Von dem Zustande der deutschen Poesie bey Ankunft Martin Opitzens

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Johann Jacob Bodmer: Von dem Zustande der deutschen Poesie bey Ankunft Martin Opitzens (1743)

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Glückselig muß man preisen,
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Die gleiche Lieb und Treu
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Einander thun erweisen,
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Stetigs und ohne Reu.
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In Noth und schweren Zeiten
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Tröst eins des andern Leid,
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In Lieb und Frölichkeiten
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Mehrt eins des andern Freud.

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Ist keinem angelegen
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Was wohl und weh ihm thut,
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Des andern Glück dargegen
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Nimmt und gibt ihm den Muth.
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Das süß ihn ist gemeine,
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Das bitter jedes wolt
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Haben für sich alleine,
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Wanns drüber sterben solt.

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Alcestis uns kan geben
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Dessen ein Richtigkeit,
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Die fürs Admeti Leben
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Ward in den Tod bereit,
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Die tödlich Wund ihrs Hertzen
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Arria gar nicht acht,
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Des Stichs sie fühlt den Schmertzen,
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Der Pätum um hat bracht.

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Wie sich zusammen reimen,
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Neglein und Roßmarein,
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Weinreben zu Rüstbäumen,
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Köstliche Würtz in Wein,
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So schicken sich zusammen
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Ein Mann und ehlich Weib,
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Die werden in Gotts Nahmen
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Ein Sinn, ein Seel, ein Leib.

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Wie Rosen an den Hecken,
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Frisch Weiden am Gestad,
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Wie Trauben an den Stöcken,
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Wie Zimmet und Muscat,
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Also thut sich vergleichen
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Der werthe Lingelsheim,
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Und die nit hat ihrs gleichen
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Agnes die Jungfrau rein.

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Agnes die schön und zarte
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Aus löblichem Geschlecht
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Erbohren, und von Arte
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Zun Tugenden gerecht.
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Fromm, züchtig, keusch und gütig,
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Verständig, klug, bedacht,
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Still, freundlich und anmüthig,
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Ohn allen Stoltz und Pracht.

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Unnoth hie viel zu loben
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Diß auserlesen Paar,
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Jhr Ruhm und Preiß erhoben
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Bleibt ohn das immerdar.
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Hochzeiter und Vertraute
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Ist keins am andern gfährt,
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Der Bräutgam ist der Braute,
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Die Braut des Bräutgams werth.

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Gott woll ihn beyden geben
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In Fried und Einigkeit
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Mit Gsundheit langes Leben,
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Daß künfftig auch zur Zeit,
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Wann sie werden veralten,
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Jhr Lieb verjünge doch,
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Wann sie werden verkalten,
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Jhr Lieb, als vor, brenn noch.

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Doch laßt euch nicht gefehren,
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Ob wohl biß in das Grab
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Die Lieb sich kan vermehren,
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So nimmt doch s’übrig ab,
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Das übrig, das ihr beyde
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Schätzt für das Principal,
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Für Wasser, und für Weide,
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Für Lufft, für alls zumahl.

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Die Röslein muß man brechen
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Dieweil der Frühling währt,
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Wer rennen will und stechen,
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Muß noch wohl seyn zu Pferdt.
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Thut euch der Zeit gebrauchen,
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Eh s’Alter kommt herbey,
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Eh dann ihr dörfft der Lauchen,
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Der Raut, und Saturey.

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Secht an, und mercket eben
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Die Vöglein ohne Ruh,
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Wie sie ihr kurtzes Leben
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Mit Lieben bringen zu,
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Die holdselige Dauben
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Mit ihren Schnebelein
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Stets an einander klauben,
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Streichlend die Flügelein.

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Thut Mund mit Mund beschliessen
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Wie Muscheln an der Bach,
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Mit Armen und mit Füssen
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Thuts grünem Ebheu nach,
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Laßt Bettstatt wacker krachen,
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Kein Music besser laut,
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Und wers wolt anders machen,
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Der bleib nur ohne Braut.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Jakob Bodmer
(16981783)

* 19.07.1698 in Greifensee, † 01.01.1783 in Schönenberg

männlich, geb. Bodmer

Schweizer Autor

(Aus: Wikidata.org)

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