Die Schöpfung ein Spiegel der Göttlichen Herrlichkeit

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Johann Justus Ebeling: Die Schöpfung ein Spiegel der Göttlichen Herrlichkeit (1747)

1
Auf entflammte Geister auf! schwinget der
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Gedanken Flügel,
3
Zu dem Anfang aller Zeit, wo die Welt
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der Gottheit Spiegel
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In dem dunklen Nichts vergraben, da
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noch alles unsichtbar,
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Auser das erhabne Wesen, das der Dinge Ursprung
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war,
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Und sich nur allein bekand. Auf! beschreibt in kla-
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ren Rissen,
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Wie sich auf der Gottheit Wink, alles offenbahren
12
müssen
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Du unentlich ewigs Wesen! hülltest dein nothwen-
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dig Sein,
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In den unbestimmten Grenzen dunkler Ewigkeiten
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ein
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Bis es, unbeschreiblich All! wie wir unbegreiflich
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lallen,
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Deiner Weisheit, deiner Macht, diese Welt zu
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baun, gefallen.
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Auf dein würkend Allmachts Wollen kam der Ele-
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menten Heer,
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Aus des Nichtes dunklen Schosse, brach hervor des
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Urstofs Meer,
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Daß man sonsten Chaos nennt, dessen schwermen-
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des Gewimmel,
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Wie ein untermengter Stoff von der Erde, von dem
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Himmel
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Ja! von allen Kreaturen, die durch deine weise
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Macht,
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Binnen den sechs Schöpfungstagen in der Ordnung
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Kreis gebracht.
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Welch unendlicher Verstand! der dis auf einmal
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erwogen,
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Und ein iedes an dem Ort, aus der Klufft hervor-
36
gezogen!
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Welch durchdringend sehend Auge hat dies alles
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eingeschaut,
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Was dazu erfordert würde, eh die Welt recht
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aufgebaut,
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Welche Theile, welchen Raum sie nach ihren Stand
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zu füllen:
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Dieses alles zeiget klar von allwissend weisen
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Willen,
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Da die Welt in ihrer Ordnung, in die Kette ein-
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gebracht,
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Die das nun bestimmte Ganze, zu verbundnen Ku-
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geln macht.
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Deines Geistes rege Kraft, die den wüsten Klump
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bewegte,
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Und den neblicht düstern Grund durch den Allmachts
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Hauch erregte,
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Trieb die ungeformten Theile der Materie der
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Welt;
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Daß sich alles nach einander, in der Ordnung dar-
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gestelt.
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Wie die schnelle Scheidung kam; da must in ge-
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schwinden Wallen,
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Alles wo es hin bestimt, in gewisse Grenzen
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fallen.
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Dein allmächtig würkend Reden, rief der dunklen
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Finsternis,
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Die aus ihren schwarzen Raume alsobald das Licht
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ausblies,
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Das mit seinen hellen Strahl auf der trüben Tiefe
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glänzte,
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Und den angeflammten Tag von des Nachtes Schat-
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ten grenzte.
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Da die lichten Feuertheile sich so lang herumbe-
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wegt,
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Bis das helle Meer der Sonne, sich in seinen Kreis
72
gelegt,
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Welch ein Abgrund folgte da, in den ausgedehn-
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ten Höhen,
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Als dein Wink die Veste lies in gespannten Dün-
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sten sehen!
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O! ein Raum der unsre Blikke, wenn sie noch so
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scharff verschlingt
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Und den Geist der ihn ermisset, schwindelnd in Ent-
80
zükkung bringt!
81
Zeigte sich drauf Grenzenlos, als die Lufft sich
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durchgedrungen,
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Und in einer freien Höh, von dem Licht verdünnt,
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geschwungen.
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Wer kan dieses Lufft Gewölbe, das sich mit den
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Wolken dreht
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Und in hocherhabnen Kreisen, nach dem Gleichge-
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wichte geht,
89
Ohn Verwunderung ansehn? Da so ungeheure
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Lasten,
91
Durch die Allmacht unterstützt, gar auf keinen Pfei-
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ler rasten,
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Du o! HErr von grosser Kraften, du erhälst der
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Wolken Schwarm,
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In dem regel mäßgen Schweben, blos durch deinen
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Wunder Arm,
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Darum muß ein ieder Blick, nach den tief gewölb-
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ten Weiten,
99
Uns
100
ausbreiten.
101
Lag der Erden tieffe Fläche, noch mit Wasser ü-
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berdekt,
103
Und in ausgeschäumten Schlamme, einer tieffen
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Fluth verstekt:
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So floh auf ein einzig Wort, das im Anfang hies:
106
Es werde.
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Das Gewässer aufgethürmt, von dem dichten Grund
108
der Erde,
109
Rauschend in die tieffen Schlünde die dem Boden
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eingedrückt,
111
Wo sie in die steilen Uffer, als in Schranken ein-
112
gerückt,
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Jhren wirbel vollen Lauf, in den Bächen, Flüssen,
114
Seen
115
Schlingend durch den trocknen Ball ausgehölter Er-
116
de drehen.
117
Also wurden die Gewässer, in die Grüffte ein-
118
gesenkt,
119
Und durch Bäche, Flüsse, Seen zu dem Welt Meer
120
hingelenkt
121
Welches die allweise Macht in die Riegel so ge-
122
dämmet,
123
Daß es nicht mehr wie zuerst Erd und alles über-
124
schwemmet:
125
Und so ward der Boden trokken, dessen schwärzli-
126
che Gestalt;
127
Auf der Höchsten Macht Geheisse, gleich der An-
128
muth Auffenthalt
129
Als die innre Saamen Kraft, auf einmahl hervor-
130
gegrünet,
131
Welches Gras der schroffen Fläch unsrer Erd, zur
132
Dekke dienet.
133
Da sind Kräuter, Bäume, Blumen, mit der bunt
134
gefärbten Pracht,
135
An dem dritten Schöpfungstage uns zum Nutz, her-
136
fürgebracht,
137
Eh der Mensch, der Herr der Welt, noch sein Lust-
138
haus eingenommen,
139
Ward schon alles angeschafft, was er zum Besitz
140
bekommen.
141
O! du Vater alles Lichtes, hier erscheint die Vor-
142
sehung,
143
Deine weise Wundergüte, die noch ohne Aende-
144
rung,
145
Zur Erhaltung des, was lebt, läst den schwangern
146
Schooß der Erden,
147
Von des Saamens Blüt und Frucht, alle Jahre
148
trächtig werden.
149
Welch Vergnügen lies sich sehen, da das schöne
150
Paradies,
151
Sich an diesem Schöpfungstage, mit der holden
152
Anmuth wies,
153
Welches
154
seinem Bilde,
155
In dem edlen Unschuldsstand eingeräumt zum Lust-
156
gefilde.
157
O! du Wohnplatz süsser Ruhe, Auffenthalt der
158
güldnen Zeit!
159
Ewger Güte Gnadentempel, wer kann nach der Herr-
160
lichkeit
161
Die aus unser Schuld verlohrn, sehnsuchts voll zu-
162
rükke blikken,
163
Ohne sich dein reizend Bild, dabei ins Gemüth zu
164
drükken!
165
Alles, was man Schönheit nennet, alles was man
166
Anmuth heist
167
Was uns zum Vergnügen wächset, was uns zum
168
Ergözen fleußt,
169
Was den Sinnen wollgefällt, war in Edens grü-
170
nen Auen,
171
Mit entzückter Herzenslust damals reizend anzu-
172
schauen.
173
Dies o! Schöpfer hat dein Wollen nach einander
174
vorgestellt,
175
Was vor Wunder aber stekken in der tieffen Un-
176
terwelt,
177
In der Erden harten Schooß, in den ausgehohlten
178
Schachten?
179
Die bei diesem Tagewerk, noch mit Andacht zu
180
betrachten.
181
Wenn man in die Eingeweide der verborgnen Erde
182
dringt,
183
In die dunklen Schatzes Kammer wo das Gold
184
und Silber blinkt.
185
Und das nützliche Metal: So man muß gerührt
186
gestehen,
187
Daß der Reichthum deiner Güt, in der Tieffe auch
188
zu sehen.
189
Doch ihr Sinnen hebt euch wieder zu den nun be-
190
stirnten Höhn,
191
Wo sich an dem Firmamente, Sonne, Mond und
192
Sterne drehn
193
Welch ein feurig Lichter Heer fängt nun an mit sei-
194
nen Strahlen,
195
Dieses blaugewölbte Rund zu vergülden, zu be-
196
mahlen.
197
Welch ein schwebend Feuerballen, welzt sich um
198
des Himmels Zelt,
199
Der als eine Uhr der Zeiten, Tag und Nacht in
200
Ordnung hält;
201
Welch ein heller Silber Mond, rollt mit ungezähl-
202
ten Sternen,
203
Die uns bei der Finsternis, dienen, stat der Nacht
204
Laternen!
205
O! du hoch erhabner Schöpfer! diese zeugen Tag
206
und Nacht,
207
Von der ungemeßnen Grösse einer weisen Wunder
208
Macht.
209
Die am hohen Himmels Dach, so viel Lichter auf-
210
gehangen,
211
Die zu deiner Gottheit Ruhm, als ein schimmernd
212
Feurwerk prangen.
213
Wie erstaunet das Gemüthe, wenn es diese Ster-
214
nen Welt,
215
Mit geschärfften Augen siehet, und was solche in
216
sich hält;
217
Wenn es deren Glanz erwegt, da die blauen Him-
218
melsbogen,
219
Mit dem schwarzen Flor der Nacht allenthalben ü-
220
berzogen:
221
Alsdenn scheinet uns der Himmel, wie ein ausge-
222
spanntes Feld,
223
Das auf seinen dunklen Grunde, güldne Saaten
224
vorgestellt.
225
Doch will man das Sternen Heer nach den ange-
226
nomnen Grösseu,
227
Und ein iegliches Gestirn nach dem Umfangs Kreis
228
ausmessen:
229
So wird uns die Sternen Bühne und derselben
230
Flammenschein,
231
Eine unermesne Gegend ungezählter Welten
232
sein;
233
Die im tieffen Abgrunds Thal, zu des Allerhöch-
234
sten Ehren,
235
Wenn man immer weiter dringt, aller Zahlen
236
Zahl vermehren.
237
Solte dieses Lustgebäude, das die Weisheit aus-
238
gedacht,
239
Und der Allmacht würkend
240
Stand gebracht,
241
Ein bewohnter Schauplatz sein? so must du nach
242
deinen Willen
243
Schöpfer! dieses Wunderhaus mit Lebendigen
244
erfüllen.
245
Wie verlanget; so geschehen. Es bewegte sich das
246
Meer,
247
Von lebendigen Gewimmel: Da entstand der Fi-
248
sche Heer,
249
Das da lebt im Wasser reich, in den Teichen, Flüs-
250
sen, Seen,
251
Wo derselben Meng und Art ihres Schöpfers Ruhm
252
erhöhen.
253
Ungeheure Meeres Wunder schwingen da ihr Haupt
254
empor,
255
Die mit fürchterlicher Stellung gehen aus der Tief
256
hervor,
257
Vor derselben Schreckensblick selbst dieienigen er-
258
beben,
259
Die mit einen frechen Muth, zwischen Lufft und
260
Wasser leben.
261
Welch ein Anblick! wenn der Drache, der im Schilf
262
des Meeres schäumt,
263
Aufgeschwollne Wellen speiet, in die Höhe schlägt
264
und bäumt;
265
Wenn der Wallfisch daher fährt, vor dem die ge-
266
welzten Wellen
267
Als wenn sie sich vor ihm scheun, abermal zurükke
268
schwellen?
269
Um denselben schwimmt die Menge der beschuppten
270
Fische, her
271
Die mit rudernden Bewegen, bei der Hin- und Wie-
272
derkehr,
273
Wie belebte Pfeile schnell, durch die klaren Flu-
274
then, dringen,
275
Und auf ihrer glatten Bahn hüpfend hin und wie-
276
der springen.
277
Sieht man mit erstaunten Sinnen, auf die unter-
278
schiedne Art,
279
Der beschuppten Wasserbürger, die mit Panzern
280
woll verwahrt;
281
Denkt man nach die grosse Zahl, da so viele Mil-
282
lionen
283
In dem nassen Wasserreich, in dem Meer und
284
Flüssen wohnen:
285
So dient uns dies gros Gewimmel, das wir in
286
dem Wasser sehn,
287
Allemahl uns zu ermuntern,
288
zu erhöhn,
289
Die mit Allmachtsvoller Krafft alle Tiefen ausge-
290
gefüllet,
291
Daß da wo die Fluthen gehn, seine Wundergüte
292
quillet:
293
Als das Wasserreich beseelet; ward der Lufftkreis
294
auch belebt;
295
Es entsteht ein Schwarm von Vögeln, der sich in
296
die Höhe hebt,
297
Und die ausgedehnte Kraft anerschafner Flügel
298
schwinget,
299
Dadurch sich dies leichte Heer segelnd immer höher
300
bringet.
301
Welche ungezählte Schaaren füllten da der Lüffte
302
Bahn,
303
Dabei sich in ieden Arten deine Weisheit kund ge-
304
than,
305
Schöpfer! da du grosse Kunst, in dies Feder-
306
volk geleget,
307
Daß sich durch der Flügel Trieb über Berg und
308
Hügel träget.
309
Welche helle Lust Gethöne schallten da aus ihrer
310
Brust,
311
Da sich ein natürlich Gurgeln, daß sie selbsten un-
312
bewust
313
Aus der zarten Kehle drehn, und bei freudigen
314
Gefieder,
315
Jhr Geburthsfest vollenziehn und dir singen Freu-
316
denlieder.
317
Welch ein Anblick, da der Adler durch das wallend
318
Element
319
Das er mit den Flügeln theilet, im geschwinden
320
Flug durchrent!
321
Und der Vogel Reichstag hält, da er in derselben
322
Orden,
323
Als ein neu gebohrner Fürst, der Geflügel König
324
worden!
325
Welch ein Heer war da zu sehen, da sich eine iede
326
Art
327
Nach den Triebe der Naturen an dem Hochzeits
328
Tag verpaart,
329
Da du als sie kaum gebohren, diesem Lufft Volk
330
eingepräget:
331
Daß auch die Vermehrungs Krafft ihren Körper
332
beigeleget.
333
Als die Lufft also bewohnet, war nur noch die Er-
334
de leer,
335
Die belebte deine Güte, durch der Würme krie-
336
chend Heer,
337
Das mit einer Anzahl Vieh, auf dein Machwort
338
muste werden:
339
Da sah man von Zahm und Wild, grosse neugebohr-
340
ne Heerden,
341
Die nach ihres Schöpfers Willen, Wiesen, Felder,
342
Berg und Wald,
343
Als den angewiesnen Zirkel, wähleten zum Auf-
344
fenthalt.
345
Hier kroch aus der Erden Schoos ein lebendiges
346
Gewimmel;
347
Da sprang von dem größren Vieh, auch hervor ein
348
gros Getümmel,
349
Das zu ihres Schöpfers Ehren blökete mit starken
350
Laut,
351
Als wenn es den preisen wolte, der ihr Wohnhaus
352
auferbaut,
353
Und so herrlich ausgeziert, daß sie in den grünen
354
Gründen,
355
Auf den Bergen, in dem Wald, allenthalben Nah-
356
rung finden.
357
Hier zeigt sich uns abermahlen, eine weise Güt und
358
Macht,
359
Die im Reich der Erdenthiere, alles herrlich aus-
360
gedacht,
361
Daß es zu bewundern ist, wenn wir ihren Bau
362
bedenken,
363
Und auf eine iede Art, ein verständig Auge len
364
ken.
365
Auch das kleineste Gewürme, das in dem Mo-
366
raste liegt,
367
Und mit unsichtbaren Füssen in geschwinder Wen-
368
dung kriecht,
369
Zeugt von einer Wunder Hand, die aus zartesten
370
Gelenken
371
Können ein solch lebend Thier, das sich krümmt, zu-
372
sammen schränken.
373
Sieht das Auge auf die Grossen, die auf starken
374
Knochen gehn,
375
Und als schöne Kunstmaschinen die gelenkten Thei-
376
le drehn;
377
So ist alles wunderbar von dem Schöpfer aus-
378
gezieret,
379
Der das Triebwerk der Natur nach der Thiere Art
380
formiret.
381
Aeusert sich das weise Wissen nicht an ihren Man-
382
nigfalt?
383
Strahlt nicht eines Schöpfers Grösse, aus der Bil-
384
dung und Gestalt?
385
Wenn man ihre Arten zählt, die von ihm besondre
386
Gaben,
387
Nach der weisen Vorsicht Zweck, zum Gebrauch
388
empfangen haben.
389
Da erschienen auf sein Wollen, die gehörnet an
390
dem Haupt,
391
Andre hatten spizze Klauen, womit die Begierde
392
raubt;
393
Diese hatten ihre Krafft, in den woll gesteifften
394
Rükken:
395
Und ein iedes muste sich nach des Schöpfers Absicht
396
schikken.
397
So ward auch das Reich der Thiere, das die Weis-
398
heit ausgedacht
399
Durch ein Allmachts volles Würken, in den schön-
400
sten Stand gebracht
401
Einer aber fehlte noch, wer? ein Herscher, dem, mit
402
allen,
403
Dieses grosse Wunderhaus, muste zum Besitz zu-
404
fallen;
405
Der die Welt als einen Spiegel, mit Bewunderung
406
beschaut,
407
Die ein vollenkomnes Wesen, es zu kennen, auf-
408
erbaut.
409
Dieses war das letzte Stück, das sein Meisterfin-
410
ger bildet,
411
Da er es nach seinem Bild, vollenkommen abge-
412
schildet.
413
Alles war nun schon zugegen in der Wohnung die-
414
ser Welt,
415
Welche reiche Nahrungsmittel, überflüßig in sich
416
hält;
417
Als die ewge Weisheit sich, diesen Vorwurf aus-
418
erlesen,
419
Der bei dem, was sichtbar ist, nie so edel ist ge-
420
wesen:
421
Dieses lehrt die Gottheit selbsten, die uns daher ih-
422
ren Rath,
423
Bei der Schöpfung eines Menschen, in der Schrifft
424
beschrieben hat:
425
Daß wir unserm Adelstand kennen, den er uns ge-
426
geben,
427
Und daß wir, als Herrn der Welt, die sein Bild-
428
nis tragen, leben.
429
Ein Klump von der todten Erde, ward durch die all-
430
weise Hand,
431
Also künstlich zubereitet, daß daraus ein Bild ent-
432
stand,
433
Das an Vollenkommenheit über alle Thiere stei-
434
get,
435
Und an einen ieden Glied seines Meisters Grösse
436
zeiget.
437
Es trug sein Gesicht erhoben Erd und Himmel an-
438
zusehn,
439
Damit es die hellen Augen allenthalben konte
440
drehn,
441
Seines Schöpfers Herrlichkeit in den wunderbaren
442
Werken,
443
Die zum Schau ihm vorgestellt, mit den Sinnen
444
zu bemerken.
445
Seine Bildung des Gesichtes ward mit Schönheit
446
ausgeziert,
447
Und mit glatter Haut umzogen, die recht künstlich
448
auspolirt.
449
Ja! des Hauptes Wunderbau zeigt von aussen,
450
und von innen,
451
Daß es
452
unsrer Sinnen,
453
In dem ausgehohlten Kopfe wunderbarlich ange-
454
legt,
455
Und durch die Empfindungs Röhren, das verborg-
456
ne Hirn erregt:
457
Voller Wunder ist der Leib, den an Händen, und
458
an Füssen,
459
Durch der Nerven festes Band, GOttes Macht ver-
460
binden müssen.
461
Jhr die ihr die Körper theilet, und der Theile Nuz-
462
zen kennt,
463
Wenn ihr mit geschärfften Messern der Gelenke Fu-
464
gen trennt,
465
Brauchet die Gelegenheit in dem weisesten Ver-
466
binden,
467
Gottes Weisheit, GOttes Macht immer weiter
468
zu ergründen!
469
Wir beschauen nur den Menschen, als der Allmacht
470
Meisterstück,
471
Das er noch zuletzt gebildet, mit verwundrungsvol-
472
len Blik;
473
Diesen körperlichen Theil, das Gehäuse ohne
474
Seelen,
475
Müste der erhabne
476
mählen.
477
Dies geschah, ein geistig Hauchen, das in Adams
478
Körper blies,
479
Und durch ein verborgnes Athmen, Geist und Leben
480
in ihm lies,
481
Machte ihn zu einen Mensch, der mit einer Seel ge-
482
zieret,
483
Welche in dem Körper wohnt, und ihn durch Ver-
484
nunfft regieret.
485
So ward Geist und Leib verbunden, das Geheim-
486
nis volle Band
487
Das unsichtbar ist verknüpfet, durch die weise All-
488
machts Hand,
489
Lehret welch ein Wunderwerk, in den Menschen sei zu
490
finden,
491
Das er wenn er in sich geht, doch nicht selbsten kan
492
ergründen.
493
Welch ein Kleinod ward der Seele von dem Schöp-
494
fer beigelegt,
495
Die an dem Verstand und Willen ihres Lehnsherrn
496
Bildnis trägt!
497
Welch ein herrlich Weisheitslicht glänzte in dem kla-
498
ren Geiste!
499
Der bei dem erlauchten Schein,
500
und preißte.
501
Der Verstand, das Aug der Seele, war bei ihm
502
ein helles Licht,
503
Das durch die gewölkten Nebel, durch des Jrthums
504
Schatten bricht;
505
Das den grossen Jehovah, als das höchste Gut er-
506
kante,
507
Da des Willens reger Trieb, es stets zu geniessen
508
brante.
509
Dieses anerschaffne Gute, sproßte die vergnügte
510
Frucht,
511
Eine Heiligkeit des Lebens, die des Schöpfers Ehre
512
sucht,
513
Da nach der Gerechtigkeit sich die reine Neigung
514
lenkte;
515
So daß kein verdorbner Trieb des Gesezzes Ziel ver-
516
drengte.
517
Als die GOttheit sich im Bilde an dem Menschen
518
abgedrückt,
519
Und mit ihrer Hoheit Strahlen dieses Meisterstük ge-
520
schmükt
521
Aus der Werkstatt gehen lies, bracht er ihn in E-
522
dens Auen,
523
Einen Wohnplaz süsser Lust, darin ferner aufzu-
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bauen.
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Adam sah mit starren Blikken, die gepflanzte Herr-
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lichkeit,
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Er fand auf der grünen Erde, lauter Wonne aus-
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gestreut.
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Sein erstaunt gerührtes Aug wurde zu den Himmels-
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bogen,
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Von dem heitern Licht erfüllt, voll Verwundrung
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hingezogen.
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Das vom Glanz bestrahlt Gesichte, sah an der be-
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stirnten Bahn,
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Von den inren Trieb beweget, immer neue Wun-
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der an:
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Die mit reger Freudigkeit sein geöffnet Hertz er-
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füllten,
539
Und mit neugezeigter Pracht, seine Lust der Augen
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stillten.
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Als er mit geschwinden Blikken, diesen Weltbau
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übersehn,
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Musten auf des Schöpfers Winken, auch die Thie-
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re vor ihm stehn,
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Da sie alle, Paar bei Paar, von dem Menschen
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ihre Nahmen,
547
Wie er, ihre Eigenschafft, weislich eingesehn, be-
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kamen.
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So ward er ein Herr der Thiere, deren ungezähl-
550
tes Heer,
551
Durch ein himmlisches Gedeien, stets belebt, Erd,
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Lufft und Meer,
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Dem in seinem Paradies und beglükten Stand nichts
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fehlte,
555
Als ein Weib, damit er sich, durch den Ehebund
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vermählte.
557
Das ward auch von
558
heit und Verstand
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In des Adams Brust die Triebe, zur Gesellin an-
560
gebrant.
561
Darum must ein süsser Schlaf durch des Mannes
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Glieder dringen,
563
Daß er ihm von seinen Fleisch, konte die Gesellin
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bringen.
565
Adam schlief und eine Ribbe, die er in der Seite
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trug,
567
Ward ihm unvermerkt entrissen, und der weisen
568
Macht genug
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Jhm daraus ein Weib zu baun, an derselben Schön-
570
heitsgaben,
571
Umgang und Geselligkeit, er sein Hertze könte la-
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ben.
573
Dieses Schönheits Bildnis wurde von des Schöp-
574
fers Hand gemacht,
575
Durch den Allmachts Hauch belebet; und da Adam
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aufgewacht
577
Sah er mit vergnügten Blik, was das ewig gütig
578
Wesen,
579
Jhm zu einer Augenlust, zur Gesellschafft aus-
580
erlesen.
581
Es gefiel ihm diese Schöne; ihrer Glieder nette
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Pracht,
583
Und der Liebreiz des Gesichtes, woraus lauter An-
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muth lacht.
585
Voll Verwunderung entzükt, fand er in dem Bil-
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dungszügen,
587
Spuren einer weisen Macht, wie in seinen Körper
588
liegen.
589
Er erblikte seine Ribbe, in veränderter Ge-
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stalt,
591
Die des Allerhöchsten Finger zu der Seelen Auf-
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enthalt
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Wunderbahrlich ausgebaut. Darum rieff er im
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Entzükken.
595
Ich kan Fleisch von meinen Fleisch, Bein von
596
meinen Bein erblikken.
597
Dies natürlich Band der Liebe, ward der Treue fe-
598
ster Grund,
599
Bei der abgezwekten Ehe und den neu geschloßnen
600
Bund,
601
Der durch himmlisches Gedein, da der Segen aus-
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gesprochen,
603
Wie ein Baum voll Fruchtbarkeit, immer weiter
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ausgebrochen.
605
Also ward die Welt gebauet, und der Kreaturen
606
Heer,
607
Ward der weisen Allmachts Spiegel, worin zu des
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Höchsten Ehr,
609
Das vernünfftige Geschöpf, immer neue Wunder
610
siehet,
611
Wenn es den erhabnen Geist auf derselben Kennt-
612
nis ziehet.
613
Sehet Menschen! welche Dinge euch zum Nutz her-
614
vorgebracht,
615
Preiset doch den grossen Schöpfer, rühmt die Weis-
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heit, lobt die Macht,
617
Das ist eure Andachts Pflicht, daß ihr die Voll-
618
kommenheiten,
619
Die ihr allenthalben schaut, sucht, wie billig aus-
620
zubreiten.
621
Darum ist die Welt erschaffen, darum hält die Vor-
622
sichts Hand
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Diese ungeheure Lasten, noch in ihren Unbestand;
624
Darum lebt ihr in der Zeit, daß ihr die Geschöpfe
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sehet,
626
Und des Geistes Andachts Aug auf den grossen
627
Schöpfer drehet;
628
Darum lebt ihr auf der Erden, daß ihr seht die wei-
629
se Macht,
630
Die dis alles durch ein
631
herfürgebracht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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