Der 90 Psalm

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Christoph Eusebius Suppius: Der 90 Psalm (1749)

1
HeRR! zu dem wir jetzo beten!
2
GoTT! dein Saame schreyt zu Dir!
3
Denn Du bleibest doch in Nöthen
4
Unsre Zuflucht für und für;
5
Bevor die Berge sich erhoben,
6
Die Erde ward, die Welt bereit,
7
Da warest Du Erhabner droben
8
Von Ewigkeit zu Ewigkeit.

9
Du befiehlst! die Menschen sterben,
10
Und sie gehen in den Staub,
11
Denn sprichst Du: Kehrt wieder, Erben!
12
Seyd nicht mehr des Todes Raub!
13
Denn tausend Jahre, die verstrichen,
14
Sind vor Dir länger nicht verbracht,
15
Als wie der Tag, der abgewichen,
16
Und als die Wachzeit in der Nacht.

17
Wie in Ströhmen man Gewässer
18
Siehet schnell vorüber ziehn,
19
Eben also und nicht besser
20
Lässest Du sie auch dahin;
21
Wie, wenn der Schlaf sich eingefunden,
22
Da ohne sinnlichen Gebrauch
23
Man nicht merkt, wie die Zeit verschwunden,
24
So ist der Menschen Leben auch.

25
Wie das Gras am Morgen pranget,
26
Und voll schöner Blumen steht,
27
Das bald an zu welken fanget,
28
Ehe noch der Tag vergeht;
29
Und bey der Abenddämmrung Grauen,
30
Eh alles seinen Wuchs erreicht,
31
Schon wiederum wird abgehauen,
32
Da es verdorret und erbleicht.

33
Doch dein Zorn ist uns entgegen,
34
Dieser macht, daß wir so bald
35
Uns zu Bette müssen legen,
36
Und dein Grimm straft dergestalt,
37
Daß wir so plötzlich und geschwinde
38
Verschwinden sehen unsre Zeit,
39
Und, gleich dem ungestümen Winde,
40
Befallen sind mit Sterblichkeit.

41
Unser böslich Unterwinden
42
Stellest Du vor Dir ins Licht,
43
Ja die unerkannten Sünden
44
Stehn vor deinem Angesicht;
45
Drum fahren auch all unsre Tage
46
Durch deinen Zorn dahin im Nu,
47
Wir bringen, unter Noth und Plage,
48
Als ein Geschwätz die Jahre zu.

49
Sie, die Lebensjahre, währen,
50
Das man kaum zählt siebzig mahl,
51
Wenn es hoch kömmt, wird man hören,
52
Achtzig sind ihr nach der Zahl!
53
Sind sie noch köstlich, auserlesen,
54
So ist Verdruß und Müh der Lohn;
55
Es fährt dahin, wenn es gewesen,
56
So schnell, als flöhen wir davon.

57
Doch wer glaubt der Warnungsstimme,
58
Daß dein Zorn so sehr entrüst,
59
Wer hat Furcht vor solchem Grimme,
60
Welcher Menschen tödtlich ist?
61
So lehr uns denn, daß wir bedenken,
62
Wie ohnumstößlich fest der Schluß,
63
Der Tod wird uns ins Grab versenken,
64
Damit man klüger werden muß.

65
Kehre Dich, o HErr! doch wieder
66
Zu uns, welche Demuth beugt!
67
Deine Knechte fallen nieder;
68
Werde gnädig und geneigt!
69
Erfüll uns früh mit deiner Gnade,
70
Die rühmet unser Lustgesang,
71
Denn sind wir frey von allem Schade,
72
Auch frölich unser Lebelang.

73
Da Du uns so lange plagest,
74
Durch verzögernd Ungemach,
75
Nicht nach deinem Volke fragest,
76
Auch nicht merkest auf ihr Ach!
77
So laß uns wiederum erfreuen,
78
Die Knechte sehn, was Du vollbracht;
79
Was Dir zur Ehre kan gedeyen,
80
Sey ihren Kindern kund gemacht.

81
Herr! Du GOtt! Dein Angesichte
82
Laß uns wieder freundlich sehn!
83
Laß der Hände Werk und Früchte
84
Künftig wohl von statten gehn!
85
Ja! dieses laß Du wohl gelingen!
86
Jhm lege sich Dein Segen bey,
87
Daß es im Anfang und Vollbringen
88
Von Dir gebenedeyet sey.

(Suppius, Christoph Eusebius: Oden und Lieder. Gotha, 1749.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.