Die Pferde. Da unser oberster Bereuter, Herr Martin Tamm, der muntre Greis, nach 78 Jahren weiter mit uns noch umzuspringen weiß, so wünscht durch muthig wiehernd Schnellen Des frohen Tages Wiederkunft die in den schönen Fürsten-Ställen wohlzugerittne Pferde-Zunft. Den 16 May 1741.

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Christoph Eusebius Suppius: Die Pferde. Da unser oberster Bereuter, Herr Martin Tamm, der muntre Greis, nach 78 Jahren weiter mit uns noch umzuspringen weiß, so wünscht durch muthig wiehernd Schnellen Des frohen Tages Wiederkunft die in den schönen Fürsten-Ställen wohlzugerittne Pferde-Zunft. Den 16 May 1741. (1749)

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Du Mann von ungemeiner Güte!
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Die deutsche Pferde-Nation
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Rühmt dein gefälliges Gemüthe
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Seit fast vier Pferde-Altern schon;
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Wie aber sollen wir erkennen,
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Was deine Wissenschaft gebiehrt,
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Indem sie unser wildes Rennen
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Mit edlem Wesen ausgeziert.

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Nimm, werther Tamm, nach unserm Stande
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Dieß Zeichen der Erkänntlichkeit!
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Es ist dir wirklich keine Schande,
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Sonst wär es uns von Herzen leid,
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Vielleicht wirst du gestehen müssen,
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Wie dein Erfahren es befindt,
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Daß unter Leibern von vier Füssen
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Wir an Vernunft die ersten sind.

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Wir stammen aus verschiednen Landen
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Wie dein Erkennen rühmlich schaut,
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Und sind deswegen hier vorhanden,
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Weil unsre Leiber wohlgebaut,
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Wir haben längst ein Glück ermessen,
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Das bey der Wahl uns wiederfuhr,
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So wahr wir täglich Hafer fressen!
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Das ist bey uns der höchste Schwur.

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Man zähle schlechten Kreaturen
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Das Pferde-Volk nur nicht mehr bey,
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Denn rare Schriften zeigen Spuren,
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Daß es von edler Ankunft sey;
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Sie sind bis jetzo aufbehalten,
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Und die Benennung wird nicht schwer,
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Homerus war es bey den Alten,
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Zu unsern Zeiten Gulliver.

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Wir wissen von berühmten Leuten,
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Und es ist nicht ein bloß Geschrey,
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Es muß was Wirkliches bedeuten,
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Die Zeit-Geschichte stimmet bey,
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Wenn Rom von unsern eignen Orden
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Den Burgemeister nehmen muß,
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Wie gut ists Anherr Hengsten worden
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Von dem Heliogabalus!

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Berühmte Schriften selber melden,
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Und sparen der Unsterblichkeit
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Sehr viele unsrer Pferde Helden,
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Besonders aus der alten Zeit,
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Da ist Pherenices zu finden,
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Der Hiero den Sieg gebracht,
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Carabalus, schnell gleich den Winden,
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Führt Selim glücklich aus der Schlacht.

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Wie? schreibt man nicht aus welschen Landen,
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Daß jenes Pferd gefunden wär,
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So auf dem Capitol gestanden,
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Dieß bringt uns wirklich Ruhm und Ehr;
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Und was hat Jlium zerstöret?
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Ein grosses Pferd von Holz gemacht,
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Ja, wer von dem Darius höret,
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Der weiß, was ihn zum Reich gebracht.

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Der Ruhm ist vor uns nicht geringer,
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Wie man leicht darzuthun getraut,
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Was einstmahl gar ein Weltbezwinger
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Dem Pferd zu Ehren aufgebaut,
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Kurz, unser Orden, Herr Bereuter!
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Ist deinem Ruhm gar vortheilhaft,
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Drum so vernimm nun ietzo weiter,
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Was uns dein Glück für Lust verschafft.

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Sobald an diesem frohen Morgen
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Der Mähnen sehr verwirrtes Haar,
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Durch reger Hände wachsam Sorgen,
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Gekämmt und zubereitet war,
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Wir auch das Morgenbrodt erhielten,
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An Hafer, Heckerling und Heu,
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Hernach mit denen Halftern spielten,
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So wurden wir auf einmahl scheu.

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Wir fingen an, uns aufzubäumen,
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Die Ohren stunden hochgespitzt,
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An denen angelegten Zäumen
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War bald der weisse Schaum gespritzt;
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Wir hauten mit den Vorder-Hufen,
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Und wieherten mit aller Macht,
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Bis Peitsche, Stock und donnernd Rufen
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Uns wieder zu uns selbst gebracht.

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Ja wohl! es trieb uns so zu Paaren,
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Als wie der Nothstall und der Zwang,
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Bis durch das Leibgewand von Haaren
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Der Angstschweiß wie das Wasser drang;
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Es schlich der Schmerz bis zu der Leber,
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Und machte fast noch mehr Verdruß,
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Als Hämmerling, der Todtengräber,
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Wenn er sein Amt verrichten muß.

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Jedoch die Großmuth kann verzeihen,
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Wir nehmen die Versöhnung an,
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Weil unser freudenvolles Schreyen
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Kein Stallbewohner wissen kann;
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Sie merkten fast, was uns getrieben,
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Man sprach uns endlich freundlich zu,
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Indem wir Dich nicht wenig lieben,
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Denn sonsten halten wir schon Ruh.

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Wahr ist es, ein geheimes Merken
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Hat uns vor Freuden aufgebracht,
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Der Reittag gestern wird bestärken,
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Wie wir zusammen nachgedacht;
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Uns schien, als würdest Du verjünget,
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Und heut war kaum die Krippe leer,
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Da es in unsre Ohren klinget,
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Als ob dieß dein Gebuhrtstag wär.

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Wer hätte nun nicht wiehern sollen?
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Von unsern Nachbarn vor dem Schloß
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Hat man uns auch versichern wollen,
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Bey ihnen sey der Henker los;
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Nur fürchten wir, daß ihren Lenden,
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Wie unserm frölichen Geschrey,
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Auch von noch ungewaschnen Händen
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Schlecht mitgespielet worden sey.

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Wiewohl, man achtet das geringe,
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Weil es der Ehre wenig thut;
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An sich zwar sind es gute Dinge
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Vor einen Pferde-Uebermuth,
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Jedoch, was schadet es der Freude?
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Die wird dadurch doch nicht verstört,
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Weil dieser Tag entfernt vom Leide
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Zu unsern Guten mit gehört.

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Du bist es, welcher unsern Füssen
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Jm Schreiten, vollen Lauf und Trab
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Nach viel und manchen Schweißvergiessen,
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Die abgemeßne Zierde gab;
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Wir kennen deines Amtes Eifer,
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Vor dem manch stolzer Gaul erschrickt,
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Zumahl ein ungezogner Läufer,
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Den man erst in die Schule schickt.

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Daß wir in schönen Kammern wohnen,
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Daß unsre Krippen wohl versehn,
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Ja, daß man unser pflegt zu schonen,
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Wenn andre schwer im Zuge gehn,
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Das danken wir zwar jenen Gnaden,
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Die uns kein unbeqvemes Joch
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Geruhen wollen aufzuladen,
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Nur ist ihr Lob für uns zu hoch.

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Hingegen bist Du doch der Dritte,
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Nächst der großmüthigen Natur,
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Daß unserm wohlgesetzten Schritte
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Ein solches Glücke wiederfuhr,
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Denn deine Hand, dein kluges Zwingen,
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Was uns so mancherley bewegt,
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Hat unserm itzt gewohntem Springen
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Was recht Erhabnes eingeprägt.

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Will unser Schutzgott sich erqvicken,
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Befiehlet Er, und fähret aus,
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Und man pflegt uns erst anzuschmücken.
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Wie brüsten wir uns nicht heraus!
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Da werden recht sechs kühne Rosse
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Vom Geist der Edelmuth erregt,
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Als wenn Bucephalus der Grosse
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Den grossen Alexander trägt.

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Ach schade! daß nicht unser Rücken
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Soll seines Leibes Schemel seyn!
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Wir würden uns vor Ehrfurcht bücken,
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Die Vorsicht wäre ungemein,
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Wiewohl es würfe diese Ehre
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Nur unter uns der Zwietracht Frucht,
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Weil es die nächste Strasse wäre,
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Zu ganz gewisser Eifersucht.

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Als in den abgewichnen Zeiten
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Dich unser thierischer Verstand
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Sehr lange, weder sahe reiten,
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Noch selbsten auf der Bahne fand,
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Da war bey uns so grosser Jammer,
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Wir wurden vor Verdruß so toll,
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Als wenn ein ungeschliffner Hammer
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Die Schuh uns neu besohlen soll.

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Und neulich, als in vielen Tagen
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Kein Streich, kein Hieb uns aufgebracht,
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War auch ein allgemeines Sagen,
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Du hättest Feyertag gemacht;
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Wir waren schon in vollem Ueben,
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Ein Wunsch gerieth zur Gegenwart,
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Doch macht ein allgemein Betrüben,
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Daß wir es bis hieher gespahrt.

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So nimm ihn denn von einem Volke,
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Das seine Sprache möglich macht;
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Es bringe keine trübe Wolke
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Dir noch sobald die Mitternacht!
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Der Tag erscheine künftig weiter,
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Weil dieses unsern Muth belebt,
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Wenn Dich, den theuresten Bereuter,
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Sobald nichts aus dem Sattel hebt.

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Indessen soll dein Unterrichten
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Uns sonderlich zum Ruhm gedeyn,
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Weil wir den künftigen Geschichten
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Mit Dir zugleich verbunden seyn;
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Dein Alter bey verjüngten Kräften,
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Und der ohnunterbrochne Ritt
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In anvertrauten Amtsgeschäften,
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Gehört zu raren Sachen mit.

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Jedoch wird ein behutsam Schreiten
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Bey dem auf unsern Rückenruhn
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Nicht deinen hochbejahrten Zeiten
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Durch falsche Tritte Eintrag thun;
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Und sollte gar wer überschlagen,
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So willigen wir allesammt:
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Ein solcher sey zu böfen Tagen,
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Zu Peitsche, Karn und Spreu verdammt!

(Suppius, Christoph Eusebius: Oden und Lieder. Gotha, 1749.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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