Die Jagd des Cupido

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Johann Jacob Bodmer: Die Jagd des Cupido (1743)

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In der schönesten der Zeiten,
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Wann verjüngt wird alle Welt,
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Wann die Flora Blumen spreiten
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Thut, durch Wiesen, Wald und Feld,
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Kam der Venus Sohn gegangen,
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Eh sich Lucifer eräugt,
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Eh Aurora ihre Wangen
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Und goldgelbes Haare zeigt.
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Venus lag ohn Sorg und Zagen
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Gantz des sanften Schlafes voll,
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Mutter, sagt er, ich geh jagen,
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Unterdeß gehabt euch wohl.
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Da erwachte die Göttinne,
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Sprach: Cupido liebes Kind,
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Weil du dieses hast im Sinne,
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Sey es gerne dir vergünt,
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Und ich wünsche daß dein Bogen
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Richtig schiesse für und für.
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Wann du dann diß Werck vollzogen,
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Komm auch wieder her zu mir.
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Diß derhalben zu vollführen,
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War er bald zur Jagd bereit,
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Nicht zur Jagd nach wilden Thieren,
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Wie Adonis vor der Zeit,
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Sondern daß er möchte zwingen,
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Diese grosse weite Welt,
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Und in seine Netze bringen,
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Was der Himmel in sich hält.
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Als der Zephyrus vernommen,
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Was das Kind gesonnen wär,
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Ist er mit der Aura kommen,
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Zu verkünden diese Mähr.
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Doch thät er sich plötzlich nähen,
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Eh man für ihm fliehen kunnt:
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Eh man seiner sich versehen,
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Hatt er schon sehr viel verwundt.
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Also wird sehr offt betrogen
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Die gelehrte Nachtigall,
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Eh sie kaum hinzu geflogen,
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Ist sie kommen schon zu Fall,
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Jupiter, der Donnerkeile
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Nur für Spiel und Schertze hält,
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Ward durch dieses Kindes Pfeile
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In der Buhler Zahl gestellt.
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Phöbus hatte Kunst und Witzen,
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Plutus war an Golde reich,
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Es konnt ihnen doch nicht nützen,
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Es war Amor alles gleich.
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Mars der sonst sich auszurüsten
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Und zu streiten war bedacht,
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Sauget an der Venus Brüsten,
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Und vergaß der Krieges-Macht.
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Bacchus wußte nichts von Trauben,
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Gantz entzündt in süsser Pein,
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Mußte Liebes-Speise klauben,
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Thränen giessen vor den Wein.
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Eolus ließ Nord und Osten,
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Pan ließ Schaf und Hirten stehn.
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Götter und Göttinnen mußten
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Nach des Kindes Willen gehn.
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Alle Menschen wurden innen,
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Wie Cupido sehr geschwind,
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Wie er ihren Muth und Sinnen
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Mit dem Pfeil regieren künt.
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Alles wurde gantz verheeret,
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Alles war mit Leyd erfüllt,
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Biß sich hat der Tag gekehret,
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Und die Sonn ihr Haupt verhüllt,
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Da flog Amor heim zur Stunden,
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Zeigte seiner Mutter an,
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Wie er alles überwunden,
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Wie ihm alles unterthan.
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Bald hat sie ihn angenommen,
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Und am Nectar voll gemacht,
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Biß der süsse Schlaff ist kommen,
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Und ihn hat zu Ruh gebracht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Jakob Bodmer
(16981783)

* 19.07.1698 in Greifensee, † 01.01.1783 in Schönenberg

männlich, geb. Bodmer

Schweizer Autor

(Aus: Wikidata.org)

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