Vergleichung des Jahres und menschlichen Lebens

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Hans Assmann von Abschatz: Vergleichung des Jahres und menschlichen Lebens (1704)

1
Der Winter ist hin/ die Blumen bezieren
2
Hügel/ Gründe!
3
Sanffte Winde
4
Durch bisamte Lüffte sind itzo zu spüren.
5
Mit Diamanten
6
Des nassen Zolls bemühn sich einzustellen
7
In vollem Lauff ans Meeres Kanten
8
Die flüchtige Kinder beständiger Quellen.
9
Fleucht der Winter mit schnellem Gefieder/
10
Er kömmt wieder.
11
Wenn neun Monate seyn verstrichen.
12
Ist der Mensch im Tode verblichen/
13
So wird er Staub/ der Geist als Schatten schwebet.
14
Er liegt im Grab/ als hätt’ er nie gelebet.

15
Der Lentz ist hin/ man fühlet nicht spielen
16
Kühle Lüffte:
17
Heisse Düffte
18
Mit brennenden Dünsten beschweren im schwülen.
19
Der grünen Buchen
20
Vertrocknet Laub hängt an den matten Zweigen/
21
Die Sonne macht/ ihr Kühlung auszusuchen/
22
Durch feurige Strahlen die Bäche verseigen:
23
Entfleucht der Lentz mit schnellem Gefieder/
24
Er kommt wieder
25
Wenn neun Monate seyn verschlichen.
26
Ist der Mensch im Tode verblichen/
27
So wird er Staub/ der Geist als Schatten schwebet/
28
Er liegt im Grab/ als hätt er nie gelebet.

29
Der Sommer entweicht/ es kühlet die Blätter
30
Frisches Thauen:
31
Dürren Auen
32
Bringt wachsendes Grummet das feuchtende Wetter.
33
Man schauet hangend
34
Den krummen Baum voll schöner Frücht am Anger/
35
Mit Trauben/ gleich Schmaragd und Purpur prangen
36
Der Ulme Verliebten/ den Reben-Stock/ schwanger.
37
Entfleucht der Sommer mit schnellem Gefieder/
38
Er kommt wieder
39
Wenn neun Monate sind entwichen.
40
Ist der Mensch im Tode verblichen/
41
So wird er Staub/ der Geist als Schatten schwebet/
42
Er liegt im Grab/ als hätt’ er nie gelebet.

43
Der Herbst verstreicht/ die Tage verdunckeln/
44
Dicke Nebel/
45
Schnee-Gewebel
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Füllt Thäler/ muß Gipffel der Berge befunckeln.
47
Von Sturm und Winden
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Hört man mit Furcht die Eich und Tanne brechen/
49
Wenn izt das Scheit die glimme Funcken zünden/
50
Bemüht sich der Pusch am Winter zu rächen.
51
Entweichet der Herbst mit schnellem Gefieder/
52
Er kömmt wieder
53
Wenn neun Monate seyn verstrichen.
54
Ist der Mensch im Tode verblichen/
55
So wird er Staub/ der Geist als Schatten schwebet/
56
Er liegt im Grab/ als hätt er nie gelebet.

57
Doch mögen die Monden der Flüchtigen Jahre
58
Gleich den Pfeilen
59
Von uns eilen/
60
Was schadet uns Alter und Winter und Bahre?
61
Gesezte Sinnen/
62
Die in der Zeit zum Wechsel sich bereiten/
63
Und Eitelkeit nicht lieb gewinnen/
64
Kan Sterben zu keinem entsetzen verleiten.
65
Läst die Seele die schmachtenden Glieder/
66
Sie kömmt wieder
67
Wenn die Tage der Ruhe verstrichen:
68
Ist der Mensch im Tode verblichen/
69
Er stehet auff/ sein Geist ist unverdorben/
70
Er lebt auffs neu/ als wär er nie gestorben.

(Abschatz, Hans Assmann von: Poetische Ubersetzungen und Gedichte. Leipzig, 1704.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Hans Aßmann Freiherr von Abschatz
(16461699)

* 04.02.1646 in Q7999247, † 22.04.1699 in Legnica

männlich

deutscher Barocklyriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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