Zum Eingang

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Arno Holz: Zum Eingang (1886)

1
Auch weiß ich, hört mich, ihr Teutonen,
2
Daß unter allen Epigonen
3
Just ich der allerletzte bin!

4
Doch laßt's mich trotzdem euch gestehn:
5
Ihr jammert mich, ihr armen Dichter,
6
Ihr Groschen- und ihr Dreierlichter,
7
Von denen zwölf aufs Dutzend gehn.

8
Ihr stöhnt verzweifelt: Der Bien muß!
9
Und ampelt krampfhaft an der Leiter,
10
Doch ach, ihr kommt und kommt nicht weiter,
11
Wie weiland Fausti Famulus!

12
Seht, das ist eure Quintessenz,
13
Ihr fliedersüßen Lenzrhapsoden:
14
Ihr macht mit Hymnen und mit Oden
15
Den Nachtigallen Concurrenz!

16
Ihr glaubt verblendet, Poesie
17
Sei Lenznacht nur und Blüthenschimmer,
18
Ihr glaubt's verblendet und singt immer
19
Ein und dieselbe Melodie!

20
Ihr dichtet jeden dritten Tag
21
Ein hohes Lied auf eure Liebe,
22
Reimt selbstverständlich darauf „Triebe“
23
Und gebt's dann schleunigst in Verlag.

24
Zwar, seid ihr noch kein „großes Thier“,
25
Müßt ihr auf alle Fälle „zahlen“,
26
Doch dann wird's auch mit Initialen
27
Gedruckt auf fein Velinpapier.

28
Und wird's dann gratis noch versandt
29
An so und so viel Kritikaster,
30
Dann lobt man euern schlechten Knaster
31
Und schimpft den Kieselstein Demant.

32
Und wenn ihr fleißig schmiert und salbt,
33
Sorgt auch die Clique für Verbreitung,
34
— Denn wozu hat man sonst die Zeitung? —
35
Herr X hat wieder mal gekalbt!

36
Ein Liederbuch ist's dieses Mal
37
In rothem Maroquin gebunden
38
Und überdies sehr warm empfunden
39
Und wunderbar original!

40
Und kauft man sich dann das Idol,
41
Dann sind's die alten tauben Nüsse,
42
Die längst genossenen Genüsse,
43
Der aufgewärmte Sauerkohl:

44
Von Wein und Wandern, Stern und Mond,
45
Vom „Rauschebächlein“, vom „Blauveilchen“,
46
Von „Küßmichmal“ und „Warteinweilchen“,
47
Von „Liebe, die auf Wolken thront“!

48
Und will der Dichter hoch hinaus,
49
Dann streicht er die Rubrik: „Erotisch!“
50
Und hängt die Tafel: „Patriotisch!“
51
Als Firmenzeichen vor sein Haus.

52
Doch Blech bleibt Blech, und ob es auch
53
Der Jude oft als Gold verschachert ...
54
Der Ruhm, den ihr zusammenprachert,
55
Ist eitel Moder, Dunst und Rauch!

56
Denn kräht auch dreist zu eurem Wisch
57
Die heutige Kritik ihr Amen,
58
Und legt man ihn auch jungen Damen
59
Alljährlich auf den Weihnachtstisch:

60
Und labt sich auch aus euerm Quell
61
Der Leutnant und der Ladenschwengel,
62
Und nippt aus ihm auch jeder Engel,
63
Die Gräfin und die Nähmamsell:

64
Laßt über euch und euer Wort
65
Ein einzig Menschenalter rollen,
66
Und was ihr singt ist längst verschollen,
67
Und was ihr pflanzt ist längst verdorrt!

68
Das aber macht, ihr habt noch nie
69
Das Sphinxbild eurer Zeit entschleiert,
70
Drum gähnt in allem, was ihr leiert,
71
Derselbe

72
Ich aber mag nicht, laß wie ihr,
73
Das Pfund, das Gott mir gab, verwalten,
74
Ich will hoch über mir entfalten
75
Der Neuzeit junges Lenzpanier.

76
Ich lache, wollt ihr blöden Blicks
77
Verjährten Tand modern staffiren
78
Und himmelbläulich phantasiren
79
Vom Waldgnom und vom Wassernix.

80
Ich lache, zählt ihr eins, zwei, drei
81
Die Kugeln, die ihr nie verschossen,
82
Die Thränen, die ihr nie vergossen,
83
Ein jeder Zoll ein Papagei.

84
Ich lache, doch mein Zorn hält Wacht,
85
Denn der St. Veitstanz wird zur Mode;
86
Ich weiß, ihr tanzt nur aus Methode,
87
Weil ein Narr viele Narren macht.

88
Doch tollt nur euern tollen Schwank,
89
Nur zu, je toller, desto besser:
90
Ich biet euch Kampf, Kampf bis aufs Messer,
91
Und gehe meinen eignen Gang!

92
Den Gang, den lichtumstrahlt die Kunst
93
Sieghaft zu wandeln mir geboten;
94
Und Herz an Herz mit ihren Todten,
95
Veracht ich euch und eure Gunst!

96
Denn mir schlägt nicht das Wort den Takt
97
Zum Reigen selbstischer Gedanken,
98
Ein Löwe, hat es seine Pranken
99
Tief in mein Herzfleisch eingehackt.

100
Nur, daß es mich nicht jäh zerfleischt,
101
Such ich's mit Liedern zu beschwören,
102
Doch nicht beim Rauschen alter Föhren,
103
Die Nachts ein schwarzer Aar umkreischt.

104
Auch nicht ins Grab der Lorelei
105
Verirrt sich mehr mein schwankes Steuer;
106
Die Zeit verliebter Abenteuer,
107
Für mich ist sie schon längst vorbei.

108
Nein, mitten nur im Volksgewühl,
109
Beim Ausblick auf die großen Städte,
110
Beim Klang der Telegraphendrähte
111
Ergießt ins Wort sich mein Gefühl.

112
Dann glaubt mein Ohr, es hört den Tritt
113
Von vorwärts rückenden Kolonnen,
114
Und eine Schlacht seh ich gewonnen,
115
Wie sie kein Feldherr noch erstritt.

116
Doch gilt sie keiner Dynastie,
117
Auch kämpft sie nicht mit Schwert und Keule —
118
Galvanis Draht und Voltas Säule
119
Lenkt funkensprühend das Genie.

120
Und um sich sammelt es ein Heer
121
Von himmelstürmenden Ideen,
122
Gedanken blitzen und verwehen
123
Unzählig, wie der Sand am Meer.

124
Doch mehr als einer wird zur That
125
Und lenkt die Zukunft der Geschlechter,
126
Und als des Ideals Verfechter
127
Streut er der Zukunft goldne Saat.

128
Und auf flammt dann ein neues Licht,
129
Ein neuer Welttag für die Erde,
130
Denn auch die Menschheit hat ihr „Werde!“
131
Und sinnlos ist kein Traumgesicht.

132
Der ewge Friede baut sein Zelt
133
Und ob die Zeit sie auch verdamme,
134
Der Freiheit goldne Oriflamme
135
Weht leuchtend über alle Welt.

136
Und wenn dann Lied auf Lied sich ringt
137
In immer höhere Regionen
138
Und alle Völker, alle Zonen
139
Ein einzig großer Bund umschlingt:

140
Dann ist's mir oft, als ob die Zeit,
141
Verlästert viel und viel bewundert,
142
Als ob das kommende Jahrhundert
143
Zu seinem Täufer mich geweiht.

144
Als müßt ich stoßen in die Brust,
145
Ein Winkelried, mir eure Speere:
146
Hie Wahrheit, Freiheit und hie Ehre! —
147
O Kampf der Liebe, Kampf der Lust!! —

148
Drum dir, die schmerzvoll mich gebar,
149
Dir, junge Zeit aus Blut und Eisen,
150
Leg ich mein Herz und seine Weisen
151
Nun stumm auf deinen Hochaltar!

(Holz, Arno: Das Buch der Zeit. Lieder eines Modernen. Zürich, 1886.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Arno Holz
(18631929)

* 26.04.1863 in Kętrzyn, † 26.10.1929 in Berlin

männlich, geb. Holz

Journalist, deutscher Dichter und Dramatiker des Naturalismus (1863-1929)

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.