8. Die deutschen Denker an Die deutschen Dichter

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Arno Holz: 8. Die deutschen Denker an Die deutschen Dichter (1886)

1
Wohl reiht ihr Reim an Reime
2
Und fügt zum Wort das Wort,
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Doch eurer Saaten Keime
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Verdorrt, noch eh die Sichel
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Der Zeit sie jäh durchkracht
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Und so dem deutschen Michel
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Die Arbeit leichter macht.

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Denn ach, euch ging verloren
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Der Dinge Gang und Grund,
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Ihr hört mit tauben Ohren
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Und sprecht mit stummem Mund.
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Doch wehe eurer Scheitel
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Am Tage des Gerichts,
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Denn was ihr singt ist eitel,
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Und was ihr sagt ist nichts!

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Und doch, ging je vor Zeiten
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Der Sänger mit dem Sieg,
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Dann gilt es
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In einem heilgen Krieg.
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Denn nicht um Hof und Heerde
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Schlägt unser Herz und schwillt:
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Heut ist's die ganze Erde,
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Der unser Sterben gilt!

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Seit Urbeginn schon gährte
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Es tief im Schooß der Zeit
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Und jede Stunde nährte
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Den grausen Widerstreit,
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Doch heute erst entrauchte
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Die Lohe ihrem Schacht
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Und blutig überhauchte
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Sie das Gewölk der Nacht.

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Und weh, das Glück zerschellte,
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Was ganz war, brach entzwei,
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Und durch die Lande gellte
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Ein einzig lauter Schrei.
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Mit Mehlthau übernetzte
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Das Feld sich weit und breit
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Und es begann der letzte,
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Der Bürgerkrieg der Zeit.

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Nun rast er durch die Auen
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Und spielt sein wildes Spiel
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Und uns durchrinnt ein Grauen,
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Bedenken wir sein Ziel.
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Die Tafel der Gesetze
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Zerbarst wie sprödes Glas,
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Die Tugend ward zur Metze,
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Die Liebe ward zum Haß.

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Die Wahrheit liegt im Staube,
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Die Hoffnung sitzt und weint,
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Gestorben ist der Glaube
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Und ach, das Herz versteint!
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Des Wahnsinns Schlangen zischen
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Und Alp thürmt sich auf Alp
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Und wüst erschallt dazwischen
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Der Tanz ums goldne Kalb.

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Doch nahn schon Gottes Boten
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Und ihre Stimme spricht:
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„lebendig sind die Todten
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Und nahe das Gericht!“
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Der Erdball wankt und zittert,
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Des Himmels Wolken drohn
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Und durch die Lande wittert
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Der Hauch des Todes schon.

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Ihr aber, die zu Wächtern
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Des Heiligthums bestellt,
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Ihr habt euch den Verächtern
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Des Himmels zugesellt;
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Denn wenn der Donner rollte,
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Verschloßt ihr euer Ohr,
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Und wenn die Brandung grollte,
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Wer war's der sie beschwor?

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Ihr stammelt wie die Kinder,
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Daß niemand euch versteht,
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Und jeder Reimverbinder
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Ist heute ein: Poet!
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Sich selbst singt er im Liede
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Und macht es sich bequem,
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Als wäre der ewige Friede
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Schon mehr als — ein Problem!

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Doch nun genug der Schande,
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Auf, auf! und greift zur Wehr
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Und wandert durch die Lande
83
Und rudert über's Meer!
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Streift ab die blumigen Ketten
85
Und folgt uns in den Krieg,
86
Denn noch sind sie zu retten
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Die Ehre und der Sieg!

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Und dräut auch manche Wolke
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Euch schwarz am Horizont,
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O haltet treu zum Volke
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Ihr habt's noch nie gekonnt!
92
Nach ihm streckt seine Krallen
93
Siebenfach die Noth;
94
Der schrecklichste von allen
95
Ist doch der Kampf ums Brot!

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Zerknechtet und zerknetet,
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Es kennt sich selber nicht;
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Drum singt und wacht und betet:
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„mehr Licht, o Gott, mehr Licht!“
100
Und kehrt der Friede wieder
101
Dereinst nach Kampf und Streit,
102
Dann singt: „

(Holz, Arno: Das Buch der Zeit. Lieder eines Modernen. Zürich, 1886.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Arno Holz
(18631929)

* 26.04.1863 in Kętrzyn, † 26.10.1929 in Berlin

männlich, geb. Holz

Journalist, deutscher Dichter und Dramatiker des Naturalismus (1863-1929)

(Aus: Wikidata.org)

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