Die betrachtenswürdige Korn-Aehre ein Zeuge göttlicher Weisheit

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Johann Justus Ebeling: Die betrachtenswürdige Korn-Aehre ein Zeuge göttlicher Weisheit (1747)

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Wenn ich der Aehren lieblich Wallen,
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Auf den gereiften Feldern seh,
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Wie sie hier wanken, da sanft fallen
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Wie sie sich lenken in die Höh;
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So sehe ich auf den Gefilden,
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Ein ausgebreitet Seegens-Meer,
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Und solche trokne Wellen bilden,
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Darin sich spiegelt
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Woraus die Wundergüte quillet,
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Die unser Herz mit Lust erfüllet:

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Wenn auf den schlanken, regen Röhren,
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Die Häupter die von Korn gedrükt,
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Von Wind bewegt, zu Boden kehren;
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So scheints als wenn sich jede bükt;
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Als wenn sie bei dem Niedersinken,
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Die Menschen, die vorüber gehn,
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Mit ihren Zeigefinger winken,
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Die Erden-Mutter anzusehn,
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Woraus sie mit dem Korn entspriessen,
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Das Menschen theils und Vieh geniessen.

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Sie zeigen uns den Schoos der Erden,
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Daraus ihr Halm, das Fülle-Horn,
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Und sie zugleich gebohren werden,
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Mit ihren nährnden Wunderkorn:
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Damit wir aber nicht gedächten,
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Als wenn sie aus der Erd allein,
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Die Seegensreiche Nahrung brächten;
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So richten sie sich insgemein,
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Mit ihren wallenden Gewimmel,
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Auch wiederum gesteift zum Himmel.

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Sie lehren mit gestrekten Spizzen,
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Vom Himmel stamme ihr Gedein;
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Der Höchsten Obhut ihr Beschüzzen,
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Muß ihnen stat des Schirmdachs seyn.
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Der Einflus von des Himmels Milde,
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Der Wolken Thau und Regen-Guß,
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Bekröne sie auf dem Gefilde
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Mit Seegensreichen Ueberflus;
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Und aus der Sonn, des Lichtes Bronnen,
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Sey ihre Treibekraft geronnen.

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Sie zeugen von dem höchsten Wesen,
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Der sie und alle Ding gemacht,
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Und geben uns auch klar zu lesen,
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Daß der sie nur herfürgebracht,
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Der weise sey in seinem Walten,
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Der alles künstlich auferbaut,
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Der klüglich sey in den Anstalten,
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Die seine Vorsicht überschaut:
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Und aus dem ersten zubereiten,
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Gewust den Entzwek herzuleiten.

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Wie herrlich ist der Bau der Aehren,
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Wie weislich ihre Einrichtung!
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Ein Blik, der kan uns dieses lehren,
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Zur heiligen Verwunderung.
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Wie schön ist dieses Kunstgehäuse,
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Aus zarten Hülsen-Stof formirt,
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Und nach der Baukunst weiser Weise,
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In netter Ordnung aufgeführt,
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Da sich die Körner in den Ekken,
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Als wie in ein Futtral verstekken.

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Es passet alles Schicht auf Schichte,
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Wo ein Korn übern andern stekt,
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Daß uns das süsse Meel-Gerichte
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In seinen Hülsen Schlauch verdekt
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Sie sind nach unserm Maas der Augen,
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In gleicher Lage eingesenkt,
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Wie weislich? das muß dazu taugen
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Daß wenn der Halm die Aehre tränkt,
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So faßt das Korn zu gleicher Grösse,
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In jeder Reihe seine Nässe.

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Wie wunderbarlich sind die Schachte,
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Darin das Korn verwahret liegt;
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Wenn ich durchs Fernglas dies betrachte;
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So wird darob mein Geist vergnügt.
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Es lieget gleichsam eingewunden,
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Mit weichen Dekken überspannt,
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Wie weise ist das ausgefunden,
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So bleibt es frei vor Sonn und Brand,
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Vor starker Luft, und Feuchtigkeiten,
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Die wieder seinen Wachsthum streiten.

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Und könnten die gestrahlten Blizze
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Der Sonn, ein Korn zu stark berührn;
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So würd es bei der dürren Hizze,
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Gar allen frischen Saft verliern,
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So würd es ganz und gar versengen,
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In dieser innerlichen Glut.
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Und könnte in die Hölen drengen,
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Der Regentropfen feuchte Flut,
89
So würd es nicht die Näß ertragen,
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Vielmehr verfaulen, und ausschlagen.

91
Die schön gebauten Aehren Cellen,
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Die Vorrathskammern ewger Güt,
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Die sind gleichsam verschanzt mit Wällen,
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Davor der Räuber Heer entflieht.
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Es sind theils lang, theils kurze Spizzen,
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Die vor der Raupen giergen Wuth,
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Die Körner in den Aehren schüzzen,
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Und will der Würmer rege Brut,
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Den Kopf nach einem Korn ausstrekken,
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So muß sie gegen Stachel lekken.

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Dies zeigt des Schöpfers weises Fügen,
102
Der so viel Wunder aufgestellt,
103
Die uns theils nüzzen, theils vergnügen,
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Die er recht wunderbar erhält.
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Ach! möchten uns die vielen Aehren,
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Stat vieler tausend Zungen seyn,
107
Die uns ermuntern den zu ehren,
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Der seiner Weisheit hellen Schein,
109
Am Himmel, auf der Erd gewiesen;
110
So würde

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O! GOtt du bist ein weiser Meister,
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Der alle Dinge woll gemacht,
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Die in der Welt der selgen Geister,
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Und hier bei uns herfürgebracht.
115
Wohin wir nur hinsehn und blikken,
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Da bringt uns deiner Hände Werk
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In ein verwunderndes Entzükken;
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Wohin wir unser Augenmerk,
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Jm Reiche der Natur hinwenden,
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Sind Wunder da, von deinen Händen.

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Laß mich an denen Kreaturen,
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Die uns der Felder Schanplaz zeigt,
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Bemerken deiner Weisheits Spuren,
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Der Güte die uns ist geneigt.
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Sehr weislich hast du uns bescheret,
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Das Korn zu unsern Nahrungsbrodt;
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Und uns mit Ueberflus ernähret,
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Bewahrt vor dürrer Hungersnoth.
129
O! möchten wir in unsern Dingen,
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Auch alles weislich vollenbringen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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