1
Ich sah im vorgen Jahr, als uns die
3
Mit ihrer schwülen Hitz, die
5
Wie schon ein grosses Theil der
7
Jm Reiche der Natur, die Farben
9
Die zarten Kinderchen, die man im Gärten sicht,
10
Die Blumen Lillien, die Tulpen, Rosen, Nelken
11
Die hatten kurtze Zeit, in ihrer Pracht geblüht,
12
Und schienen falb und blas, mit ihren Schmuk zu welken.
13
Ich sah ihr Sterben an, das sich dem Augen wies
14
Und dachte, wie kan das zu einem Lehrbild dienen?
15
Der Garten führte mich aufs Ehe Paradies,
16
Worin die Kinder auch, zur Eltern Freude grünen.
17
So wie die Blümelein, offt eh mans meint vergehn,
18
Durch einen Sonnen Stich, in ihrer Blüt verderben;
19
So kan man täglich auch, im Ehestande sehn;
20
Die Eitelkeit der Lust, an vieler Kinder Sterben.
21
Dies lehrte mich hernach, ein gantz besamtes Feld,
22
Das ich vor kurtzen noch im grünen Wuchs erblikket,
23
Es war die grüne Tracht der Halmen schon verstellt,
24
Die bleiche Todtenfarb daran schon abgedrücket.
25
Ich ging einst wieder hin, da lies ein Schnitter Heer,
26
In der bewegten Faust, schon ihre Sensen blinken;
27
Ich sah die schlanke Meug der Halmen mehr und mehr
28
Bey wiederhohlten Schlag gestürtzt zu Boden sinken.
29
Hier dacht ich bey mir selbst: da fällt die schlanke
31
Der fetten Akker Frucht mit ihren güldnen Aehren;
32
Ein Schlag, ein Schnitt, ein Zug, hats hier schon kahl
34
Dies Sinnbild kan mir auch, der Menschen Zustand
36
Wie viele liefert nicht, des Todes Sensenschlag,
37
Ehs Jahr den Kreis umläuft, im Sommer ihrer Jahre
38
Ja! wen der Mars regiert, woll gar auf einem Tag,
39
Als unverhofft entseelt, auf ihre Leichenbahre?
40
Der Herbst kam endlich an, mit seinem rauhen Nord,
41
Und lies den kalten Hauch auch auf die Bäume rasen,
42
Die Früchte fielen hin, die Blätter musten fort,
43
Und wurden von dem Wind, verwelket weggeblasen.
44
Ach! fiel mir dabey ein: das ist ein Sinnenspiel
45
Von denen, welche GOTT zum Alter hat erhalten;
46
Der Stärkste muß davon, es kommt sein Lebens Ziel
47
Wen Blut und Lebensgeist, in ihm zuletzt erkalten.
48
Gleicht er schon einen Baum, den Wind und Frost
50
Und dessen Gipfel kahl; entblößt vom Schmuck und
52
So ist das Zeichen da; es soll sein glattes Haupt,
53
Das sich zur Erde neigt, bald in die Grube fahren.
54
Der Winter folgte nach, im Lauf der Jahres Zeit
55
Der Garten, Feld und Wald, mit Reif und Schnee
57
Und gleichsam die Natur, ins weisse Todten Kleid,
58
Da sie erstorben war, zu guter letzt, versteckte.
59
Die Welt sah traurig aus; die trüb und dikke Lufft,
60
Lies, da die Sonn entfernt, bey schwartzen Finsternissen
61
Nachhero auf die Erd, als der Gewächse Grufft
62
Ein häuffig tröpfelnd Naß, als ihre Thränen fliessen.
63
Da seh ich, sprach mein Hertz, des Todes Liberey
64
Ein weißes Schlafgewand, darin wird man verhüllet,
65
In engen Sarg gelegt, den man mit weichen Heu,
66
Als der Verwesung Bett, bestreut und angefüllet.
67
Das ist der Sterblichen betrübter Lebens Schluß,
68
Wir werden wiederum, dahin wo wir entsprossen,
69
In unsrer Mutterschoos, bey Klag und Zähren Guß,
70
Wen unser Leib entseelt, zu guter letzt, verschlossen.
71
Dies schröklich Jammerbild, das beugte meinen Sinn,
72
Ich sah mich selbst daran in die Verwesung senken,
73
Was mich vorher ergötzt, das war auf einmahl hin,
74
So lies der Winter mir mein Sterblichseyn, bedenken.
75
Doch diese Trauerzeit, lief entlich auch vorbey,
76
Der Sonnen warmer Strahl vertrieb den Frost der
78
Der Schnee schmoltz wieder weg, da sah man alles neu,
79
Und Bäume, Gras und Kraut verneut, lebendig wer-
81
Der Frühling stellte uns, das was erstorben war,
82
Und deren Saamenkorn, sich hie und da verstäubet,
83
Aus seiner Todtengrufft verjüngt und schöner dar.
85
Hier sieht man GOttes Macht, der Blumen Gras
87
Jm Reiche der Natur läst wiederum aufgehen,
88
Mein Aug das dies gerührt verwundernsvoll beschaut,
89
Das sieht daran ein Bild vom künfftgen Auferstehen.
91
Wen unsre Lebens Sonn, der Heiland ist erschienen,
92
So wird mein todter Leib, lebendig dargestellt,
93
Und in verneuter Krafft als unverweslich grünen.