Die wunderbahre, doch weise Regierung der Welt

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Justus Ebeling: Die wunderbahre, doch weise Regierung der Welt (1747)

1
Die Geheimnis-volle Tieffe, der ver-
2
borgnen Vorsehung,
3
Treibt ein achtsames Gemüthe, bil-
4
lig zur Verwunderung,
5
Wenn es bei dem Lauf der Welt,
6
ihre Ordnung im Regieren,
7
Jhre Güt und weise Macht, nicht kan allzeit sicht-
8
bar spüren.
9
Alles gehet durch einander, der verwirrte Lauf der
10
Welt
11
Lehret uns die klare Warheit: Es sei hier ein Jam-
12
mer Zelt,
13
Wo der Fromme öfters seufzt, wenn der Ungerech-
14
te lachet,
15
Wie ein Lorbeerbaum aufblüht, und sich hier ein
16
Eden machet.
17
Wilde Bosheit lebt und sieget, wenn die Unschuld
18
unterdrükt,
19
Unfruchtbahre Bäume wachsen, das was fruchtbar
20
wird erstikt;
21
Und ein nichtger Dornenstrauch saugt das Fette die-
22
ser Erden,
23
Da hingegen oftermahls, Rosen welk und dürre
24
werden.
25
Viele, die durch Rasereien, fast die ganze Welt be-
26
stürmt,
27
Werden als mit starken Schilden, vor Gefahr nnd
28
Noth beschirmt:
29
Dahingegen die da still, ehrlich in dem Lande woh-
30
nen,
31
Bei bestrikter Sclaverei, oft im harten Joche froh-
32
nen.
33
Der dem Tod entgegen rennet, lebet ofte frisch und
34
stark,
35
Wer hingegen vor ihm fliehet, dem verschwindt des
36
Lebens Mark
37
Und verdorret in der Blüth, und verstirbt bei sei-
38
ner Plage,
39
Bei verkürzten Lebens Ziel, in der Helfte seiner
40
Tage.
41
Wer wie eine Last der Erden, nichtes thut, als ißt
42
und trinkt,
43
Und ein hinterlaßnes Erbe, lekkerhaft in sich ver-
44
schlingt
45
Lebet und wird greis und alt, da die Eltern oft ver-
46
storben,
47
Die dem frommen Kinderchen, wenig oder nichts
48
erworben.
49
Wer dieß alles überleget, meinet daß es besser
50
sei,
51
Wenn der, der der Welt noch nüzte, vor dem frü-
52
hen Tode frei;
53
Und wenn die nur hingeraft, die die Welt ohn
54
viel Beschweren,
55
Ohne Thränen, ohne Leid, ohne Sehnsucht würd
56
entbehren.
57
Höret Menschen! die ihr meistert, der verborgnen
58
Vorsicht Schluß,
59
Und ihr strenges Schiksahl achtet, als ein hart be-
60
stimmtes Muß,
61
Wißt ihr den Zusammenhang, könnet ihr die Fol-
62
gen sehen,
63
Die wenn dies und das geschicht, nachmahls wie-
64
derum entstehen?
65
Wißt ihr, was des Höchsten Wille, der die Schik-
66
sahls Spheren lenkt,
67
Der bei allen, was begegnet, vorher weislich über-
68
denkt;
69
Und wie dieses muß geschehn: damit sein allweises
70
Walten,
71
Das auf unser Bestes sieht, könne unser Woll er-
72
halten?
73
Wenn man in den Vorsichts Gängen, alles durch-
74
einander sieht,
75
Wie in einem Jrre-Garten, so sind wir umsonst
76
bemüht,
77
Jhr weise Spur zu sehn, die von Dunkelheit be-
78
dekket,
79
Oft des blöden Geistes Augn, mit verwirrter Un-
80
ruh schrekket.
81
Es geht uns wie Wandersleuten, den Arabien nicht
82
bekant,
83
Die sehn in der grossen Wüste, nichts als einen
84
ebnen Sand,
85
Wo der Pilgrim seine Spur, da der Wind sie zu
86
geschlagen,
87
Wenn er keinen Führer hat, schwerlich wird von selbst
88
erfragen.
89
Kan er aber also schliessen: Es ist gar kein Weg,
90
noch Bahn,
91
Weil er in dem Sand der Wüste, sie verdekt nicht
92
finden kann?
93
Nein! wer diese Gegend weis, wird hier, wie auf
94
ebnen Meeren,
95
Einen bald den rechten Weg, den man wandern
96
muß, belehren:
97
So ist auch in
98
Spuren trift,
99
Unser Führer, unsre Leuchte; sein Wort, seine
100
heilge Schrift,
101
Die uns mehr als deutlich zeigt, daß der Vorsicht
102
ihr Geleite,
103
Nicht mit seiner Güt und Macht, nicht mit seiner
104
Weisheit streite.
105
Und wir Sterblichen wir wollen, daß
106
regieren soll,
107
Wie ein König auf der Erde, der der Unterthanen Wohl
108
Nur im Zeitlichen erhält, und dem abgemeßnen
109
Staaten,
110
Suchet zum erhabnen Flor, wie er immer kann, zu
111
rathen.
112
Gott der über alles herrschet, und der Menschen
113
Herze sieht,
114
Der uns in der Zeit regieret, und zur ewgen Woll-
115
fahrt zieht,
116
Leitet durch die Vorsehung, uns zum ewig sichren
117
Glükke,
118
Darnach richtet er auch ein, unser zeitliches Geschikke.
119
Seine Weisheit lenket alles zu dem wollgeornd-
120
ten Ziel,
121
Scheinet uns denn auf der Erde, dies und das ein
122
Trauerspiel;
123
Das macht unser Unverstand, von der Einbildung
124
betäubet
125
Der von der Begebenheit, anders als sie ist, oft
126
gläubet.
127
Sagt man daß des Himmels Schlüsse, die wir
128
warlich nicht verstehn,
129
In der Reihe wie sie folgen, in verwirrten Lauffe
130
gehn;
131
So ist unser Urtheil falsch, weil der Ausgang klär-
132
lich zeiget,
133
Daß sich alles zu dem Zweck, nach des Höchsten
134
Willen neiget;
135
Sieht ein Mensch von blöden Sinnen, ein recht
136
künstlich Uhrwerk ein,
137
Da die aufgespannten Räder, welzend in dem Lauf-
138
fe sein
139
Und sich selbst entgegen gehn: so deucht ihm daß
140
die Maschine,
141
Die sich so verwirret dreht, ihm nur zum Beweis-
142
thum diene,
143
Daß der Meister toll zn nennen, der das Räder-
144
werck gemacht,
145
Und ein so verwirrt Gebäude, ohngefehr herfür ge-
146
bracht.
147
Da doch der verkehrte Gang, da ein Rad das an-
148
dre rühret
149
Auf dem äusern Ziefer-Blat, richtig seinen Zeiger
150
führet:
151
So gehts euch ihr Menschen Kinder! wenn ihr mit
152
Verwundrung seht,
153
Wie der Höchste auf der Erden, das verborgne
154
Schiksahl dreht,
155
Was euch ohne Ordnung scheint, als von ohnge-
156
fehr entstanden,
157
Darin ist ein weiser Grund, warum es so ist,
158
vorhanden:
159
Was euch wie ein Babel scheinet, da Verwirrung
160
nur regiert,
161
Hat des Höchsten Rath ersonnen, wunderbarlich
162
ausgeführt.
163
Alles was euch wiederfährt, wird zum Besten stets
164
geleitet,
165
Da des Höchsten weise Güt, aus dem Bösen Guts
166
bereitet.
167
Wer dies überzeugend gläubet, der kan mit Zufrie-
168
denheit,
169
Auch ein hart Geschik ertragen, als ein bitter süsses
170
Leid,
171
Der denkt O! die Vorsehung, wird mich wunder-
172
bahrlich führen,
173
Daß ich dort in Ewigkeit, seine Güte könne spü-
174
ren.
175
Wenn der Vorhang weggerissen, der des Höchsten
176
Thron verhüllt,
177
Alsdenn sehn wir den Regenten, aller Güte Eben-
178
bild,
179
Der uns dort in jener Welt, wird den weisen
180
Grund erklären,
181
Von der Führung darob wir, uns in dieser Zeit,
182
beschweren.
183
Drükket uns ein banger Jammer, plaget uns die
184
schwere Noth,
185
Raffet uns in frühen Jahren weg ein übereilter
186
Tod,
187
Nur getrost! die Vorsicht weiß, daß es uns zum
188
Besten dienet,
189
Wie dem Palmbaum der gedrükt, desto besser wächst
190
und grünet.
191
Wenn die Völker sich verwirren; Wenn man sie-
192
het überall,
193
Wie die Thronen sich zerstossen, wie der Reiche
194
Stürtz und Fall,
195
Unsre Welt mit Schrekken droht; Nur getrost!
196
die Vorsicht wachet,
197
Die doch über alles herrscht, und die Friedens-
198
Puncte machet.
199
Wenn die Fluth gethürmmter Wellen, auf das Schiff
200
der Kirche stürmmt;
201
So wacht doch der Vorsicht Auge, das dasselbe stets
202
beschirmmt;
203
Wenn die Bosheit schreklich tobt, wird der Odem
204
seiner Nasen,
205
Sie wie eine leichte Spreu, wie den flüchtgen
206
Staub zerblasen;
207
Wenn des After-Glaubens Nebel, Licht und War-
208
heit überzieht;
209
So ist
210
und Schatten flieht:
211
Will des Menschen Raserei, alles durch einander
212
bringen,
213
O! da Zebaoth regiert, wird ihr Anschlag nie ge-
214
lingen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.