Ursachen warum uns GOtt das Zukünftige verborgen

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Justus Ebeling: Ursachen warum uns GOtt das Zukünftige verborgen (1747)

1
Der Menschen Neubegier, die sich mit Gril-
2
len plagt,
3
Ist niemahls thörigter als wenn sie em-
4
sig fragt
5
Warum das
6
verborgen,
7
Darum wir Armen doch mit inren Grämen sorgen.
8
Der eine seufzet tief: Warum gönt das Geschik
9
Uns in die künftge Zeit nicht einen Vorsichts Blik,
10
Daß wir schon zum voraus im gegenwärtgen wüsten
11
Was wir in Künftigen annoch erleben müsten.
12
Der andre denket gar, ach! wäre mir mein Stand,
13
Den ich bekleiden soll schon zum voraus bekand;
14
So könt ich mich dazu, wie sichs gebührt bereiten,
15
Und mit Geschikligkeit ein Ehren Amt bestreiten.
16
Die Einfalt denket so; du blinder Sterblicher
17
Wenn dir schon zum voraus, dein Stand eröfnet
18
wär;
19
So würdest du vielmehr die beigelegten Gaben,
20
Von Hofnung aufgebläht, in faulen Rost begraben.
21
Der Trieb der dich anspornt, auf das was unbestimmt,
22
Der Reitz der im Gemüth nach Ehr und Ansehn
23
glimmt
24
Der wäre auch erstikt, wenn auser dein Bestreben,
25
Das Schiksahl unbedingt dir schon dein Looß gegeben.
26
Da aber dein Geschik dir vorher unbekant;
27
So hält das Ungewis die Lust in Glut und Brand;
28
So muß dein reger Fleis, wenn sich dein Muth will
29
schwingen,
30
Dich zu dem Ehrenport auf Hofnungs Flügeln brin-
31
gen.
32
Wie wüstest du das Glük, das dir begegnen soll;
33
So machte dich der Blik schon von der Freude voll;
34
Eh du die Süßigkeit des Schiksahls kanst geniessen,
35
So würde dein Gemüth darauf schon hungern müssen.
36
Und kämst du zum Genus; so wär der Ekel dar,
37
Weil, was man vor gesehn und schon gewohnet
38
war
39
Uns nicht mehr so erfreut. Was uns recht soll ergözzen
40
Das muß uns zum voraus in bange Hofnung sezzen.
41
Wenn dir des Himmels Schlus vorhero schon ge-
42
lehrt,
43
Durch einen Unglüksstern, was dir zur Last beschert;
44
So würde dein Gemüt, noch vor den Kummertagen,
45
Mit der bestimmten Angst, dich wie mit Foltern
46
plagen;
47
So machte dir die Furcht, bei jeden Augenblik
48
Schon ein beklomnes Herz; So wär dein Ungelük
49
Viel unerträglicher, als da es dir verborgen:
50
Denn was man noch nicht weis; das darf man
51
nicht besorgen.
52
Du wärest zwar ein Mensch der in das Künftge seh,
53
Jedoch die Wissenschaft verdoppelte dein Weh
54
Wie bei demjenigen den schon das Recht gesprochen,
55
Und über dessen Kopf der Richterstab gebrochen.
56
So bald ein Delinquent den Sterbetag erst weis,
57
So bald nezt ihn die Furcht schon mit dem Todes-
58
schweis;
59
Die Angst verdoppelt sich, bei jeden Stundenschlage:
60
Je näher zu dem Ziel, je grösser wird die Plage.
61
Die Furcht der Schrekkens Geist, greift einen schär-
62
fer an,
63
Als selbst der grause Tod, der bleiche Schrekkens
64
Mann,
65
Der letzte Trauergang zu seinen Rabensteine
66
Da ihn die Herzens Angst durchdringt durch Mark
67
und Beine,
68
Wird ihn viel bittrer sein auf seinen letzten Wege,
69
Als alle schmerzliche beschimpfte Henkers Schläge:
70
So wäre dir die Furcht vor einer künftgen Noth,
71
Wenn sie dir ganz bekant, viel bittrer als der Tod.
72
Wie weise ist nun
73
Wie sich in Künftigen die Schiksals Spheren drehen.
74
Die Güte die uns stets als seine Kinder liebt,
75
Und uns das Nützlichste nach weiser Einsicht giebt,
76
Die wünschet unsre Ruh; Und sehn wir ihr Gerichte,
77
So käme das Gemüt aus seinen Gleichgewichte
78
Drum Menschen wollet ihr hie recht vergnüget sein,
79
So seht das Künftige, mit Vorwitz nicht mehr ein:
80
Wer glüklich leben will, der wandle auf den Wegen,
81
Dahin die Tugend führt und warte auf dem Segen,
82
Den GOttes ewge Huld auf jeden Tugend Pfad,
83
Als einen Gnadenlohn uns ausgestreuet hat.
84
Erlebten wir denn gleich auch viele Kummerstunden,
85
Sie kommen unverhoft, sind unverhoft verschwunden.
86
Wer ja das Künftige, so gerne wissen mag,
87
Der sehe in die Schrift, worin die Angst und Plag,
88
Der Sterblichen zu sehn, die hier auf Erden wallen
89
Und unbesorget sind dem Höchsten zu gefallen;
90
Der sehe was vor Glanz der Seelgen Haupt umgiebt,
91
Die hier in dieser Welt den Heiland treu geliebt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.