Die Grösse GOttes im Kleinen

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Johann Justus Ebeling: Die Grösse GOttes im Kleinen (1747)

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Die Unempfindlichkeit der menschlichen
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Natur,
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Sieht in dem Allmachtsreich des
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Schöpfers keine Spur,
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Von seiner hohen Größ, als nur
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in grossen Dingen,
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Die durch erhabnen Glantz, uns zur Verwundrung
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zwingen.
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Der Sonnen güldnes Rad, das an dem Firmament,
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Bey stets geweltzten Lauf, durch seine Kreise rennt
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Kan unser Hertz noch woll, durch Reitzungvolles
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Blikken
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Das in die Augen strahlt, auf kurtze Zeit entzükken.
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Der Farben Mannigfalt, so jenen Lufftkreis mahlt,
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Und durch den blauen Grund erhellter Wolken strahlt,
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Reitzt noch woll das Gesicht, die bunten Himmels-
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auen,
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Beym frohen Morgenroth, vergnüget anzuschauen.
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Was auf der Unterwelt, der Menschen Hertze rührt,
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Muß durch das Aussenwerk und Grösse seyn geziert:
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Jm weiten Pflantzenreich, wo Wald, Feld, Gär-
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ten grünen
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Pflegt was erhaben, schön, uns nur zur Lust zu
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dienen.
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Die Ceder Libanons, die mit der schlanken Pracht,
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Bis in die Wolken steigt, wird noch woll hochgeacht;
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Und als ein Meisterstück des Schöpfers auch geprie-
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sen,
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Wer blickt die Kräuter an, die in dem grünen Wie-
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sen
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Aus zarten Keimen gehn? Wer ist woll recht bemüht,
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Den Jsop anzusehn, der nur an Wänden blüht?
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Und doch des Schöpfers Macht, zu seinen Preis
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erhebet;
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Ob er in Niedrigkeit, gleich an der Erde klebet.
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Jm Thierreich ist uns Nichts, was wir bewundern
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schön,
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Als eine Kreatur, die wir gar selten sehn;
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Als ein solch Ungeheur, für dessen Gang die Wellen,
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Wenn es im Wasser wohnt, wie hohe Berge schwellen:
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Als solch ein Wunderthier, das auf dem Troknen
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lebt,
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Und seiner Glieder Bau, vor andern hoch erhebt;
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Das wie ein Elephant sich mit dem Rüssel brüstet
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Und gleich wie ein Cameel mit Thürmen ausgerüstet.
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Ein Thiergen das da nur in faulen Sümpfen kreucht,
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Und ein gefiedertes, das fast unsichtbahr fleucht,
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Wird von dem wenigsten, für sonderbar geachtet
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Und noch viel weniger zu
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Wie aber ist den
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Schafft er die Bäume nur, nicht auch das zarte Moos?
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Hat seine Macht sich nur im Adler abgespiegelt
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Und nicht wenn er durch Kunst, ein Mükken Heer
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beflügelt?
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Des Schöpfers Kreatur, ist sie gleich noch so klein,
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Kan doch ein grosses Bild von seiner Allmacht seyn.
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Je kleiner ein Geschöpf; je zarter ein Gespinste,
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Je grösser ist das Werk, wens voll verborgner Künste.
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Des Meisters Wissenschafft verdient ein Augenmerk,
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Der eine Uhr gemacht von zarten Räderwerk;
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Und pfleget sich die Kunst an solchen kleinen Stükken,
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Wenn sie doch richtig gehn, nicht schöner abzudrükken
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Als an der gröbern Art? des Schöpfers weise Macht
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Hat auch im kleinesten, das sie hervorgebracht,
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So viele Wunder uns, darin zum Schau geleget,
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Als woll das Größre kaum, in seinen Umfang heget:
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Auch in dem kleinesten stellt er die Pracht und Zier
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Darob der Mensch erstaunt, am vollenkomsten für
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Und wenn wir es nur recht, mit unsern Sin bemerken
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Wird die Empfindung selbst, uns diesen Satz bestärken.
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Man seh nur durch ein Glas, das kleines grösser
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macht,
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Die schlechte Mücke an. Mein
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und Pracht
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Sieht das gerührte Aug, aus deren Kopfe blitzen,
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Als wenn daran Rubin und Diamanten sitzen.
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Die Flügel die man sonst, vor schlecht Gewebe hält
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Entdekken unsern Aug, ein grosses Wunderfeld
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Darob der Sinn erstarrt, und das Gemüth entzükket,
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Wenn man die Schönheit sieht, die
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gestikket.
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Man nehme abermahl, das kleinste Würmelein,
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Und leg es in ein Glas, das es vergrössert ein;
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Was unser Auge kaum, als wie ein Stäubgen spüret,
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Das ist mit Kopf und Bein und Gliedern ausgezieret
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Es lebt in seinen Blut, wer hätte das gedacht?
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Wie! zeugt das kleinste Thier, nicht von der grösten
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Macht?
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Die Muskeln, Fleisch und Haut, so künstlich kan
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verbinden
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Mit tausend Theilen mehr, wo wir nur Stäubgen
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finden
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O! unbegreiflicher, erhabner Zebaoth
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Wir sehen überall, daß du ein grosser GOtt
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Drum öfne unser Aug und laß uns sters er-
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scheinen
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Die Grösse deiner Macht, im Grossen und im Kleinen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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