Von dem Zustande der deutschen Poesie bey Ankunft Martin Opitzens

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Johann Jacob Bodmer: Von dem Zustande der deutschen Poesie bey Ankunft Martin Opitzens (1743)

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Kein Tod ist löblicher, kein Tod wird mehr geehret,
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Als der, durch den das Heil des Vaterlands sich nehret,
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Den einer willkomm heißt, dem er entgegen lacht,
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Jhn in die Arme nimmt, und doch zugleich veracht.
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Ein solcher stehet steiff mit unverwendten Füssen,
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Er weichet niemand nicht, sein Feinde weichen müssen,
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Ein solcher Mann der ist der Stadt gemeines Gut,
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Der Widersächer Grauß, des Lands wehrhaffte Hut:
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Er kan der Schlachten Fluth bezwingen nach seim Willen,
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Mit seiner Gegenwart des Feindes Trotzen stillen,
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Sein unverzagtes Hertz ist seinem Vaterland
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Ein unerstiegne Burg, des Volckes rechte Hand.
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Mit seines Leibes Maur sperrt er den wilden Feinden
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Gleich vornen an der Spitz den Zugang zu den Freunden;
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Verschertzt die Freyheit nicht um einen Hut voll Fleisch,
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Um eine Hand voll Blut, um einen Mund voll Geist;
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Begehrt des Lebens nicht auf niedrige Gedinge,
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Hält unbarmhertziger Leut Gnade für geringe,
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Sucht seiner Feind Freundschafft mit seinem Schaden nicht,
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Sein hohe Seel steht nur auf Gottes Gnad gericht.
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Es geh ihm, wie es woll, er ist gerüst zu leiden
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Das gut und böse Glück; und weil er nicht kan meiden,
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Das er doch endlich muß, das er nur einmahl kan,
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Sucht er recht würdiglich sein Tod zu legen an;
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Frischt an die Seinigen mit Worten und mit Wercken,
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Thut ihrer Tugend Schärff mit Feuerblicken stärcken,
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Und lehret sie, es sey viel besser einer sterb,
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Als daß das gantze Volck und Vaterland verderb;
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St
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Tod auf seim todten Feind ligend gefunden werden:
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Besorgt nicht daß der Feind starck, er hingegen schwach,
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Verläßt sich auf die Stärck seiner gerechten Sach.
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Die gute Sach ihn tröst, solt auch der Feind obsiegen,
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So werd die Wahrheit doch mit nichten unten liegen,
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Sein Unschuld selber sich zu einem Bürgen stellt,
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Daß sie doch endlich noch behalten werd das Feld.
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Wann er die Winde nun siht mit den Fähnlein spielen,
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Da thun erst Zorn und Lust all Adern in ihm fühlen,
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Indem er sicher ist, daß der in seiner Macht
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Des Feindes Leben hat, der seines selbst nicht acht.
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Acht für die beste Kunst, wann er nicht frey kan leben,
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Daß er doch sterbe frey: thut immer vorwarts streben,
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Sein ungesäumte Faust macht beyder Seiten Platz,
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Biß sie errungen hab den vorgesetzten Schatz,
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Gestraffet den Unbill durch zugelaßne Rache,
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Dringt durch, auf daß sie sich unüberwindlich mache,
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Und durch ein schönen Sieg, oder ein schönen Tod,
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Sich hab versicheret vor allem Feindes Spott.
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Wie ihr die Sonn, wann sie am allertieffsten stehet
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Zum Untergang geneigt, am allergrösten sehet:
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So auch erzeiget sich in seinem letzten Streit
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Sein unerschrocken Hertz mit doppler Herrlichkeit:
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Vergisset seiner selbst in seinem Geist entzücket,
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Des Himmels Vorgeschmack des Lebens Lust verdrücket,
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Erfüllt mit Ewigkeit, mit lauter Freud entzündt,
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Durch seinen Tod die Furth zum rechten Leben findt.
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Es folgt das gantze Volck, das auf ihn thäte bauen,
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Der Leichen traurig nach, der Leichen von Jungfrauen
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(den er ihr Ehr bewahrt, die er vor Schand behüt)
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Mit Kronen aufgeziert, mit Blumen überschütt.
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Jhn klaget Jung und Alt, das Lande thut beweinen
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Zwar ihne nicht so sehr, als selbst sich und die Seinen,
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Die dieser Säul entsetzt, die diesen Arm verlohrn,
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So ihn’n zur Aufenthalt und Rettung war geborn.
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Sein Kinder und Geschlecht seintwegen hochgepriesen
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Geliebt von jedermann, und jedermann gewiesen
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Sein Grab, das Dapferkeit fürtrefflich zugericht,
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Erleuchtet durch der Ehr unauslöschliches Liecht.
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Sein Ruhm füllt alle Land: liegt schon sein Leib vergraben
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Bleibt doch sein edler Nam an Himmel hoch erhaben,
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Erhaben an den Thron der wahren Herrlichkeit,
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Umgeben mit dem Glantz unsterblicher Klarheit.
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Ein solchen hübschen Tod beschert Gott nur den Frommen:
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Wer knechtisch ist gesinnt, muß unter Herren kommen,
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Die ihn mit einem Zaum nach ihrem Willen führn,
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Weil er der Freyheit müd sich selbst nicht mag regiern.
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Seht den verdienten Lohn der Weichling und Verräther,
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Die setzen aus dem Gleiß der Redlichkeit der Väter,
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Die das unschuldige Blut der Nachkommenheit
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Versclaven in das Joch der fremden Dienstbarkeit.
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Es ist zulang gewart, sie werdens nicht entkommen,
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Es ist zu spath gewehrt, wanns Hertz schon ist genommen;
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Wann Wollust, Geitz, Haß, Forcht hat diese Vestung ein,
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All andre Vestungen gewiß vergeblich seyn.
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O weh des Hertzenleids! o weh des schweren Leiden!
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Wo von dem Weib der Mann, vom Mann das Weib gescheiden,
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Wo von den Elteren die zarte Kinderlein,
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Ein Freund vom anderen verjagt, getrennt muß seyn:
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Wo fremd Unkeuschheit man muß ihren wüsten Willen
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An seinen Töchteren und Weibern sehn erfüllen,
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Darff drüber seufftzen nicht, darff weder sehn noch hörn,
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Muß vor Trostlosigkeit sich in sich selbst verzehrn;
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Darff sich in seinem Creutz mit weinen nicht ergetzen,
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Darff mit der Freyheit sich mit keinem Thränen letzen,
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Wann von ihm weichen will der ungeschätzte Schatz:
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Muß leiden, daß ihn reit auch der geringste Fratz;
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Und mit dem Rucken dann das seinig noch ansehen,
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Und also leer und bloß an Bettelstabe gehen,
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Verlassen Haus und Hof zusamt dem Vaterland,
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Ziehen, da niemand ihm, er niemand ist bekannt:
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Mit seinen Eltern grau, mit seiner lieben Frauen,
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Und unerzogner Zucht das bitter Elend bauen,
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Bey jedermänniglich verschmähet und verhaßt,
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Und, wo er kommet hin, ein unwillkommer Gast.
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Seins Stammens Achtbarkeit man draussen wenig achtet,
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Vor Unmuth all Anmuth der Schönheit ihm verschmachtet,
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Niemand sich sein annimmt, und meynet jedermann,
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Gott nehme sich auch selbst keines vertriebnen an.
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Mit einem Wort, das recht Feg-Opfer dieser Erden,
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Der Auswürffling der Welt er mag genennet werden,
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Ein Stiefkind aller Freud, sein Leben voller Hohn;
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Ein recht Tragödia gespielt durch ein Person.
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Es scheuet keiner sich ihm Leide zuzufügen,
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Jhm zu verweisen sein Unfall, ihn zu betriegen,
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Wer ligt der ligt, vor ihm laufft männiglich vorbey,
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Denckt nicht, wie nah viell icht sein eigen Unglück sey.
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O w
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Den harten Stand beschleußt, der Hunger alles Hungers,
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Wo man des Trosts beraubt, des wahren Seelen-Brot;
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Ein solches Volck das ist gleich als lebendig tod.
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Drum gehet dapfer an, ihr meine Kriegsgenossen,
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Schlagt ritterlich darein; eur Leben unverdrossen
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Vors Vaterland aufsetzt, von dem ihr solches auch
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Zuvor empfangen habt, das ist der Tugend Brauch.
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Eur Hertz und Augen last mit Eiferflammen brennen,
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Keiner vom andern sich menschlich Gewalt laß trennen,
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Keiner den anderen durch Kleinmuth ja erschreck,
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Noch durch sein Flucht im Heer ein Unordnung erweck.
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Kan er nicht fechten mehr, er doch mit seiner Stimme,
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Kan er nicht ruffen mehr, mit seiner Augen Grimme
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Den Feinden Abbruch thu, in seinem Heldenmuth
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Nur wünschend, daß er theur verkauffen mög sein Blut.
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Ein jeder sey bedacht, wie er das Lob erwerbe,
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Daß er in männlicher Postur und Stellung sterbe,
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An seinem Ort besteh fest mit den Füssen sein,
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Und beiß die Zähn zusamm und beyde Lefftzen ein:
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Daß seine Wunden sich lobwirdig all befinden
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Davornen auf der Brust, und keine nicht dahinden,
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Daß ihn der Tode selbst auch in dem Tode zier,
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Und man in seim Gesicht sein Ernst noch lebend spür.
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So muß wer Tyranney geübriget will leben,
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Er seines Lebens sich freywillig vor begeben,
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Wer nur des Tods begehrt, wer nur frisch geht anhin,
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Der hat den Sieg, und dann das Leben zu Gewinn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Jakob Bodmer
(16981783)

* 19.07.1698 in Greifensee, † 01.01.1783 in Schönenberg

männlich, geb. Bodmer

Schweizer Autor

(Aus: Wikidata.org)

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