Vermischte Gedichte

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Hans Assmann von Abschatz: Vermischte Gedichte (1704)

1
Diß ist die klare Bach auff Pindus Spitzen
2
Wor aus die nasse Schaar der Sänger trinckt;
3
Auff diesem Pegasus muß feste sitzen/
4
Wer von der Erde sich zum Sternen schwingt.

5
Mit dieser Tinte muß die Feder schreiben/
6
Was vor der klugen Welt bestehen soll.
7
Was sonst würd’ ungethan beym Wasser bleiben/
8
Giebt sich hernach beym Trunck und Weine wohl.

9
Ein Gärtner muß zuvor das Land begüssen/
10
Eh die gewünschte Frucht sein Aug ergözt:
11
Dem Dichter werden nicht die Reime flüssen/
12
Eh er den dürren Mund mit Weine nezt.

13
Der scharffe Wein erhizt Verstand und Sinnen
14
Nicht minder als den Leib und und das Gesicht/
15
Und lehrt sein treues Volck ein Werck beginnen
16
Das weder Neid noch Zeit noch Tod zubricht.

17
Nicht minder kan ein Krantz von grünen Reben/
18
Den Berezinthius zum Lohne schenckt/
19
Den Preiß der Ewigkeit Poeten geben/
20
Als wenn ein Lorber-Zweig ihr Haar umschränckt.

21
So/ ohne Zweiffel wird ein Dichter sagen/
22
Der Päans Liberey in Wangen trägt:
23
Izt will man um Bescheid und Urtheil fragen/
24
Die Schaar/ die nasses Glach zu lieben pflegt.

25
So wird man vor gewiß zur Nachricht hören/
26
Wer Freud und Freunde sucht/ wer Höse liebt/
27
Wer sich erheben will zu Gunst und Ehren/
28
Muß seyn in Bachus Schul und Zucht geübt.

29
Ist iemand/ welchen Sorg und Kummer drücken/
30
Den um das Hertze Furcht und Trauren nagt/
31
Er darff den Podalir nicht erst beschicken
32
Den sonst die krancke Stadt zu Rathe fragt.

33
Es wohnt ein besser Arzt beyn Sieben Kannen/
34
Lenäus heisset er und Dionys/
35
Des Traurens schnöden Wust hinweg zu bannen
36
Ohn Purgantz und Clystir ist er gewiß.

37
Ich wolte fast aus ihm Galenum machen/
38
Er theilet ziemlich starck die Doses ein/
39
Doch einen Paracels in seinen Sachen
40
Läst ihn der zarte Geist des Weines seyn.

41
Sein Artzney reitzet an zum heißen Schwitzen/
42
Greifft an den warmen Kopff/ der Sinnen Haus/
43
Macht manchen Punct um Nas’ und Stirne sitzen/
44
Führt unter sich so wohl als oben aus.

45
Laß nun die stoltze Schaar berauchter Weisen/
46
Das Wunder ihrer Kunst den göldnen Tranck/
47
Als ein durchgehend Stück und Mittel preisen:
48
Dem Weine wissen wir nicht mindern Danck.

49
Kein Nisen-Pulver darff nicht in sich ziehen/
50
Wer sein durchgrilltes Blutt will haben rein:
51
Wo Schmertz und Hertzeleyd soll von ihm fliehen/
52
Brauch er das Sechstheil nur vom Eymer Wein.

53
Diß wird ihm so viel Freud und Lust erwecken/
54
Als sein benezter Geist kaum fassen kan.
55
Will man die weite Zahl der Freund erstrecken/
56
So führt uns dieser Trunck am besten an.

57
Vertrauligkeit der Welt und Brüderschafften
58
Sezt der gebrauchte Wein bey Freunden ein.
59
Gleich wie beysammen Reb und Ulmen hafften
60
Und ungefärbter Lieb ein Bildnis seyn.

61
So muß zwey Hertzen auch ein Glaß verbinden/
62
Ein Glaß gegebner Treu und Liebe Pfand/
63
Die sich nicht eher soll getrennet finden/
64
Biß ihren Leib bedeckt der kühle Sand.

65
Ein volles Glaß erwirbt uns tausend Knechte/
66
Wenn uns sonst einer kaum zum Dienst erscheint/
67
Ein volles Glaß bringt Streit und Zorn zurechte/
68
Ein Glaß verbindt den Freund/ versöhnt den Feind.

69
Will unser Vorwitz das/ was heimlich/ wissen/
70
Er darff hierzu kein Sicht- noch Spiegel-Glaß/
71
Darff keinen Hammon nicht darum begrüssen/
72
Ein Glaß mit Wein gefüllt thut eben das.

73
Er darff kein kluges Weib von Cuma fragen/
74
Er wird vom Serapis umsonst gehört.
75
Der Dreyfuß kan vielmehr die Warheit sagen/
76
Als den die blinde Welt zu Delphis ehrt.

77
Will man gewissen Grund der Sach erfahren/
78
Man darff der Folter-Banck/ des Däumelns/ nicht;
79
Ein harter Sinn wird doch nichts offenbaren/
80
Es wird offt mehr durch Glimpff und Wein verricht.

81
Kein schlauer Hannibal darff Eßig güssen/
82
Damit er einen Weg durch Felsen macht:
83
Im Fall man lässet Wein die Fülle flüssen/
84
Wird gleiches Wunderwerck zuwege bracht.

85
Der feste Diamant läst sich gewinnen/
86
So bald ihn überschwemmt der Böcke Blutt:
87
Ists nicht das Trauben-Blutt/ das unsern Sinnen/
88
Wie steinern sie auch seyn/ dergleichen thut?

89
Will man die Zier der Sprach und Red erheben/
90
Darff kein Quintilian zur Stelle seyn/
91
Kein Tullius Gesetz und Lehren geben;
92
Die beste Redner-Kunst ist ein Glaß Wein.

93
Wer bey Gesellschafft vor als stumm gesessen/
94
Kaum Sylb auff Sylb und Wort auff Wort gefügt/
95
Und gleichsam hinter sich das Maul vergessen/
96
So bald er was in Hirn und Stirne krigt/

97
Kan er die Worte wohl und füglich setzen/
98
Die Zunge/ die zuvor voll Stammlens war/
99
Weiß vor den Leuten sich nicht satt zu schwätzen/
100
Stellt ihre gantze Kunst und Weißheit dar.

101
Will man beherzte Leut und Helden schauen/
102
Damit der Officier die Rolle füllt/
103
Die ihnen vor Gefahr nicht lassen grauen/
104
Wenns Mann vor Mann/ wenns Schlacht und Stür-

105
Es müssen sonst Trompet und Paucken klingen/
106
Man bläst Allarm/ und wird das Spiel gerührt/
107
Man sieht den Mahomet sein Maßlah schlingen/
108
Sein Maßlah/ das ihm Krafft und Mutt gebiert.

109
Der Wein hilfft mehr/ denn diß im Streit und Kriege.
110
Daß Bachus gleich so viel als Mars gethan/
111
Zeigt Indien/ die Werckstatt seiner Siege/
112
Zeigt Deutsch- und Niederland durch Beyspiel an.

113
Ein Elephante wird mit Safft besprützet/
114
Der von der Tißbe Baum ist ausgeprest/
115
Wenn dieser Elixir den Mann erhitzet/
116
Den uns der Rebenstock genüssen läst/

117
Da brennet die Begier zur Rach im Hertzen/
118
Da wird dem Hahne Kamm und Schnabel roth/
119
Da weiß der kühne Leib von keinen Schmertzen/
120
Da gehet man getrost in Noth und Tod.

121
Will sich iemand bey Höff- und Herren finden/
122
Das Meisterstücke muß seyn abgelegt:
123
Ein Becher Ellen hoch muß vor ergründen
124
Was er in seiner Brust verborgen trägt.

125
Es mag der Jupiter geträncket werden
126
Mit Nectar/ das noch du/ noch ich gekost;
127
Was Fürst- und Göttlich ist bey uns auff Erden/
128
Sieht/ hört und trincket ihm am Weine Lust.

129
Der Wein macht klug/ erfreut und wohl beliebet/
130
Was wahr/ was heimlich/ bringt der Wein hervor/
131
Wein ists/ der Mutt zu Red und Fechten giebet/
132
Das Wasser sinckt/ der Wein hebt sich empor.

133
So wird des Weines Ruhm und Lob erhöhen/
134
Wer seine Seel an Krug und Becher hengt.
135
Will man zur ernsten Schaar der Weisen gehen/
136
Die Nutzen/ Ehr und Lust zugleich bedenckt/

137
So wird das Widerspiel durchaus erschallen.
138
Ein rauher Seneca/ ein Arrian/
139
Läst ihm vor Malvasier und Sect gefallen/
140
Was er aus seiner Bach genüssen kan.

141
Des Weines Uberfluß schwächt sein Gemütte/
142
Druckt zu der Erde den erhobnen Geist.
143
Die noch von gestern her beschwerte Hütte
144
Ists/ die die Seele mit zu Boden reist.

145
Ein Sitten-Lehrer wird dich so bescheiden:
146
Ein Gläßgen über Durst/ ist schon zu viel.
147
Das süsse Gifft/ den Wein/ muß fleißig meiden
148
Wer ihm das höchste Gutt erwerben will.

149
Ein Redner nennt den Wein die Pest der Sinnen/
150
Und widerlegt was der Poet erhebt.
151
Wie wolte der den Mund gebrauchen künnen/
152
Dem Zunge/ Witz und Hertz am Glase klebt?

153
Der kühle Wasserstrohm von Hippocrenen/
154
Der zu der Poesie soll geben Krafft/
155
Im Fall man Glauben giebt den Phöbus-Söhnen/
156
Führt mit sich weder Korn-noch Reben-Safft/

157
Es sind die Musen nicht/ es sind Menaden/
158
Die/ wo das freche Volck der Thracer haust/
159
Zu Bachus Ehren sich mit Wein beladen/
160
Daß einem sie zu sehn und hören graust.

161
Die also gar entfernt von den Poeten/
162
Von aller Freundligkeit entäussert seyn/
163
Daß sie den Orpheus selbst im Grimm ertödten/
164
Dem zu Gebote steht Wild/ Wald und Stein.

165
Wer diesem Pegasus sich will vertrauen/
166
Und fliegen von der Erd ins Sternen-Feld/
167
Wird sich in kurtzer Zeit ein Bildnis schauen
168
Des kühnen Icarus/ ein Spicl der Welt.

169
Wer dieser Dinte sich bedient im Schreiben/
170
Tunckt nicht im Sinn/ verderbt Papier und Zeit/
171
Will nicht von eigner Krafft ein Kraut bekleiben/
172
Begüssen dienet schlecht zur Fruchtbarkeit.

173
Das Wasser macht den Acker hart und strenge/
174
Den ohne diß der Sonnen Hitze sengt.
175
Was anders richtet aus der Gläser Menge/
176
Als daß sich Geist und Leib zu Boden hengt?

177
Was manchen vor der Zeit geschickt zur Erden/
178
Wie will es vor den Tod ein Mittel seyn?
179
Wie manchem muß ein Todten-Eppig werden
180
Der Reben-Krantz/ ein Sarg der Eymer Wein.

181
Die Grillen werden nicht vom Wein erstecket/
182
Die angefeuchte Glutt giebt stärckern Rauch.
183
Geringe Freundschafft wird beym Suff erwecket/
184
Zubricht das schwache Glaß/ so bricht sie auch.

185
Wer sich getreuen Knecht und Diener nennet/
186
Winckt öffters bald dem Herren mit der Hand/
187
Wer voller weise dich vor Freund erkennet/
188
Dem bistu wohl zum Morgen unbekandt.

189
Ein Trunck auff Hofe-Recht kan nicht verjagen
190
Die Feindschafft/ deren Grund im Hertzen wohnt.
191
Ein volles Maul wird im Vertrauen sagen/
192
Was nüchtern Strang und Schwerdt mit Angst belohnt.

193
Durch Wein erkauffter Mutt macht schlechte Helden/
194
Fällt/ wenn der dichte Rausch vorbey/ in Koth.
195
Wer sich wohl nüchtern darff bey Hofe melden/
196
Wird truncken abgeweist mit Schimpff und Spott.

197
So wird ein Reben-Feind den Wein verachten.
198
Wem sollen wir nun Glauben messen bey?
199
Wenn ich den Grund der Warheit will betrachten/
200
Däucht mich/ daß der und jener unrecht sey.

201
Es schuff ja selber GOtt die edlen Reben/
202
Und Roah must ihr erster Gärtner seyn/
203
Der rechte Brauch ist drum nicht auffzuheben/
204
Ob gleich ein Mißbrauch ist geschlichen ein.

205
Ich weiß/ ihr Brüder werdt mir Beyfall geben/
206
Und diesen Tag nicht ohne Wein begehn/
207
Nun wohl/ euch schmecke gutt das Naß der Reben/
208
So lang eur Rahme wird im Zeit-Buch stehn.

209
Legt euch den Tag mit einem Räuschgen nieder/
210
Und stehet in Gesundheit wieder auff/
211
Ein reiches Weib bringt künfftig alles wieder/
212
Und gienge gleich ein halbes Dörffgen drauff.

(Abschatz, Hans Assmann von: Poetische Ubersetzungen und Gedichte. Leipzig, 1704.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Hans Aßmann Freiherr von Abschatz
(16461699)

* 04.02.1646 in Q7999247, † 22.04.1699 in Legnica

männlich

deutscher Barocklyriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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