1
Wir leben in der Welt, im Land
3
Darin die Menschen sind, bald
4
hie, bald da, zerstreut:
5
Der runde Erdenball ist weit
7
Da sich ein ieder Mensch in sei-
9
Der eine wohnet gern in ienen Morgenland;
10
Der andre klaget da, daß er im heissen Sand
11
Den stets beschweißten Fuß, in diesen Weltstrich
13
Wenn er Arabiens entflammten Sand durch-
15
Der Ort, wo man erzeugt, die erste Lufft genießt,
16
Ist sonder Zweiffel gut, wenn da das Glükke
18
Das unser Sin verlangt. Die Erde ist des HErren:
21
So müst es uns auch gut, bei seinen Gnaden-
23
Am kalten Norderpol, als wie in Süden sein.
24
Die Welt ist nur ein Haus, darin die Länder,
26
Dem einen scheint dies gut, dem andern ienes’,
28
Nachdem die Neigung fällt; nachdem die Lebens-
30
Sich mit den Gegenden, allwo man wohnt, ver-
32
Darauf kommt alles an: Und will man dies ge-
34
So kann man auch hiebei des Höchsten Weisheit
36
Die Welt ist abgetheilt, in manches Reich und
38
Das menschliche Geschlecht hat durchs Gesellschaffts
40
Sie wiederum verknüpft, indem sie allzusammen,
41
Doch all aus einem Blut, von einem Ort her-
43
Ein ieder der vergnügt, lebt allemahl beglükt,
44
Wo ihn die Vorsehung hat weislich hingerükt.
46
So mag es in der Stadt; so mag es auf dem Lande
47
Auf Bergen, in dem Wald, in Feld und Thälern
49
So denket die Vernunfft, doch der Geschmak spricht:
51
Der die Gesellschafft liebt, und des Getümmels
53
Der wird nicht leicht die Stadt, mit einem Dorf
55
Wer eine freie Lufft und stilles Leben liebt,
56
Der wählt ein freies Land dafür er Städte giebt
57
Wer hat von Beiden recht? Sie finden alle Beide,
58
Der eine hie, der da, für sein Gemüthe, Freude.
59
Mein Urtheil ist hiebei: Es ist gut in der Stadt,
62
Das Leben taugt da nicht, da wo der Pfauen
64
Der stolzen Höflichkeit, zum Bürgerrecht gewor-
66
Da wo die Eitelkeit, die falsche Mode Welt
67
Sich hinter Mauren stekt, und ihre Hofstat hält;
68
Das Leben taugt da nicht, wo man die Arglist
70
Mit Tugend Glanz bekränzt, und Klugheits Nah-
72
Das Leben taugt da nicht, wo man durch stolze
74
Die Bürger Ehrbarkeit, zu Adlers Schweiffen
76
Wo man die Höflichkeit, in blossen Mienen sezzet,
77
Und mit der Zunge liebt, und mit der That ver-
79
Das Leben taugt da nicht, wo man den Handel
81
Und nicht die Billigkeit den rechten Werth be-
83
Wo man die Wageschal nur blos zum Vortheil
85
Der Ellen Maaß verkürzt, die kurze Waar ver-
87
Das Leben ist da gut, wo auf dem freien Feld,
88
Des Schöpfers Vorsehung den Seegen aufgestellt;
89
Wo in der freien Lufft gesunde Winde wehen,
90
Die Aecker woll beflanzt, von Früchten trächtig
92
Wo stille Einfalt wohnt, wo alte Redlichkeit,
93
An stat des falschen Schwurs, die Hand zur Treue
95
Das Leben taugt da nicht, da wo die Erden Wür-
97
So ungebärdig sein, als wie die Himmelsstürmer,
98
Wo untern groben Tuch, ein gröbers Herze stekt,
99
Und sich der Bosheit Grim mit Lämmerfellen dekt,
100
Die eine Liverei der wahren Einfalt heisset;
101
Wo Tumheit, Unverstand mit Wollffes Zähnen
103
Da taugt die Wohnung nicht; obgleich dem stillen
105
Der Vorzug öffters wird vor Städten zuerkant.
106
Das Land ist da nicht still, wo der besoffne Bauer,
107
In seinem Kruge schreit, als wie ein Gassenhauer,
108
Wenn ihn der heisse Trank, den er wie Wasser säufft
109
Die Kehle aufgesperrt, und das Gehirn ergreifft:
110
Alsdenn stürmt er das Dorff, und läst die Hunde
112
Durch sein Geschrei erhizt, als würd zur Jagd ge-
114
Das Leben taugt da nicht, wo man den Ehrentag,
115
Der Ehe eingeweiht, nur braucht zum Saufgelag;
116
Wo Zucht und Ehrbarkeit, mit Kränzen zwar ge-
118
Der Keuschheit Ehrenkranz in Raserei verlieret.
119
Das Leben taugt da nicht, wo man bei saurer
121
Bei Pferd und Ochsen lebt, als wie ein menschlich
123
Die von dem Joch befreit, mit lauter wilden
125
In ungezuämten Lauf sich zum Verderben bringen.
126
Wer sich in dieser Welt um einen Plaz bemüht,
127
Allwo die Gottesfurcht, mit Redlichkeit recht blüht
128
Der suchet einen Ort, die Wohnung aufzuschlagen,
129
Der hier in dieser Welt, sehr schwerlich auszufragen;
130
Der sucht ein Paradies, das längst verlohren ist,
131
Und das man nirgends find, woll in der Biebel
133
Doch den die Vorsehung gesezt in dieses Leben,
134
Dem hat er hie und da, den Weltraum einge-
136
Wo man an ieden Ort, gut, löblich wohnen kan,
137
Nimt man nur nicht dabei des Ortes Laster an.
138
Die Wohnung ist da gut, wo man nach Tugend
140
Und in der bösen Welt doch gut und christlich lebet;
141
Wo man in Sodom zwar sein Wohnungs Zelt auf-
143
Doch in dem Herzen Scheu, vor Sodoms Greuel hegt;
144
Wo man bei Kedar wohnt, und dennoch Frieden
146
Bis uns des Höchsten Huld, in Salem Wohnung