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Drauf hat die Kayserinn zu reden angefangen:
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„wir wissen, wie der Feind mit uns ist umgegangen;
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525”Wir wissen”, trug sie vor, was euer Rath genüzt;
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„wer meiner Tochter Haus und Länder hat beschüzt.
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„und ihr erinnert euch der schweren Fürsten-Tugend,
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„die meiner Tochter Herz schon in der zarten Jugend
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„durch euern Finger-Zeig die Helden-Kunst gelernt;
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530”Jhr wißt, daß ihr Gemüth sich nicht davon entfernt;
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„daß uns der Sachen Lauf durch euern Schuz gelungen;
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„daß dieß die Quelle sey woraus uns Heil entsprungen.
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„so fahret, Tugenden! in der Gewohnheit fort
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„dem Thron geneigt zu seyn! beschüzet diesen Ort,
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535”Den ihr so lang besizt. Beschüzet Volck und Länder!
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„jhr habt für euer Amt nunmehr gewünschte Pfänder,
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„die Frucht der Danckbarkeit. Befleißt euch sonderlich
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„in Zukunft, daß ihr stets vereint und schwesterlich
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„was jeder obligt, übt. Man sieht den Feind sich mehren;
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540”Er eilt schon wiederum mit neu-geworbnen Heeren
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„auf unsre Grenzen zu. List und Verrätherey
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„steht seiner Ländersucht, die er beschönet, bey;
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„die kann der größten Macht oft plözlich Unglück bringen,
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„besonders wo man pflegt mit Sicherheit zu ringen.
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545”Mißtrauet eigner Macht, und förchtet euern Feind,
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„gedenckt, daß überall desselben Schlingen seynd.
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„laßt euch die Stärcke nicht mit ihren Fahnen schmeicheln,
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„jhr Schaaren-reicher Schein beruht oft nur im Heucheln.
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„zu viele Sicherheit nüzt oft dem Feinde mehr
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550”Als seiner Waffen Macht, als ein sieghaftes Heer;
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„absonderlich wo wir uns nur auf sie verlassen,
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„und unsre Feinde nicht mit scharffem Auge fassen.
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„oft mitten in der Flucht siegt eine schwache Schaar,
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„und macht das zweifelhaft, was schon erfochten war.
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555”So will ich, Tugenden! die Vorsicht euch empfehlen,
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„die Eintracht euers Amts; die kann den Feind entseelen.
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„betrachtet nur den Tag des Einfalls und die Zeit,
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„in welcher ihr den Feind zum ersten Mahl zerstreut;
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„bedencket, daß ihr ihm den Vorsaz abgezwungen,
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560”Worauf Jahr-hundert her desselben Väter drungen.
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„ergreifft, vereiniget von neuen euern Muth,
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„auf dem das Heil des Throns und dieser Völcker ruht!
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„jhr könnt der Herrsch-Begier so vieler Feinde wehren,
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„und Glück und Ruhm des Throns auf lange Zeit vermehren.