Ein Andres

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Arno Holz: Ein Andres (1886)

1
Ins letzte Stockwerk einer Miethskaserne;
2
Hier hält der Nordwind sich am liebsten auf
3
Und durch das Dachwerk schaun des Himmels Sterne.
4
Was sie erspähn, o, es ist grad genug,
5
Um mit dem Elend brüderlich zu weinen:
6
Ein Stückchen Schwarzbrod und ein Wasserkrug,
7
Ein Werktisch und ein Schemel mit drei Beinen.

8
Das Fenster ist vernagelt durch ein Brett
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Und doch durchpfeift der Wind es hin und wieder
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Und dort auf jenem strohgestopften Bett
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Liegt fieberkrank ein junges Weib darnieder.
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Drei kleine Kinder stehn um sie herum,
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Die stieren Blicks an ihren Zügen hangen,
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Vor vielem Weinen ward ihr Mündlein stumm
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Und keine Thräne mehr netzt ihre Wangen.

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Ein Stümpfchen Talglicht giebt nur trüben Schein,
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Doch horch, es klopft, was mag das nur bedeuten?
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Es klopft und durch die Thür tritt nun herein
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Ein junger Herr, geführt von Nachbarsleuten.
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Der Armenhilfsarzt ist's aus dem Revier,
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Den sie geholt aus Mitleid mit der Kranken,
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Indeß ihr Mann bei Branntwein oder Bier
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Sich selbst betäubt und seine Wuthgedanken.

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Der junge Doctor aber nimmt das Licht
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Und tritt mit ihm ans Bett des armen Weibes,
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Doch gelb wie Wachs und spitz ist ihr Gesicht
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Und kalt und starr die Glieder ihres Leibes.
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Da schluchzt sein Herz, indeß das Licht verkohlt,
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Von nie gekannter Wehmuth überschlichen:
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Weint, Kinder, weint! ich bin zu spät geholt,
31
Denn eure Mutter ist bereits — verblichen!

(Holz, Arno: Das Buch der Zeit. Lieder eines Modernen. Zürich, 1886.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Arno Holz
(18631929)

* 26.04.1863 in Kętrzyn, † 26.10.1929 in Berlin

männlich, geb. Holz

Journalist, deutscher Dichter und Dramatiker des Naturalismus (1863-1929)

(Aus: Wikidata.org)

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