1
Das höchste Wesen will, daß wir ohn
3
Den Rathschlus seiner Macht ge-
5
Weil er der Schöpfer ist; so sind
7
Der das von uns verlangt, was jeder soll und kann.
8
Wer sich aus Eigensin, dem Höchsten wiedersezzet
9
Mit Frevelhaften Sinn die Heiligkeit verlezzet
10
Die seiner Majestät von aller Welt gebührt,
12
Nachdem der Mensch verkehrt, pflegt er sich selbst
14
Aus blinden Hochmuths-Trieb dem Höchsten vor-
16
Wenn uns die weise Güt zu unsern Besten lehrt,
17
So wird der Eigensinn dagegen gleich empört:
18
Der Mensch will sich allein, nach seiner Lust re-
20
Und das heist schon so viel: Er will sich selbst ver-
22
Nachdem der reine Sinn von Satans Gift erfüllt
23
Und aufgeblasen ist, ist dieses Gözzenbild
24
In unsre Brust verstekt; die blinde Eigenliebe,
25
Wie unser Abgott heist, regieret unsre Triebe,
26
Die Diener die sie braucht bei ihren Regiment,
29
Sind unsre Sinnen selbst; die Dinge dieser Erden,
30
Die streben beiderseits, damit wir Sclaven werden.
31
So leget sich der Mensch in Knechtschafts-Fesseln ein
32
Indem er ängstlich sucht ein freier Herr zu sein;
33
Indem er sich erhebt zum Ebenbild der Götter,
34
Wird er aus Unverstand der wahren GOttheit
36
Je höher man den Thron der Eigenliebe baut,
37
Sich durchs Vergrößrungs-Glas des Selbstbetrugs
39
Je niedriger wird man, in
40
Vor dem wir allzumahl Nichts sind und auch Nichts
42
So lang man in sich selbst die Quell des Guten sucht,
43
Und in der eitlen Welt; so lang ist man verflucht,
44
Wie jener Feigenbaum, woran zwar Blätter prangen,
45
Ein äuserlicher Schein doch keine Früchte hangen.
46
Drum ist dies Eins erst Noth, nach aller Weisen
48
Wer durch die Eigenlieb sich selbst betrogen hat,
49
Der lerne erst sein Nichts in Demut recht erkennen;
50
So wird man nimmermehr sich so vergöttern kön-
52
Als leider Menschen thun: Man beuge seinen Sin,
55
Der leider! unser Herz zum Heiligthum bewohnet,
56
Wenn man in Knechtschaftsstand dem Sündendienst
58
So giebt die Kreuzigung des Fleisches an die Hand
59
Das Mittel, dadurch man den Eigensinn ver-
61
Und endlich unterdrükt: dann folgt die Uebergabe,
62
An unsern wahren Herrn mit allen unsern Haabe
63
Mit Seel und Leib und Gut, was wir von ihm
65
Darauf wir sonst getrozt, damit wir sonst geprangt.
66
Des Glaubens Kraft stärkt die, die bei dem Ueber-
68
Des Fleisches und der Welt den schweren Kampf-
70
Der fromme Abraham, der auf der Kreuzes Bahn,
72
Kann hier ein Beispiel sein, wie man mit sich muß
74
Wenn man im Glauben will sich und die Welt be-
76
Der HErr gab ihn Befehl:
78
Und folge ungesäumt die Leitung meiner
Hand,
79
Die dir zu deiner Ruh den Wohnplatz da
bereitet,
80
Wohin des Himmels Wink, dich weislich
führt und leitet.
81
Wie hart ist der Befehl, dem weichen Fleisch und Blut,
82
Das vor den Kummer bang, das klagt und übel thut,
83
Wenn es dasjenige, was es geliebt muß hassen,
84
Was ihm vorher vergnügt, muß willig fahren lassen!
85
O! welch ein harter Kampf! von seiner Freund-
87
Die Lieb und Treu verknüpft, das heist, sich selbst
89
In andre Länder gehn, ein Fremdling da zu werden,
90
Das ist ein ofner Weg, zu mancherlei Beschwer-
92
Der fromme GOttesmann, ward hin und her ge-
94
Wie eine Waageschal, die auf und nieder schwenkt,
95
Und keinen Ausschlag giebt, die hin und her gezo-
97
So lang die eine nicht, die andre überwogen:
98
Es lenkte der Befehl des Höchsten seinen Sin,
99
Der Glaube stellt ihm vor, den herrligsten Gewinn
100
Die Zweiffel der Natur, die sezten sich dargegen
101
Und suchten seinen Grund mit Macht zu wiederle-
103
Des Glaubens feste Kraft die siegte endlich doch,
104
Und zwang den scheuchen Sinn in des Gehorsams
106
Er folgete den Wink auf
107
Er brach das Band entzwei womit die Welt uns
109
Standhafter Abraham, du grosser Glaubensheld!
110
Wer dein Exempel sich zum Muster vorgestellt;
111
Der spürt des Himmels Huld, der lernt sich selbst
113
Den allergrößten Feind, der in uns ist, besiegen.
114
So ging der GOttesmann von seiner Freundschaft
116
So lies er hinter sich, sein väterliches Haus,
117
Er reisete getrost, der Vorsicht treu Geleite,
118
Ward auf der Pilgrimschaft, ihm allemahl zur Seite.
119
Der HErr der Sonn und Schild, der dekket und
121
Wenn auf die Seinen wo, ein Unglücks Wetter
123
War seines Lieblings Schuz, ein Beistand im Ge-
125
Er ließ ihn wunderbahr, durchs Engel-Heer be-
127
Wie, wenn ein Wandersmann, durch rauhe Wege
129
Der Himmel trübe ist, der Nordwind brausend
131
Und Sturm und Regen bringt; so wird er sehr ge-
133
Hingegen wiederum, durch warmen Schein erquik-
135
Wenn sich der Sonnenglanz, wenn sich ein sanfter
137
Dem müden Pilgrim sehn, vergnügt empfinden läst:
138
So ging es Abraham, der nach den Leidens-Stun-
142
Der Herr der wieß ihn oft, daß er allmächtig sei,
145
Daß er dieselbigen bekrön mit Lust und Seegen,
146
Die in Gehorsam sich, in seine Armen legen.
147
Er sah die Wundergüt, des Glaubens Gnadenlohn,
148
In seinen Jsaac, in dem verheißnen Sohn;
149
Er sahe dran bestärkt, wie auf den Kreuzes Pfade,
150
Die rechte Laufbahn sei, zur Himmels Huld und
152
Er sah im Glauben dran, den Grund der Seeligkeit,
153
Das frohe Morgenroth der hellen Gnadenzeit:
154
Und dieses lehrte ihm, wie aus des Himmels Fügen,
155
Wenns gleich uns harte scheint, erwachse das Ver-
157
Jedoch die Welt bleibt Welt, und nur die E-
159
Bringt uns zum wahren Ziel der Vollkommenheit
160
Hie sieht ein Gläubiger, wenn er kaum überwun-
162
Und Sonnentage zählt, bald wieder Trauerstunden.
163
Ein Kampf ist kaum vorbei, so ist der andre nah,
164
Wenn hier die Schranken zu, so sind sie offen da
165
Und fordern wiederum, daß wir durch stetes Rin-
167
Jm Glauben und Gedult, es immer höher bringen.
168
Dies zeigt auch Abraham in seinen Lebenslauf,
169
Die Weisheit gab ihm stets noch größre Proben auf
170
Den ihr ergebner Sinn noch immer mehr zu läutern,
171
Des Glaubens Helden-Muth durch Kämpfen zu
173
Sie gab ihm den Befehl:
174
Der Jsaac der dir des Alters Weh versüßt,
175
Die Stüzze worauf du des Stammes Hof-
177
Der Sara einzig Kind, dran du dein Bild-
nis findest,
178
Der soll mein Opfer sein; auf, auf und ge-
he hin
179
Und schlachte mir ihm da, mit GOtt ergeb-
nen Sin,
180
Wo ich es haben will: wenn du mich GOtt
wilst nennen,
181
So solt du deinen Sohn zum Opfer mir
verbrennen.
182
Ach! welch ein Donnerwort! das eines Vaters
184
Gleich einen Keil durchfährt, entflammt mit heis-
186
So bald es dieses hört. Es reget sich die Liebe
187
Die die Natur gepflanzt, durch die verborgne Triebe,
188
Wenn man dasjenige, was man geschäzt verliert;
189
So gros die Freude ist, die im Genus verspürt:
190
So gros ist auch der Schmerz, das Leiden trüber
192
Die sich ob den Verlust geschätzter Güter quälen
193
Das Herz des Abrahams war nicht von Stahl und
195
Es war ein fleischern Herz, wie alle Herzen sein,
196
Wenn man dies nur bedenkt, der Liebe Zug erweget,
197
Der ihm von der Natur, als Vater eingepräget,
198
So war ihm der Befehl ein rechter Donnerschlag,
199
Der ihm das Herz durchbohrt, und seinen Muth
201
Er liebte Jsaac als seinen Leibes Erben,
202
Sein eignes Fleisch und Blut, das solte durch ihn
204
Das war ein harter Schlus, jedoch er kam von
206
Dem allerhöchsten Herrn, den König Zebaoth
207
Der aller Vater ist, der wenn er uns betrübet,
208
Und uns verwundend schlägt, am allermeisten liebet.
209
Sah er mit Zärtligkeit den Sohn der Hofnung an;
210
So wallete das Blut, darinn die Liebe rann:
211
Wenn er des Geistes Aug auf
213
Daran sein ganzes Herz in treuer Liebe hängte;
214
So war das höchste Gut, das was ihm nur ver-
216
Der Glaube zeigt ihm das; und dadurch ward be-
218
Die Reizung der Natur. Der Kampf der ward vol-
222
Der Schlus ward fest gesezt:
224
Das ist mehr Liebe werth, als dies mein Fleisch und
226
Er band den Jsaac, des Allerhöchsten Willen,
227
Mit gläubiger Gedult in allen zu erfüllen.
228
O! Menschen sehet hier in dem Exempel an,
229
Was eine starke Kraft des Helden-Glaubens kann:
230
Lernt hier an Abraham, wie man mit sich muß
232
Die Triebe der Natur; obs gleich sehr hart scheint,
234
Die Liebe ist ein Feur das alles übertrift;
238
Der Eigenliebe Macht, der Neigung starkes Re-
240
Des Glaubens grosse Kraft besiegt doch Fleisch und
242
Wer durch dies Mittel siegt, der ist ein wahrer
244
Wer über andre herrscht, den Lüsten unterlieget,
245
Der andre leiten will, und sich doch selbst betrieget,
246
Der scheinet zwar sehr gros, der ganzen Welt zu
248
Und ist doch in der That in
249
Wer klüglich handeln will, und denkt sich zu ver-
251
Der muß sein böses Herz vor allen Dingen bessern.
252
Wer das gewinnen will, was uns die Ewigkeit,
253
Als einen Siegeslohn der Herrligkeit anbeut;
254
Der nehme dies in acht:
256
Und suche stets dein Herz, von dieser Welt
zu trennen,
257
Geh von dir selbsten aus, und leiste deine
Pflicht
258
In wahrer Glaubenskraft; so wie der Höch-
ste spricht:
259
So muß dein Eigensinn, besieget unterlie-
gen,
260
Und wenn dies erst geschieht; so kanst du
herrlich siegen.
261
Sieh auf des Heilands Kreuz, drük es dir
gläubig ein,
262
Durch dessen Kraft kanst du dein Ueberwin-
der sein.