Der leidende Erlöser

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Christoph Eusebius Suppius: Der leidende Erlöser (1749)

1
Mein Heyland geht! wo ist er hin?
2
Fort, Seele! nach! und such ihn wieder!
3
Dieß bringt dir ewigen Gewinn,
4
Er wirft sich schon zum Beten nieder;
5
Sein Himmel ist Getsemane,
6
Und seines Paradieses Höh
7
Wird zu des Oelbergs bangen Tiefen;
8
Die Gottheit schreyt! Sie seufzet ach!
9
Die Unschuld trägt dein Ungemach,
10
Daß ihr vor Angst die Adern triefen.

11
Der Garten brachte Sünd und Fall,
12
Dahin ist mein Erlöser gangen,
13
Da hör ich seiner Seufzer Schall,
14
Da wird sein Leiden angefangen;
15
Jm Garten wird bey später Nacht
16
Die Liebe kalt und todt gebracht,
17
Nach jämmerlichem Blutvergiessen,
18
Jedoch da wird nach kurzer Zeit
19
Auch meiner Seelen Seeligkeit
20
Mit ihr aufs neue leben müssen.

21
Holdseeligster! wie geht es zu,
22
Daß Du von deinem Himmel steigest,
23
Und Dich zu meiner Seelen Ruh
24
In jämmerlicher Schönheit zeigest?
25
Du räumest deinen Himmel ein,
26
Kann wohl die Liebe stärker seyn?
27
Ich habe Schuld, doch willst Du sterben,
28
Und hast in deinem Testament
29
Mich überdieses noch ernennt
30
Zu aller deiner Güter Erben?

31
Freund! das begreif ich warlich nicht,
32
Wie kann ich auf solch Erbtheil hoffen?
33
Doch ja, HERR! dein Erbarmen spricht:
34
Aus Gnaden steht der Himmel offen;
35
O! richte jetzo meinen Sinn
36
Zum Kampfplatz deiner Leiden hin,
37
Daß ich die Martern recht erwege,
38
Damit ich, was um meine Schuld
39
Du alles leidest mit Geduld,
40
Erbärmlich schöne bilden möge!

41
Verrätherey, ein falsch Gerücht,
42
Verleugnung, Speichel, Spott und Schande,
43
Manch Zeugniß, das sich widerspricht,
44
Ein unrecht Urtheil, schwere Bande
45
Hat der Gerechte auszustehn;
46
Kommt, Sünder! wollt ihr solches sehn?
47
Gut! folget! Petrus wird euch führen,
48
Doch, wenn euch was erbärmlich scheint,
49
So laßt, wenn dieser Jünger weint,
50
Auch euch, wie ihn, das Herze rühren.

51
Wie ist mir? was stöhrt meinen Sinn?
52
Hör ich nicht ein Geräusch der Waffen?
53
Jhr Schaaren, halt! wo wollt ihr hin?
54
Was ists? was habet ihr zu schaffen?
55
Wen suchet eure List so spät?
56
Sprecht; wie? JEsum von Nazareth?
57
Er sagt: Ich bins! Jhr weicht? ihr fallet?
58
Ist eure Macht so schlecht bestellt,
59
Daß sie mit euch zu Boden fällt,
60
Wenn nur sein Wort: Ich bins! erschallet?

61
Entäussre Dich der Niedrigkeit,
62
Du Menschen-Sohn! willst Du Dich rächen,
63
So darfst Du in dem größsten Streit
64
Ein Wort, ein einzig Machtwort sprechen:
65
HeRR! fahre mit dem Donner drein!
66
Vertilge sie! verdirb ‒ ‒ Doch nein,
67
Es muß die Schrift erfüllet werden;
68
Die höchste Weisheit hat versehn,
69
Daß dieses also soll geschehn,
70
Und daß Du leiden mußt auf Erden.

71
Den, der die Liebe selbsten ist,
72
Muß hier der Falschheit Kuß verrathen,
73
Der Mund spricht freundlich: Sey gegrüßt;
74
Das Herz zeigt mörderische Thaten,
75
Die Schande, die sie roth gemacht,
76
Bedeckt die Dunkelheit der Nacht,
77
Sie hat auch Theil an keinem Lichte.
78
Verräther! sey der That nicht froh,
79
Du lieferst deinen Meister so,
80
Doch dich zugleich vor das Gerichte.

81
Weg, Schwerd, mit deiner Mordbegier!
82
O! fahre doch in deine Scheide!
83
Schreyt man: Philister über dir,
84
Die Sanftmuth winkt; getrost, man leide!
85
Auf dessen Wollen gleich geschicht,
86
Wenn Er ein Wort: Es werde! spricht,
87
Der wird gefangen weggeführet;
88
Nur nach, du Jhm getreue Schaar,
89
Blut ist es, Leiden, Noth, Gefahr,
90
Womit Er jetzt die Seinen zieret.

91
Was? wollt ihr fliehn? ihr Jünger, halt!
92
Wo wollt ihr hin? zurück! zurücke!
93
Verlasst den Meister nicht so bald,
94
Entzieht euch nicht der Gnaden-Blicke;
95
Sie fliehn! Der Hirte fühlt den Schlag,
96
Dieß ist sein grosser Leidens-Tag,
97
Daran zerstreuet sich die Heerde;
98
O! bricht noch nicht der Morgen an,
99
Daß Er sie wieder sammlen kann,
100
Damit das Wort erfüllet werde!

101
Hört! was der Mund der Wahrheit spricht:
102
Er saget frey, was Er gelehret;
103
Die Wuth ist taub, sie merkt das nicht,
104
Die Heucheley wird stumm und höret;
105
Sie weiß, so ists, wie Er gesagt,
106
Doch wird die Unschuld angeklagt,
107
Die Bosheit höret falsche Zeugen,
108
Nur die Geduld ist still, sie schweigt,
109
Und lehrt, da sie sich so bezeigt;
110
Jhr Menschen, sollt das Recht nicht beugen!

111
Nun bricht der Tag des Todes an,
112
Der aller Welt das Leben giebet;
113
Erlöser! ich bin schuld daran,
114
Du hast mich allzusehr geliebet;
115
Ich folge Dir beständig nach,
116
Und sehe deine grosse Schmach,
117
Ich will sie wohl zu Herzen fassen;
118
Und zeigt ein blutig Abendroth
119
Mir deinen bittern Kreuzes-Tod,
120
Ermuntert mich doch dein Erblassen.

121
Die Rotte hat gar keine Ruh,
122
Sie kann für Blutbegier nicht schlafen,
123
Nun zieht sie auf das Richthaus zu,
124
Und macht dem Richter viel zu schaffen;
125
O! seht doch, in der Mitten dort,
126
Wen schleppt man da gebunden fort?
127
Wer wird erbärmlich hergerissen?
128
Es ist mein Freund, den ich verlohr,
129
Fort, Seele! mache dich hervor,
130
Hier sollst du den Geliebten küssen.

131
Der Urtheilsspruch will erst: Sey frey!
132
Denn ruft die Bosheit: Laß ihn tödten;
133
O Richter! soll auf ein Geschrey
134
Dich gleich das Blut der Unschuld röthen?
135
Ist seine Schuld die Wahrheit bloß,
136
Gut! gieb mir den Gerechten los,
137
So wirst du als gerecht gepriesen;
138
Kein Wasser wäscht die Blutschuld ab,
139
Zerbrich doch nicht den Urtheilsstab;
140
Ruft gleich der Haufe: Weg mit diesen!

141
Doch das Geschrey nimmt überhand,
142
Das Richter-Schwerd fängt an zu beben,
143
Empfängt die Rache Gluth und Brand,
144
So gehts an des Gerechten Leben;
145
Die Furcht giebt nach, sie unterschreibt,
146
Wo sie noch kein Verbrechen gläubt,
147
Und handelt wider ihr Gewissen;
148
O! wenn der Richter aller Welt
149
Dereinsten erst Gerichts-Tag hält,
150
Wie wirst du da verstummen müssen!

151
Her, Sünder! kommt! versammlet euch!
152
Jtzt, itzt ist die Erlösung nahe,
153
Es gilt ein ewig Himmelreich,
154
Als man uns einst verliehren sahe,
155
Herbey! getrost! auf! folget mir!
156
Nun geht es an! itzt sollet ihr
157
Das alles sehn, was wir verschuldet;
158
Für alles, was wir ausgeübt,
159
Hat der Erlöser, der uns liebt,
160
Der Seelenfreund, die Straf erduldet.

161
Da steht Er, seht! man geiselt ihn,
162
Seht, wie der Schmerz die Glieder bieget!
163
Doch merkt, was hier vor Früchte blühn,
164
Indem man auf dem Rücken pflüget;
165
Aus diesem guten Acker bricht
166
Der Same des Vergiß mein nicht,
167
Er wird bald rothe Blüthen geben,
168
Die edlen Tropfen, womit jetzt
169
Die Liebe diesen Garten netzt,
170
Ertheilen ihm Geruch zum Leben.

171
Folgt abermahls ins Richterhaus,
172
Um neue Martern zu erdenken;
173
Nun zieht man Jhm die Kleider aus,
174
Wie muß das nicht die Unschuld kränken,
175
Man zieret, zu mehr Schmach und Hohn,
176
Sein Haupt mit einer Dornenkron,
177
Die Jhm dasselbe ganz zerritzen,
178
O Seele! siehst du deinen Freund,
179
Der hier die Sarons-Blume scheint,
180
Wie Rosen unter Dornenspitzen?

181
Seht Josephs blutiges Gewand!
182
Weint! Jacob lässet Thränen fliessen,
183
Er hat des Sohnes Rock gekannt,
184
Ein wildes Thier hat ihn zerrissen;
185
Hier stehet der Versöhnungs-Bock,
186
In dessen Blut mein Sünden-Rock
187
Die bunten Flecke soll verliehren;
188
Mein Heyland hat ihn angelegt,
189
Weil Er den Purpur-Mantel trägt,
190
Um ihn mit neuem Glanz zu zieren.

191
Man schläget Jhn mit einem Rohr,
192
Ach Holz von dem verbotnen Baume,
193
Das uns das Ebenbild verlohr;
194
Sein Antlitz trieft von Geifer-Schaume,
195
Das ist der alten Schlange Gift,
196
Indem es ihren Schedel trifft,
197
Sie fühlt des Menschen Sohnes Treten,
198
Und dennoch hat die höchste Macht
199
Sie auch zugleich dahin gebracht,
200
Desselben Fersen anzubeten.

201
Ach! sehet! welch ein Mensch ist das!
202
Und was erhebt sich vor Getümmel?
203
Man ruft, man schickt ohn Unterlaß
204
Ein ganz verwirrt Geschrey zum Himmel;
205
Was muß die Ursach dessen seyn?
206
Wie? hör ich nicht den Haufen schreyn:
207
Auf! laßt ihn tödten! er muß sterben!
208
Was aber hat er denn gethan?
209
Fort! fort! mit ihm ans Kreuz hinan!
210
Sein Blut treff uns und unsre Erben.

211
So wird der frömmste Mensch erwählt,
212
Am grünen Holze zu erblassen,
213
Doch Barrabas wird losgezählt,
214
Den Mörder will man leben lassen,
215
Ich bringe den Gerechten um;
216
Jedoch sein Evangelium
217
Sein Trostwort spricht: Mensch, du sollst leben!
218
Gut, HErr! bin ich nur ausersehn,
219
Mit Dir auf Golgatha zu gehn,
220
So will ich gern dein Kreuz mit heben.

221
Nun geht Er aus der Lagerstatt,
222
Um unsre Schuld und Schmach zu tragen,
223
Wer wahre Reu im Herzen hat,
224
Wird den Versöhner auch beklagen;
225
Die Thränen, unser wahrer Schmerz,
226
Belagern hier das Bruder-Herz,
227
Und was läßt dieses noch erschallen?
228
Weint über euch! es kömmt die Zeit,
229
Da Kummer, Angst, Verzweiflung schreyt:
230
Ach möchten Berge auf uns fallen!

231
Ich folge nach auf Golgatha,
232
Nur frisch bis zu der Schedelstätte!
233
Geht solches gleich dem Fleische nah,
234
Es überwindet im Gebete;
235
Solch Folgen braucht kein schlecht Bemühn,
236
Man muß vorher nach Salem ziehn,
237
Mit Jhm zum Weihrauch-Hügel gehen,
238
Denn läßt Er sich auch nach der Zeit
239
Auf Thabor in der Herrlichkeit
240
Und im verklärten Leibe sehen.

241
Der Berg ist schon zurück gelegt,
242
Die Schwachheit will zu Boden sinken;
243
Die Arbeit hat den Durst erregt,
244
Doch muß sie Gallen-Essig trinken,
245
Ach saurer Trank! o bittrer Wein!
246
Was wirst du für ein Labsal seyn?
247
O Taumelkelch! wie schmeckst du herbe!
248
Ach! Todes-Tod! versüsse Du
249
Mir einst den Tod, wenn ich zur Ruh
250
Mich niederleg, und auf Dich sterbe.

251
Jetzt streckt der Heyland auf den Pfal
252
Die wundgeschlagnen schwachen Glieder,
253
Er legt sich zu der letzten Qval,
254
Wie Jsaac, zur Opfrung nieder;
255
Die Nägel heften Hand und Fuß
256
Ans Holz, ach! wie das schmerzen muß!
257
So viele Glieder, so viel Leiden,
258
Nur allgemach erregt; noch mehr,
259
Der Schmerz fällt gar der Seele schwer,
260
Denn Er soll unter Mördern scheiden.

261
Allein die Liebe triumphirt,
262
Hier ist die Hoheit zu erkennen,
263
Dieweil sie noch Erbarmen spührt,
264
Bevor sich Leib und Seele trennen,
265
Der Menschenfreund vergilt den Spott,
266
Eh Er erblaßt, indem Er GOtt
267
Für sie noch um Vergebung bittet,
268
Sein Abba, sein gebrochen Ach!
269
Sucht Gnade für das Ungemach,
270
Womit Jhn Wuth und Zorn beschüttet.

271
Und das bewegt des Schächers Herz,
272
Sich zu dem Fels des Heyls zu lenken,
273
Er fängt bey seinem größsten Schmerz
274
An etwas weiter nachzudenken;
275
Es reuet ihn, was er gethan,
276
Er sieht die liebe Unschuld an,
277
Und glaubt darauf ein Heyl der Erden;
278
Schau, Mensch; was das Versöhnungs-Blut
279
Vor eine grosse Wirkung thut!
280
Er soll ein Himmels-Bürger werden.

281
Welch eine schwarze Dunkelheit
282
Will nun den Kreis der Welt bedecken?
283
Verseigt der Qvell der Heiterkeit?
284
Ist die Natur ganz voll Erschrecken
285
Aegyptens Nacht! O Finsterniß!
286
Jhr Feinde! seyd ihr nun gewiß,
287
Wen ihr jetzt an das Holz gehangen?
288
Noch nicht? wie? was? seyd ihr ganz blind?
289
Weil dieses Wunderwerke sind,
290
Am Mittag ist das Licht vergangen!

291
Sie stehn, und sehn, und wundern sich,
292
Was dieses wohl bedeuten möge;
293
Doch macht der dunkle Himmelsstrich
294
Noch kein verstocktes Herze rege;
295
Allein Geduld! nur kurze Zeit!
296
Mein Heyland, mein Erlöser schreyt;
297
GoTT! warum hast du mich verlassen?
298
Die Kraft nimmt ab, die Schwachheit zu,
299
Der Keltertreter eilt zur Ruh,
300
Seht, wie die Lippen schon erblassen.

301
Ja! hört! Er ruft: Es ist vollbracht!
302
Er hat die Seele GOtt befohlen,
303
Ein Geister-Heer ist schon bedacht,
304
Dieselbe bald hinweg zu holen,
305
Er neigt sein Haupt! er stirbt! gebt acht!
306
Die Erde bebt! der Himmel kracht!
307
Es bersten Berge, Felsen splittern!
308
Jhr Kreuzes-Feinde, lacht ihr nun?
309
Wollt ihr erst jetzo ängstlich thun,
310
Und über eure Sünden zittern?

311
Kehrt um! geht! schlagt an eure Brust!
312
Ich will den GOtt des Himmels preisen,
313
Hier seh, hier find ich meine Lust,
314
Drum will ich mich betrübt erweisen,
315
Mein Freund ist todt! mein Herr ist hin!
316
Woran ich auch mit Ursach bin,
317
Seht, wie die welken Glieder hängen!
318
Weint, Sünder! laßt die Thränen-Fluth
319
Sich mit dem abgeflossnen Blut,
320
Als einem heilgen Oel vermengen.

321
Jhr Freunde klagt! weint bitterlich!
322
Jhr Anverwandte, ringt die Hände!
323
Der Meister starb! das Haupt verblich,
324
Der HErr nahm ein erbärmlich Ende!
325
So was beweinet ihr nicht mehr!
326
Sind alle Thränen-Qvellen leer,
327
So muß der Seufzer Menge sagen;
328
Ach! der Prophet, von dem wir oft
329
Das Heyl in Jsrael gehofft,
330
Der, der wird in das Grab getragen.

(Suppius, Christoph Eusebius: Oden und Lieder. Gotha, 1749.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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