Von des Todes Gewißheit, und der Tugend Unsterblichkeit

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Johann Jacob Bodmer: Von des Todes Gewißheit, und der Tugend Unsterblichkeit (1743)

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Man findet nichts vollkommen in der Welt,
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Wir Menschen sind mit Sorgen, Pein und Plagen
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All Ort und Zeit, in Städten, auf dem Feld,
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Vom Himmel, Lufft, Meer, und uns selbst geschlagen:

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Ja auch der Götter Macht
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Hat ihr Wohnung vollkommen
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Und selig nicht gemacht.
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Wer hat nicht wahrgenommen,
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Wie Sonn und Mond gemein
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Verfinstern ihren Schein?
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Und wie des Himmels Zeichen
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Offt mangelhafft verbleichen?

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Mit wie viel Angst, Gefahren, Müh und Noth
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Sind ohn Ablaß wir Menschen umgegeben?
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Diese mit List man übergibt dem Tod,
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Jener hertzhafft verkrieget selbst sein Leben.

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Dieser aus viel Verdruß
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Und Trauren will verderben,
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Jener erbärmlich muß
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In der Gefängniß sterben.
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Etlich dürstig nach Gut
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Fliehen vor der Armuth,
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Und ihren Geitz versincken,
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Wann sie im Meer ertrincken.

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Diese mit Wasser, Gifft, Schwerdt oder Strick
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Selbst über sich ein schrecklich Urtheil sprechen,
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Und rettend sich von zu schwerem Unglück
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Zweiffeln sie nicht sich wider sich zu rächen.

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Jene kommen mit Zwang
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In dieses Lebens Leiden,
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Finden gleich den Ausgang,
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Und andre Müh vermeiden,
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Oder sich in ihr Grab,
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Eh sie einige Gab
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Des Tags selig geniessen,
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In Mutter-Leib beschliessen.

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Der Tod gewiß klopffet mit einem Bein
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An grosser Herrn Wolcken-tragende Schlösser,
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Und armer Leut liegende Hüttelein,
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Und ist für beyd weder böser noch besser.

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Den Leib ein Tod allein
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Mit unheilbaren Plagen,
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Unentfliehlicher Pein,
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Und undienstlichen Klagen,
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Aengstiget Tag und Nacht,
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Und die Seel wird gebracht
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Vor Minos, der kein Flehen
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Mehr pfleget anzusehen.

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Der Weg ist breit in das finstere Hauß,
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Offen die Thür, daß man hinein stets gehet,
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Aber wiedrum zu entrinnen daraus,
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Hierauf das Werck, hierauf die Müh bestehet.

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Der Tugend Weg ist schmahl,
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Mit Dornen wohl verschlossen,
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Gering ist die Anzahl,
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Deren die unverdrossen
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Und durch der Götter Gunst,
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Und der Tugend Einbrunst,
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Von dem Pöffel entzogen
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Zu dem Gestirn geflogen.

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Der, deß Hertz mit Tugend gewaffnet ist,
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Gleich wie, Potzheim, dein edles Hertz zu sehen,
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Der kan des Glücks Zorn, Wanckelmuth, und List
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Vest, wie ein Fels, unzaghafft widerstehen:

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Er ist allzeit forchtloß,
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Vor dem Strahl unverblichen,
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Weißheit macht sein Hertz groß,
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Stets siegreich, unvergliechen,
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Er, der für seinen Lohn
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Sucht der Seligkeit Cron,
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Und sich selbst überlebet.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Jakob Bodmer
(16981783)

* 19.07.1698 in Greifensee, † 01.01.1783 in Schönenberg

männlich, geb. Bodmer

Schweizer Autor

(Aus: Wikidata.org)

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