Singend der Abend
11
Durch das Goldthor des Westens
12
Den hängenden Gärten
13
Der sinkenden Sonne zu
14
Und leis verhauchen,
15
Vor Wehmuth zitternd,
16
Ihr tönendes Leben
17
Ins Spätroth die Glocken,
18
Die Trauerglocken
19
Zu Lübeck, der Stadt.

20
Und immer stiller
21
Wird es und stiller —
22
Und immer dunkler!

23
Längst ist zerstoben
24
In alle vier Winde
25
Des todten Dichters
26
Letztes Geleit.
27
Nur hie und da noch
28
Am Brunn auf dem Marktplatz,
29
Oder im Winkel
30
Der dämmrigen Gasse,
31
Mit verschränkten Armen
32
Gelehnt an die Hausthür,
33
Erzählt vertraulich
34
Der Nachbar dem Nachbarn,
35
Aus braunem Meerschaum
36
Bläuliche Wölkchen
37
Ins Zwielicht blasend:
38
Wie auch er,
39
Schon am frühen Morgen,
40
Den wuchtigen Hammer
41
Bei Seite gelegt
42
Und staubüberdeckt
43
Den blauen Werkeltagskittel
44
Vertauscht mit dem schwarzen,
45
Wohlgebürsteten Sonntagsrock.
46
Wie er, begleitet
47
Von seinem Vetter,
48
Dem Fabrikanten,
49
Drauf gravitätisch
50
In modischem Aufputz

51
Dem Zuge gefolgt sei;
52
Und wie auch er dann
53
Von seinem Gönner,
54
Dem Herrn Senator,
55
Die Gunst sich erwirkt
56
Und dem großen Todten,
57
Dem Ehrenbürger
58
Der freien Vaterstadt,
59
Feuchten Blicks
60
Eine handvoll Erde
61
Ins Grab geworfen.

62
Und immer dunkler
63
Wird es und dunkler —
64
Und immer stiller!

65
Das bleiche Antlitz
66
Von Schleiern umhangen,
67
Von Haus zu Haus
68
Wandelt die Nacht.
69
In Erkern und Giebeln
70
Blitzt es von Lichtern auf
71
Und leuchtende Streifen
72
Fallen wie Gold
73
Durch die Scheiben der Fenster
74
Weit auf die Gasse.

75
Kaum, daß ein Wandrer,
76
Der nachtverspätet
77
Den Heimweg sucht,
78
Sie quer durchschneidet.
79
Aber droben im traulichen Zimmer
80
Am warmen Kamin,
81
Umringt von den Kindern,
82
Sitzt die Hausfrau;
83
Und auf den Schooß
84
Hebt sie ihr jüngstes
85
Blondes Töchterchen,
86
Die kleine Ada.
87
Und hochaufhorchend
88
Vernehmen die Mäuschen,
89
Daß der alte Mann
90
Mit dem weißen Schneebart,
91
Den sie erst gestern noch,
92
Umduftet von bunten
93
Zaubrischen Blumen,
94
In einem schmalen,
95
Glasüberdeckten,
96
Schwarzen Kasten
97
Bleich und reglos
98
Liegen gesehn,
99
Ein König gewesen,
100
Dessen Reich
101
So schrecklich groß war,
102
Daß drin die Sonne

103
Nie untergegangen.
104
Und wie die Mutter
105
Den kauernden Kindern
106
Dann weiter erzählt,
107
Daß der todte König
108
Auch noch ein Zaubrer war,
109
Der die Sprache der Vögel verstand
110
Und das Duften der Blumen,
111
Das Wehen der Winde,
112
Das Funkeln der Sterne,
113
Das Rauschen der Wälder,
114
Ja, selbst den Herzschlag der Menschen,
115
In wunderselige,
116
Geheimnißsüße
117
Zauberlieder zu bannen gewußt:
118
Da nickt auch der Vater,
119
Der seitab im Lehnstuhl
120
Ueber die Zeitung gebückt
121
Mit halbem Ohr
122
Der Erzählerin lauscht,
123
Und still überdenkt er
124
Das Leben des Dichters,
125
Des todten Dichters
126
Und siehe auch ihm,
127
Dem Skeptiker, däucht's nun
128
Fast wie ein Märchen!

129
Und weiter draußen,
130
Immer weiter,
131
Von Haus zu Haus,
132
Wandelt die Nacht.
133
Immer stiller
134
Wird's auf den Gassen,
135
Immer dunkler
136
Werden die Fenster
137
Und ein Licht lischt nach dem andern aus.

138
Wo aber einsam,
139
Die schlaflosen Züge
140
Vom Goldlicht der Lampe
141
Sanft überhaucht,
142
Noch ein Menschenkind wacht,
143
Da wühlt es sich nicht mehr
144
In düstre Probleme,
145
Da fragt es sich nicht mehr
146
Um Sein oder Nichtsein,
147
Wie weiland Hamlet
148
Oder Faust:
149
Ein kleines Büchlein
150
Mit blankem Goldschnitt
151
Hält es entzückt
152
In seiner Hand,
153
Und golden träufelt

154
Aus jedem Liede,
155
Das lustberauscht
156
Sein bebendes Lippenpaar
157
Klangvoll ausströmt,
158
Bezaubernder Wohllaut
159
Ihm in's Ohr.

160
Er aber, er,
161
Der einst vor Jahren,
162
Vor langen Jahren,
163
Mit seinem warmen,
164
Rothen Herzblut
165
Die Blätter beschrieben,
166
Daß nach Jahrhunderten noch
167
Der spätgeborene Enkel —
168
Zieht er sie prüfend
169
Aus seinem Erbschrein
170
Wieder ans Licht —
171
Von ihrer Räthselkraft
172
Magisch durchzuckt wird
173
Und die Blätter,
174
Die unscheinbaren Blätter,
175
Nicht hergeben will,
176
Nicht um Gold und Gesteine:
177
Er schlummert die Nacht nun,
178
Die erste Nacht auf dem Friedhof!

179
Silbern stiehlt sich der Mond
180
Durch das grüne Gezweig
181
Und spiegelt sich wieder
182
In den tausend blanken Blättern,
183
Die trauernd der Lorbeer
184
Seinem Liebling
185
Aufs Grab gestreut;
186
Und weinend breitet
187
Die ewige Liebe
188
Ihre schirmenden Fittige
189
Drüber aus.

190
Noch hat der Lenz
191
Aus seinem Füllhorn
192
Die schönsten Blumen,
193
Die lieblichsten Düfte
194
Nicht über die Erde gestreut,
195
Denn noch weilt die Nachtigall
196
„fern im Süd“
197
Und klang- und duftlos nur
198
Grünt der Flieder.
199
Aber die Liebe,
200
Die allurewige,
201
Glaubend und hoffend
202
Hebt sie ihr Antlitz,
203
Ihr thränenumflortes,
204
Hoch empor

205
Zu den ewigen Sternen;
206
Und mitleidsvoll
207
Leiht der Allgütige
208
Ihrer Klage sein Ohr.
209
Mit dunklen Schleiern
210
Die Gräber um sie
211
Rings überdeckend,
212
Zeigt er der Lächelnden
213
Ein farbenschillerndes
214
Bild der Zukunft.
215
Da wird es licht um sie,
216
Ihr von den Augen
217
Fällt es wie Schuppen
218
Und durch ihr Sinnen
219
Zuckt's wie ein Traumgesicht:

220
Hochauf recken
221
Die Thürme von Lübeck,
222
Die sieben Thürme,
223
Die vielbesungnen,
224
Sich blitzend ins Morgenroth
225
Und aus den Gärten,
226
Den vollerblühten,
227
Am Ufer der Trave,
228
Schluchzt nun die Nachtigall
229
Ihr erstes Lied!
230
Aber durchs Stadtthor

231
Auf staubiger Straße
232
Am schwarzen Gitter
233
Des Friedhofs vorbei
234
Ziehen zwei Bursche,
235
Zwei junge Bursche
236
Mit Ränzel und Knotenstock,
237
In die weitweite Welt,
238
Und jubelnd ringt sich
239
Aus ihren Kehlen,
240
Aus ihren Herzen
241
Das alte Lied:

(Holz, Arno: Das Buch der Zeit. Lieder eines Modernen. Zürich, 1886.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Arno Holz
(18631929)

* 26.04.1863 in Kętrzyn, † 26.10.1929 in Berlin

männlich, geb. Holz

Journalist, deutscher Dichter und Dramatiker des Naturalismus (1863-1929)

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.