Rettung

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Joseph von Eichendorff: Rettung (1837)

1
Ich spielt', ein frohes Kind, im Morgenscheine,
2
Der Frühling schlug die Augen auf so helle,
3
Hinunter reisten Ström' und Wolken schnelle,
4
Ich streckt' die Arme nach in's Blaue, Reine.

5
Noch wußt' ich's selbst nicht, was das alles meine:
6
Die Lerch', der Wald, der Lüfte blaue Welle,
7
Und träumend stand ich an des Frühlings Schwelle,
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Von fern rief's immer fort: Ich bin die Deine!

9
Da kam ein alter Mann gegangen
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Mit hohlen Augen und bleichen Wangen,
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Er schlich gebogen und schien so krank;
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Ich grüßt' ihn schön, doch für den Dank
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Faßt' er mich tückisch schnell von hinten,
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Schlang um die Arme mir dreifache Binden,
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Und wie ich rang und um Hülfe rief,
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Geschwind noch ein andrer zum Alten lief,
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Und von allen Seiten kamen Menschen gelaufen,
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Ein dunkelverworr'ner, trübseeliger Haufen.
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Die drängten mich gar tückisch in ihre Mitte,
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Führten durch's Land mich mit eiligem Schritte.
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Wie wandt' ich sehnend mich oft zurücke!
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Die Heimath schickte mir Abschiedsblicke;
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Die Büsche langten nach mir mit grünen Armen,
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Es schrie'n alle Vöglein recht zum Erbarmen.
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Doch die Alten hörten nicht die fernen Lieder,
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Sumsten düstere Worte nur hin und wieder,

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Führten mich endlich in ein altes Haus,
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Da wogt' es unten in Nacht und Graus,
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Da war ein Hämmern, ein Schachern und Rumoren,
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Als hätte das Chaos noch nicht ausgegohren.
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Hier hielt der Alte würdig und breit:
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Mein Sohn, sprach er zu mir, das ist die Nützlichkeit!
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Die haben wir so zum gemeinen Besten erfunden.
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Das betrachte hübsch fleißig und sei gescheut. —
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So ließen sie mich Armen allein und gebunden.

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Da schaut' ich weinend aus meinem Kerker
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Hinaus in das Leben durch düstern Erker,
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Und unten sah ich den Lenz sich breiten,
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Blühende Träume über die Berge schreiten,
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Drüber die blauen unendlichen Weiten.
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Durch's farbige Land auf blauen Flüssen
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Zogen bunte Schifflein, die wollten mich grüßen.
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Vorüber kamen die Wolken gezogen,
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Vorüber singende Vöglein geflogen;
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Es wollt' der große Zug mich mit fassen,
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Ach! Menschen, wann werd't ihr mich wieder hinunter
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lassen!

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Und im dunkelgrünen Walde munter
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Schallte die Jagd hinauf und hinunter,
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Eine Jungfrau zu Roß und blitzende Reiter —
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Ueber die Berge immer weiter und weiter
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Rief Waldhorn immer fort dazwischen:
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Mir nach in den Wald, den frischen!

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Ach! weiß denn niemand, niemand um mein
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Trauern?
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Wie alle Fernen mir prophetisch singen
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Von meinem künft'gen wundervollen Leben!

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Von innen fühlt' ich blaue Schwingen ringen,
59
Die Hände konnt' ich innigst betend heben —
60
Da sprengt' ein großer Klang so Band wie Mauern.

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Da ward ich im innersten Herzen so munter,
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Schwindelten alle Sinne in den Lenz hinunter,
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Weit waren kleinliche Mühen und Sorgen,
64
Ich sprang hinaus in den farbigen Morgen.

(Eichendorff, Joseph von: Gedichte. Berlin, 1837.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Joseph von Eichendorff
(17881857)

* 10.03.1788 in Ratibor, Oberschlesien, † 26.11.1857 in Neisse, Oberschlesien

männlich, geb. Eichendorff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

bedeutender Lyriker und Schriftsteller der deutschen Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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