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Fürwahr ein artig Bild!V. 1. Fürwahr ein artig Bild)
Laß mir das eine treffliche Uebersetzung seyn, wenn die
erste Zeile schon einer Entschuldigung bedarff! Hr. Gott-
sched hat selbst vor nöthig erachtet, diesen Zusatz von sei-
ner Erfindung in folgender Anmerckung zu entschuldigen:
”Diese Worte hat der Grundtext nicht. Horaz fängt
”gleich an, sein Gleichniß von einem seltsamen Gemähl-
”de vorzutragen. Allein da sichs im Deutschen nicht in
”einen eintzigen Satz bringen ließ, und also zertrennet
”werden mußte; so macht dieser Anfang den Leser auf-
”mercksam, und sagt ihm kurtz, was er zu gewarten habe.”
Er hält dieses eingeflickte Hemistichium um so viel unsträfli-
cher, weil sich das Horazische Gemählde doch in der Ue-
bersetzung nicht wohl in einen eintzigen Satz hätte zwin-
gen lassen, und also zertrennt werden müssen. Das ist,
er möchte gerne die Freyheit seiner Ausschweiffungen mit
dem ungezwungenen Wesen der deutschen Sprache bemän-
teln. Gesetzt aber, es wäre mehr der Natur der deutschen
Sprache, als dem Unvermögen des Uebersetzers zuzu-
schreiben, daß das Horatzianische Gleichniß-Bild in dem
Verfolge in verschiedene Absätze zertrennt worden; was
giebt ihm dieses für Freyheit ohne Noth noch weiter aus-
zuschweifen, und dem Gemählde neue Lappen anzuflicken?
Hätte ihn diese nothwendige Abweichung von der Grund-
schrift, die in der verschiedenen Art beyder Sprachen ge-
gründet war, nicht desto behutsamer machen sollen? Al-
lein Hr. Gottsched begnüget sich mit dieser kahlen Ent-
schuldigung nicht, sondern behauptet, daß dieser Zusatz,
den er der Horatzischen Vorstellung geliehen, die verbor-
gene Kraft habe, die Leser recht aufmercksam zu machen, Es steht ein Menschenkopf
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Auf eines Pferdes Hals. Den dicken Vogelkropf
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Bedeckt ein bunter Schmuck von farbigtem Gefieder:
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Hernach erblicket man verschiedner Thiere Glieder.
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Von oben zeigt ein Weib ihr schönes Angesicht.
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Von unten wirds ein Fisch.
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Wir wollen mit Geduld des Malers Thorheit schonen.
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Dafern mein Wort was gilt, daß eine tolle Schrift,
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Wo weder Haupt noch Schwanz geschickt zusam̃en trifft,
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Und nicht mehr Ordnung herrscht
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Sich unvergleichlich wohl zu solchem Bilde reimet.
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Ich weiß wol was man glaubt. Man spricht und bleibt dabey:
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Ein Maler und Poet folgt seiner Phantasey:
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Er kan sich seiner Kunst nach eigner Lust bedienen,
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Und sich durch Geist und Witz, was ihm beliebt, erkühnen.
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Ganz recht, ich geb es zu, und mach es selber so.
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Allein man mische nie das Feuer in das Stroh.
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Kein Tiger zeug ein Lamm, kein Adler hecke Schlangen.
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Man schmückt sie hin und her mit Edelsteinen aus,
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Beschreibt Dianens Häyn, Altar und Götterhaus,
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Entwirft mit grosser Kunst des Rheinstroms Wasserwogen,
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Und malt der Farben Glanz im bunten Regenbogen.
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Das alles ist schon gut; nur hier gehörts nicht her.
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Dort stürzt ein wilder Sturm den Schiffer in das Meer:
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Gesetzt, du könntest nun Cypressenwälder schildern,
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Was hilft dir diese Kunst? da sich in deinen Bildern
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Der Schiffbruch zeigen soll
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Nach überstandner Noth, mit Fleiß bey dir bestellt.
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Dein stolzer Anfang pralt von seltnen Wundersachen,
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Wie reizt uns denn hernach der magre Schluß zum Lachen?
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Kurz, alles was du schreibst muß schlecht und einsach seyn.
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Doch, Piso, trügt uns oft des Guten falscher Schein.
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Die Kürze macht mich schwer
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Und leyret lahm und matt. Der strebt nach grossen Dingen,
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Und bläht sich schwülstig auf. Wenn jener furchtsam schreibt
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Geschieht es, daß er gar am Staube kleben bleibt.
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Wer sich bemüht, ein Ding sehr vielfach
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Malt leicht den Stöhr ins Holz, den Eber in die Wellen.
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So leicht ist es geschehn, auch wenn man sich bemüht
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Von Fehlern frey zu seyn, daß sich der Kiel versieht.
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Man läßt ein Fechterspiel aus dichtem Erzte giessen;
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Da hat der Stümper nun die Nägel an den Füssen
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Und jedes Haar des Haupts sehr künstlich ausgedrückt;
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Die Bildung überhaupt ist plump und ungeschickt,
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Weil Ordnung und Gestalt und Stellung gar nichts taugen.
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Viel lieber wünsch ich mir, bey schwarzem Haar und Augen,
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Ein scheußlich Angesicht und krummes Nasenbein,
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Als daß ein Vers von mir, wie dieses Bild soll seyn.
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Jhr Dichter, wagt doch nichts, als was ihr wohl versteht,
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Versuchts, wie weit die Kraft von euren Schultern geht,
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Und überlegt es wohl: So wird nach klugem Wählen,
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Den Schriften weder Kunst, noch Licht, noch Ordnung fehlen.
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Mich dünkt, daß sich allda der Ordnung Schönheit zeigt,
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Wenn man das Wichtigste von vorne zwar verschweigt,
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Doch räthselhaft entdeckt
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Die schönsten Sachen wehlt, die schlechten weis zu meiden.
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Das ältste läßt sich oft auf neue Sachen ziehn,
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Nur muß die Redensart des Schreibers Sinn erklären.
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Doch sollten Kunst und Fleiß ein neues Ding gewähren,
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So stellt mans ungescheut durch einen Ausdruck dar,
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Der unsern Vätern noch was unerhörtes war.
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Wer dieß bescheiden thut, dem kan mans nicht verwehren.
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Zuweilen kan man auch der Wörter nicht entbehren,
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Die Griechenland uns leiht.
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Vorzeiten Macht gehabt, das kan ja auch Virgil.
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Hat Ennius uns nicht manch neues Wort gelehret?
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Hat Cato das Latein nicht ebenfalls vermehret,
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Und manche Redensart zu Rom in Schwang gebracht?
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Wie kömmts denn, daß man itzt ein solches Wesen macht,
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Wenn ichs zuweilen thu? Wer hat mich hier zu schelten?
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Ein neuer Ausdruck muß gleich neuen Thalern gelten.
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So wie es alle Jahr belaubten Wäldern geht;
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Das welcke Laub fällt ab, das neue Blatt entsteht:
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So gehts den Sprachen auch. Ein altes Wort verschwindet,
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Indem sich unvermerckt ein neuer Ausdruck findet.
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Dem Tode sind nicht nur wir Menschen unterthan,
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Sein Arm greift alles das, was menschlich heisset, an.
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Hier läßt ein Julius den neuen Hafen bauen,
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Dem sich bey Sturm und Fluth die Flotten anvertrauen,
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Ein königliches Werck! Was kan Augustus thun?
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Er trocknet Seen aus, und kann nicht eher ruhn,
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Als bis wir, wo der Wind die Flaggen pflegt zu wehen,
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Ein fruchtbar Ackerland und fette Wiesen sehen.
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Noch mehr, er ändert gar der Tyber alten Lauf,
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Und schränckt die Fluthen ein.
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Der größten Wercke Pracht muß endlich untergehen:
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Wie könnten denn der Zeit die Sprachen widerstehen?
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So manch verlegnes Wort, das längst vergessen war,
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Kömmt wieder an das Licht, und stellt sich schöner dar,
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Und was man itzo braucht, das wird man einst vergessen;
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Kurz, Sprachen müssen sich nach der Gewohnheit messen.