Samstagsidyll

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Arno Holz: Samstagsidyll (1886)

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Wenn falb der Sommer in den Herbst zerstiebt;
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Verstummt schon schien der Vögel buntes Völkchen
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Und grau am Himmel standen kleine Wölkchen.
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Nur ab und zu schwamm's fernher durch die Luft
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Noch weich wie ein verirrter Rosenduft
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Und wie ein Lenzlockruf, nur herbstlich stiller,
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Klang hie und da ein später Vogeltriller.
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Auf lauen Windes Flügeln kam's und schwand
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Und reichte wiederkehrend sich die Hand,
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Wie wenn zwei Herzen durch ein letztes Grüßen
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Sich noch des Scheidens bittres Weh versüßen

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Doch also war's nur draußen fern im Hag,
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Durch die Fabrikstadt schlich der Werkeltag.
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Das schwarzberußte Schurzfell um die Lenden,
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War er bemüht die Woche zu beenden;
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Er ließ das Eisen wie ein Licht erglühn
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Und mehr als hundert Essen Funken sprühn
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Und, unbekümmert um den eignen Jammer,
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Schwang er den centnerschweren Schmiedehammer

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Hier war's ein Eisenwagen, dort ein Schiff,
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Der Schornstein rauchte und der Dampfhahn pfiff,
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Die Räder rollten ewig um die Kreise
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Und alles drehte sich im alten Gleise.

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Nur du und ich, wir beide waren frei
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Und wußten nichts von Werktagssclaverei;
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Wir jauchzten auf, die Noth in uns begrabend,
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Und machten schon Nachmittags Feierabend.
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Denn hatte jeder nicht mit Lust und Kraft
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Die Woche über pflichtgetreu geschafft?
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Die Nähmaschine hattest
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Und
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Doch nun war ich des „trocknen Tones satt“
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Und schrieb energisch: „Punkt!“ aufs letzte Blatt
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Und stieg dann flink, mir selber zur Belohnung,
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In deine zierliche Mansardenwohnung.
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Ich klopfte an — ein neckisches: Herein!
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Und durch das Fenster brach der Sonnenschein;
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Ein Lichtmeer war's, drin Welle schwamm auf Welle,
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Ich aber stand geblendet auf der Schwelle.

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O immer, trat ich in dein trautes Heim,
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Schrieb's mir ins Herz sich wie ein neuer Reim;
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Doch war's mit seinen farbigen Gardinen
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So hell und freundlich mir noch nie erschienen.

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Zum Schmaus gedeckt war schon dein kleiner Tisch,
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Grau hinterm Spiegel stak ein Flederwisch

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Doch unbekümmert um die neuste Mode
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Stand dicht dabei die ältliche Kommode
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Und unter einem Kreuz von Elfenbein
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Das Bild von deinem todten Mütterlein.
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Wie tief im Traum sah lächelnd es hernieder
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Auf ein zerlesnes Buch: „das Buch der Lieder“!
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Vom Blumenbrett, das sich ums Fenster bog,
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Um alles das ein süßes Duften flog.
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Und dort ja hingen auch die beiden Schilder,
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Verzeih! ich meine deine Landschaftsbilder!
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Denn du hast recht: die reine Phantasie
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Und farbenschillernd wie ein Kolibri!
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Rechts hing der Watzmann, links der Gamsgarkogel
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Und zwischen beiden ein Kanarienvogel.
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Du selber aber, häubchenüberdeckt,
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Ein weißes Schürzchen vor die Brust gesteckt,
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Du schobst nun grad mit hausfraulicher Miene
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Den Spiritus in deine Kochmaschine.
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Ein kurzer Aufblick dann, ein leiser Schrei,
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Und eins und eins, wie immer, waren zwei!

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Drauf, wie ich mich schon oft ließ unterjochen,
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Sollt ich auch heute mit dir Kaffe kochen.
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Ich lärmte; doch was half mir mein Protest?
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Ein kußersticktes Lachen war der Rest!
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Und als ein vielgewandter junger Dichter
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Hielt ich galant dir nun den Kaffetrichter.

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Natürlich ging das „noch einmal so gut“,
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— Sieh hier das Lied: „Was man aus Liebe thut!“
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Wir schmeckten, wechselnd prüfend, mit den Zungen
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Und endlich war der große Wurf gelungen.
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Zwar war das Tischzeug nur von grobem Zwilch,
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Doch fehlte weder Zucker drauf noch Milch
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Und dampfend füllten nun die braunen Massen
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Die goldumränderten Geburtstagstassen.
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Des Tränkleins Wirkung aber kommt und geht,
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Bis sich das Zünglein wie ein Mühlrad dreht:
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Was Stift und Tinte, Häkelzeug und Maschen!
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Wir waren heut zwei rechte Plaudertaschen!
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Und las dir Lieder vor von Lingg und Keller
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Und übersah auch nicht den Kuchenteller.

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So saßen wir, zwei große Kinder, da,
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Bis roth der Abend durch die Scheiben sah
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Und tappten dann hinab die dunklen Stiegen,
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Um noch ein Stündlein vor das Thor zu fliegen.

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Dort, wo das Wasser sich am Stadtwall bricht,
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Lag bunt der Park im letzten Abendlicht
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Und ließ die Wipfel sich in Purpur tränken
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Und Kinder spielten auf den Rasenbänken.
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Vom nahen Thorthurm kam das Spätgeläut,
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Mir schien's, es klang noch nie so schön wie heut;

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Wir lugten lauschend durch die Laubverhänge
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Und schritten flüstern durch die Buchengänge!
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Zu Füßen knirschte uns der gelbe Kies
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Und alles schien uns wie im Paradies;
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Doch als die Glocken dann gemach verklangen,
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Kam leisen Schritts die Dämmrung angegangen.

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Da hieltst du still und hauchtest mir ins Ohr:
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„o, weißt du noch, dort drüben vor dem Thor?“
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Ob ich es weiß! Wie Lenz will's mich umwehen;
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Dort war's ja, wo wir uns
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Und hier, wo waldversteckt das Wasser rauscht,
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Hier haben wir den ersten Kuß getauscht!
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O Maitag, Sonnenschein und Blüthenregnen,
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Noch heut muß ich euch tausendfältig segnen!
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Es war doch eine schöne, schöne Zeit,
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Und denk ich dran, so wird das Herz mir weit!
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Man fühlt's, auch ohne daß man's gleich bedichtet:
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Der liebe Gott hat's doch gut eingerichtet!
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Doch still! Was braucht's schon der Erinnerung?
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Wir sind ja beide noch so jung, so jung!
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Es lacht das Glück aus deinem rothen Munde;
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„uns winkt ja noch so manche goldne Stunde!“

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„gewiß!“ fielst du hier lächelnd ein, „und wie?
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Zum Beispiel morgen eine Landpartie!
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Erinnerst du dich noch, wie du vor Wochen
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Mir einen Ausflug ins Gebirg versprochen?

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Mein Onkel dort, der Wirth zum weißen Schwan,
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Wohnt ja ganz nahe an der Eisenbahn!
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Ich weiß, er freut sich, wenn wir ihn besuchen,
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Und Tantchen gar backt einen Extrakuchen!
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Und dann — o Gott — die wunderschöne Luft,
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Wald, Wiese, Sonnenschein und Kräuterduft,
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Und über sich nichts, nichts als Himmelsbläue —
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Nein, nein! du weißt nicht, wie ich mich schon freue!“
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Da sprach ich: „Topp, du kleiner Niegenug!
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Wir fahren morgen mit dem ersten Zug.
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Als Musikant mach ich eins gern mal Pause ...
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Doch es wird kühl hier, komm, wir gehn nach Hause!“

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Und wieder thorwärts wandten wir uns um
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Und wurden still und wußten nicht warum.
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Im Fluß das Wasser rann nur noch von ferne
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Und durch das Laubdach blitzten schon die Sterne.
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Ein feuchter Nachtwind durch die Wipfel strich,
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Du aber schmiegtest fester dich an mich,
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Und wie das Schlußwort einer schönen Dichtung
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That sich nun wieder vor uns auf die Lichtung.

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Dort hub die Stadt sich schwarz und ungewiß
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Vom Horizont ab wie ein Schattenriß,
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Nur hie und da warf fernher aus dem Dunkel
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Ein Fenster noch sein rothes Lichtgefunkel.
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Es war so schön, so wunderschön zu sehn,
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Und schweigend blieben wir noch einmal stehn,

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Denn nun trat auch der Mond aus seinen Hallen
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Und ließ sein Silber auf die Dächer fallen
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Und drüben von der Vorstadt her erklang
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Noch windverweht ein frommer Nachtgesang.

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Du sahst mich an und wußtest nichts zu sagen,
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Doch fühlt ich
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Und sprach zu dir und war bewegt wie nie:
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„nun weißt auch du, mein Herz, was Poesie!
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Sie speist die Armen und sie stärkt die Schwachen,
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Sie kann die Erde uns zum Himmel machen,
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Sie kost im Zephyr und sie harft im Föhn:
159
Nicht wahr, mein Herz, das Leben ist doch schön?“

(Holz, Arno: Das Buch der Zeit. Lieder eines Modernen. Zürich, 1886.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Arno Holz
(18631929)

* 26.04.1863 in Kętrzyn, † 26.10.1929 in Berlin

männlich, geb. Holz

Journalist, deutscher Dichter und Dramatiker des Naturalismus (1863-1929)

(Aus: Wikidata.org)

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