Ode über die Unsterblichkeit der Seele

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Johann Jacob Bodmer: Ode über die Unsterblichkeit der Seele (1741)

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Beherrscherin von meiner Hütte!Anmerckungen. In diesem gantzen Gedichte ist die Absicht des Philosophischen Poeten, Hrn. Hofrath Drollingers, das Geschicke der Seele und des Cörpers nach ihrer Tren- nung, das aus der ungleichen Natur dieser beyden Theile herfließt, aus poetischen d. i. wahrscheinlichen Gründen zu bestimmen, und auf eine poetische d. i. gantz lebhafte und sinnliche Weise auszuführen. Nach dieser Absicht müssen wir nun die Kunst des Poeten prüffen. Derselben gemäß ist die erste Zeile sehr geschickt ausgebildet, da sie euch in einem künstlich gewehleten Bilde nicht nur die Verbindung dieser zwey Wesen, sondern auch die Ursache und den Grund ihrer Verbindung, und, welches das vornehmste ist, die grosse Verschiedenheit ihrer Natur vorstellet, wenn sie den Cörper als etwas mechani- sches unter dem Bilde einer Hütte, die Seele aber als eine mit Verstande und Klugheit begabte Beherrscherin zu betrachten vorleget. Denn wie es keine natürliche Fol- ge ist, wenn eine Machine durch Abnutzung und Verschleis- sung, oder durch einen gewaltsamen Zufall zusammen- fällt, daß derjenige Verstand, der sie in ihren mechani- schen Wirckungen nach gewissen Absichten dirigirt hat- mit in das Verderben hingerissen werde, so ist es nich, weniger ungereimt, die Seele in die Zerstöhrung des Cört pers mit einzuflechten. Also ist diese periphrastische Anre- de und Beschreibung der Seele nicht gleichgültig; son- dern sie hat ihre Nothwendigkeit in der Absicht des Poe- ten, und man kan mit Grunde sagen, das gantze Ge- dichte sey eine blosse Entwickelung derjenigen Saamen- Körner, die in diesen fruchtbaren Jdeen eingeschlossen sind.
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Dein Cörper eilt zur langen Ruh,
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Es nah’t sich ihm mit schnellem Schritte
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Die Herrschaft der Verwesung zu.
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Kaum stößt annoch des Hertzens Höle
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Das halb verrauchte Lebens-Oele
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Mit schwachen Schlägen langsam aus,
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Die Musklen sind entspannt und schwinden,
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Der Sinnen schwächliches Empfinden
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Verkündigt schon der Faülniß Graus.

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Wohlan! Der Cörper mag verstäuben,
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Sein blöder Zeug kan nicht besteh’n,
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Doch du, O Seele, wirst du bleiben?
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Wie, oder must du mit vergeh’n?
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Ist dann dein Stoff auch ein Gedränge
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Von Theilen ohngezählter Menge,
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Woraus der Cörper zugericht?
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Ein Bau von so viel tausend Stücken,
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Auf welche Zeit und Zufall drücken,
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Bis ihre Fügung wieder bricht?

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Doch nein! Du öffnest deine Schätze
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Und legest uns ein etwas dar,
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Das keines Cörpers Grundgesetze
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Das keine Mischung je gebahr.
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Was ist ein Leib? Des Geistes Hülle,
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Sein Klumpe liget todt und stille,
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So oft ihm ein Beweger fehlt.
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Nicht so der Geist, der lebt und dencket,
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Mit schneller Macht die Sinnen lencket,
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Erwiegt, beschleußt, verwirfft und wehlt.

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So lerne dann, daß Tod und Sterben
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Allein in grobe Cörper dringt,
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Und der Verstörung Grundverderben
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Ein geistlichs Wesen nie bezwingt.
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Der Mischung Bau wird leicht zerstücket,
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Dich aber hat ein Seyn beglücket,
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Das weder Stück noch Theile kennt,
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Vergeblich sucht der Raub der Zeiten
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Dein einfach Wesen zu bestreiten,
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Was nicht gefügt, wird nicht getrennt.

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Ists glaublich daß dich Gott zernichte?
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Er machte dich zu groß und schön.
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Schau welch ein Glantz! Schau welche Früchte
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Aus edler Seelen Trieb entsteh’n!
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Mich deucht, in jeder Seele funckelt,
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Wenn sie kein grober Dunst verdunckelt,
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Ein Schimmer von der Gottheit Licht,
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So zeugt er auch von ihrem Währen,
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Wer kan ein solches Seyn zerstöhren?
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Was Göttlich ist, das stirbt doch nicht.

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Schau wie bey Sturm und Kriegs-Gefahren
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Ein Mann oft einen Hauffen schreckt,
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Und für dem Raub der wilden Schaaren
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Den unbewehrten Säugling deckt!
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Wie dort ein Held von Gott beseelet
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Oie Wohllust fleucht, die Sorgen wehlet,
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Vor andrer Glücke sich verbannt;
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Er wacht, damit wir sicher schlaffen,
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Erhält sein Volck durch Witz und Waffen,
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Und stirbt mit Lust für Kirch und Land.

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Und ihr der Weisheit ersten Söhne,
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Geweyhte Dichter! Heilger Chor!
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O welche Kraft! O welche Thöne
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Durchdringen plötzlich Hertz und Ohr!
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Es würcket euer mächtger Wille
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Der tiefsten Sinnen Sturm und Stille,
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Er stellt den Regungen Gebot.
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Ich hör, ich höre Davids Lieder,
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Der Himmel steigt zu uns hernieder,
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Und unser Geist hinauf zu Gott.

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Wer zehlt das Heer der lichten Sternen,
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Wer mißt der Sonnen schnellen Lauf?
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Wer dringt in ungemessne Fernen
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Und deckt der Himmel Ordnung auf?
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Ists nicht des Geistes Wunderstärcke?
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Hier setzt er Schrecknißvolle Wercke,
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Gebäude, die den Wolcken drohn.
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Bald stürtzt er wieder Thurm und Mauren,
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Die Last, die ewig schien zu dauren,
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Sein donnernd Ertz zermalmt sie schon.

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Doch hör ich nicht ein Lied erklingen,
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Das unsern Geist zu prächtig schmückt,
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Und eines Wesens Kraft besingen
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Aus dem so mancher Mangel blickt?
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Wo bleiben seiner Stärcke Proben,
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Wann der Begierde wildes Toben
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Dem schwachen Herrscher selbst gebeut?
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Ist dieses der gepriesne Schimmer,
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Den Wahn und Zweifel je und immer
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Mit dickem Nebel überstreut?

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Wohlan! Es mengt in unsre Schätze
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Sich auch der Schwachheit Zusatz ein;
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Doch dies bestärcket selbst die Sätze
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Von unsers Geistes stätem Seyn.
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Wo bliebe sonst des Schöpfers Liebe,
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Der uns durch so viel starcke Triebe
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Zur Forschung seiner Wunder treibt,
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Wofern wir, ehe wir erbleichen,
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Den Zweck, aus Schwachheit, nicht erreichen,
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Und nach dem Tode nichts mehr bleibt?

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Es bringt doch unsrer Gaben Menge
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Uns oft im Leben nur Verdruß.
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Wie mancher kürtzt nicht dessen Länge
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Durch vieles Wissens Ueberfluß?
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Gebricht mirs hier an Ruh und Glücke,
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Obgleich kein Fernglaß meine Blicke
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Des Mondes Flecken je gelehrt,
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Ob Hüygens Fleiß in jenen Fernen
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Mit keinen neuen Folgesternen
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Die Herrschaft der Planeten mehrt?

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So mercket dann daß dieses Leben
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Auf eine lange Zukunft zielt.
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Hier ist uns nur ein Raum gegeben,
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Drauf unsers Geistes Kindheit spielt.
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Dann öffnet sich nach kurtzen Zeiten
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Der Schauplatz grosser Ewigkeiten,
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Da geht sein Lauf unendlich fort.
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So hat die Allmacht es beschlossen.
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Hier treibt der Geist die ersten Sprossen,
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Was hier gekeimt, das reifft sich dort.

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Drum zeigt er jetzt schon ein Gefühle
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Von Trieben, die nichts Endlichs stillt,
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Er setzt sich immer neue Ziele,
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Und sucht umsonst, was ihn erfüllt,
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Er wünscht, geneußt und wünscht aufs neue,
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Durchgeht der Güter lange Reyhe
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Und kan bey keinem stille ruhn.
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Gab Gott, der nichts vergeblich füget,
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Uns einen Trieb, den nichts vergnüget?
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Die Ewigkeit die muß es thun.

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O was entdeckt sich meinem Blicke,
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Was wird mir für ein Schauspiel kund?
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Welch unerforschliches Geschicke
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Beherrscht der Erden weites Rund!
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Hier seh ich unter Ach und Flehen
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Den Heiligen in Qual vergehen,
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Den Dampf und Flamme langsam schmaucht;
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Wenn satt von Jahren, Lust und Fülle,
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Sein Würger dort in sanfter Stille
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Den Lastervollen Geist verhaucht.

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Wie! Theilt uns denn mit blinder Wage
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Ein Schicksal zu, was uns befällt?
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Regiert ein Zufall unsre Tage,
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Und mischt verwirrt den Lauf der Welt?
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Doch nein! Des Zweifels Nebel brechen,
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Kein ungerechtes Urtheilsprechen
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Entehrt der Allmacht Richterthron.
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Du sterblichs Volck! Die Wahrheit lehret,
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Dein Wesen wird nicht gantz verstöret,
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Es bleibt noch was zu Straff und Lohn.

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Es ist, es ist noch ein Gerichte,
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Die Zukunft kömmt mit Lohn und Schwerdt,
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Und reicht mit billigem Gewichte
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Den Thaten den verdienten Werth.
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Mein Fürwitz soll sich nicht vergehen,
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Den tieffen Abgrund einzusehen,
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Der hier der Allmacht Rath verhüllt.
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Doch diesen Satz kan nichts zertreiben;
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Gott ist gerecht, die Seelen bleiben,
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Was hier gebricht, wird dort erfüllt.

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Der Wahrheit Macht ist durchgedrungen
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Es schallt ihr überzeugend Wort
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Durch ungezählter Völcker Zungen,
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In Ost und West, in Süd und Nord.
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Gesetzt, daß noch ein Hauff bethöret;
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Was uns ein Plato Göttlich lehret,
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Braucht keines Hurons Beyfall nicht.
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Soll dies der Lehre Kraft vermindern,
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Wenn dort, vermengt mit seinen Rindern,
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Ein viehisch Volck ihr wiederspricht?

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Getrost! Es macht sich ihre Stärcke
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Durch gröster Geister Zeugniß kund.
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Der Helden göttlich schöne Wercke
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Entspringen nur aus ihrem Grund,
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Sie hören ein geheimes Sprechen:
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Jhr Seelen! Eure Cörper brechen,
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Doch euch zernichtet keine Zeit.
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O folget einem edlen Ziele!
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Verübter Tugend Lustgefühle
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Begleitet euch in Ewigkeit.

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O Geist, der Geister erste Quelle!
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O Wesen unumschränckter Macht!
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Schick einen Strahl von deiner Helle
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In finstrer Geister trübe Nacht;
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Erleucht ein Volck, von dir gebauet,
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Dem noch vor seiner Grösse grauet,
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Das der Zernichtung Scheusal ehrt,
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Und gieb daß nach vollbrachten Stunden
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Mein froher Geist, der Last entbunden,
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Zu deiner Gottheit wiederkehrt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Jakob Bodmer
(16981783)

* 19.07.1698 in Greifensee, † 01.01.1783 in Schönenberg

männlich, geb. Bodmer

Schweizer Autor

(Aus: Wikidata.org)

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