Auf das Absterben des Herrn Ober-Vormundschafts- Rath Pfanners in Gotha den 12 Julii 1745 im 76 Jahr. J. f. N

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Christoph Eusebius Suppius: Auf das Absterben des Herrn Ober-Vormundschafts- Rath Pfanners in Gotha den 12 Julii 1745 im 76 Jahr. J. f. N (1749)

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Wenn wir uns alt und grau gewacht,
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So sehen wir der Mitternacht
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Des Grabes sehnsuchtsvoll entgegen,
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Wir machen oft die Augen zu,
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Wir warten auf die lange Ruh,
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Und hoffen, daß man uns bald wird zu Bette legen.

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Der Seelen Wohnplatz giebet nach,
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Desselben Fugen werden schwach,
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Und seine beyden Pfeiler sinken,
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Wir hören das Geräusche schon,
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Der stöhnende gebrochne Ton
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Will uns den Umsturz bald zu prophezeyn bedünken.

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Der Sinnen thätige Gewalt
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Wird kraftlos, stockend, endlich kalt,
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Erweckt verdrüßliche Gedanken,
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Ein Vorhang decket das Gesicht,
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Das Ohr bewegen Töne nicht,
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Selbst der Geruch erstickt in seinen engen Schranken.

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Das Wesen, welches will und denkt,
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Sieht sich daher mehr eingeschränkt,
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Und seine Kraft in Fesseln schmiegen;
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Es hofft geneigten Abendwind,
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Wie Schiffer sehr aufmerksam sind,
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Die wegen Stille noch in einem Hafen liegen.

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Wer unterdessen gläubig weiß,
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Auf welch allmächtiges Geheiß
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Noch unsre Daurungs-Stunden währen,
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Und was erfolgt auf diese Zeit,
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Der wartet mit Gelassenheit,
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Er suchet nicht den Tod, mag ihn auch nicht begehren.

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Die Hoffnung zeiget der Natur
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Hingegen die erlaubte Spuhr,
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Sich manches Kummers zu entlasten,
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Weil sie die hochbejahrte Welt
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Sehr trost- und lehrreich unterhält,
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Wie dorten ehemahls bey Noah in den Kasten.

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Kommt denn die letzte Botschaft nah,
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Und heisset es: Mein Grab ist da!
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Ruft die Verwesung welke Glieder,
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So ist man hurtig und bereit,
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Man leget diese Sterblichkeit
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Mit seiner sinkenden und morschen Hütte nieder.

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Wohlseeliger! Dir glückt es nun!
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Dein schwacher Leib begehrt zu ruhn,
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Das Alter hoffte; daß es stürbe;
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Jm Hafen landest Du nun an,
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Und dein herumgeworfner Kahn
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Ist von so manchem Sturm der Wintertage mürbe.

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Dich hat hier eine lange Nacht,
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Die um uns alles finster macht,
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So manche Jahre schon bedecket,
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Zu sterben warest Du bereit,
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Daß Du des Todes Bitterkeit
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Und seinen herben Kelch dahero kaum geschmecket.

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Mit Glaubens-Augen sahest Du
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Der Dir annoch vorhandnen Ruh
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Und jener Herrlichkeit entgegen,
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Die alles wiederum verjüngt,
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Die uns der letzte Morgen bringt,
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Wenn wir uns dermahleinst auf Erdenbetten regen.

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Die hattest Du vorangeschickt,
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Und ihr die Augen zugedrückt,
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Die deinen Stand erträglich machte,
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Es gieng Dir in der Seele nah,
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Als man sie auf der Bahre sah,
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Worauf dein Alter wohl vor ihr zu seyn gedachte.

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Allein GOtt hatte dieß gefügt,
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Daß Du noch väterlich vergnügt
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Der Kinder Liebe solltest schmecken,
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Der Tochter, deren Pflegehand
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Sich allemahl beweglich fand,
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Nach deiner Schwachheit sich recht liebreich aus-

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Wie Dich mein redlich Herz geliebt,
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Was es mir für ein Zeugniß giebt,
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Und wie mich noch dein Sterben kränket,
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Die Regungen in meiner Brust
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Das war uns beyden sonst bewußt,
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Und mir alleine nun, da man Dich eingesenket.

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Mein Vater! den ich mir erwählt,
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Doch nun dem andern beygezählt,
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Von dem ich kam, der längst entschlaffen,
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Von Dir hinfort getrennt zu seyn,
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Dein Sterben dringt durch Mark und Bein,
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Die Ruhe findest Du, wer will sie mir verschaffen!

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Die Hoffnung nur, dereinst einmahl
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Auch unter der Erblassten Zahl
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Bey Dir zu ruhen in der Erden,
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Die zeiget mir mein Ararat,
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Das sich die Ruh erwählet hat,
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Da wünsch ich, dermaleinst mit Freuden zu entwerden.

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Hier, wo noch Kreuz und Kummer wacht,
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Seh ich des Grabes Mitternacht,
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So lange GOtt will, noch entgegen,
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Und rufe Dir ganz traurig zu:
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Du wohnest nun in süsser Ruh,
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Wir aber dürfen uns noch nicht zu Bette legen.

(Suppius, Christoph Eusebius: Oden und Lieder. Gotha, 1749.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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