Letzte Heimkehr

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Joseph von Eichendorff: Letzte Heimkehr (1837)

1
Der Wintermorgen glänzt so klar,
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Ein Wandrer kommt von ferne,
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Ihn schüttelt Frost, es starrt sein Haar,
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Ihm log die schöne Ferne,
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Nun endlich will er rasten hier,
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Er klopft an seines Vaters Thür.

7
Doch todt sind, die sonst aufgethan,
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Verwandelt Hof und Habe,
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Und fremde Leute seh'n ihn an
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Als käm' er aus dem Grabe;
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Ihn schauert tief im Herzensgrund,
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Ins Feld eilt er zur selben Stund.

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Da sang kein Vöglein weit und breit,
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Er lehnt' an einem Baume,
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Der schöne Garten lag verschneit,
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Es war ihm wie im Traume,
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Und wie die Morgenglocke klingt,
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Im stillen Feld er niedersinkt.

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Und als er aufsteht vom Gebet,
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Nicht weiß, wohin sich wenden,
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Ein schöner Jüngling bei ihm steht,
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Faßt mild ihn bei den Händen:
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„komm' mit, sollst ruhn nach kurzem Gang.“ —
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Er folgt, ihn rührt der Stimme Klang.

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Nun durch die Bergeseinsamkeit
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Sie wie zum Himmel steigen,
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Kein Glockenklang mehr reicht so weit,
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Sie sehn im öden Schweigen
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Die Länder hinter sich verblühn,
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Schon Sterne durch die Wipfel glühn.

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Der Führer jetzt die Fackel sacht
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Erhebt und schweigend schreitet,
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Bei ihrem Schein die stille Nacht
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Gleichwie ein Dom sich weitet,
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Wo unsichtbare Hände baun —
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Den Wandrer faßt ein heimlich Graun.

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Er sprach: was bringt der Wind herauf
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So fremden Laut getragen,
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Als hört' ich ferner Ströme Lauf,
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Dazwischen Glocken schlagen?
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„das ist des Nachtgesanges Wehn,
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Sie loben Gott in stillen Höh'n.“

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Der Wandrer drauf: ich kann nicht mehr —
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Ist's Morgen, der so blendet?
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Was leuchten dort für Länder her? —
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Sein Freund die Fackel wendet:
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„nun ruh zum letztenmale aus,
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Wenn du erwachst, sind wir zu Haus.“

(Eichendorff, Joseph von: Gedichte. Berlin, 1837.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Joseph von Eichendorff
(17881857)

* 10.03.1788 in Ratibor, Oberschlesien, † 26.11.1857 in Neisse, Oberschlesien

männlich, geb. Eichendorff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

bedeutender Lyriker und Schriftsteller der deutschen Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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