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Die Mahlerin vernahm fast mit Beleidigung
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Den schnellen Gegensaz, den sie zwar in sich schlung;
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Hier aber trat sie vor, den Streit zu unterbrechen:
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„erlaubet „, sagte sie, mir auch ein Wort zu sprechen!
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„der Künste Ziel beruht auf Wahrheit und auf Lust.
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250”Die baut auf eine Flutt, der dieses nicht bewußt.
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„wie weit erreichet ihr durch Säulen und durch Mauern;
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„wann auch dieselbigen die Felsen überdauern;
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„wie weit erreichet ihr durch eure Kunst den Saz?
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„nicht weit. So gebet mir und meiner Arbeit Plaz.
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255”Ich weise durch die Farb und durch des Pensels Spize,
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„daß ich die Fähigkeit zu diesem Werck besize.
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„die Wahrheit ist mein Ziel; die Luft begleitet mich;
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„so schmücket ihre Kraft fast jeden Pensel-Strich.
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„was heisset Erz und Stein? was wird darein gegraben?
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260”Was vor Lebhaftigkeit kann beydes in sich haben?
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„füß’, Hände, Kleidungen, ein starres Gips-Gesicht,
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„dieß ist, was euer Stahl in stummen Marmel sticht.
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„belohnet das die Müh? hingegen nach zu äffen,
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„was die Natur erzeugt, und es genau zu treffen,
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265”Ist meiner Farben Werck. Luft, Wolcken, Berg' und Thal,
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„geschichten, Schlachten, Thier und Mensch ist, was ich mahl.
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„ich kann durch meine Kunst, Leib, Ansehn, Geist und Leben,
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„auch dem, der in der Welt nicht mehr zu sehn ist, geben.
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„zorn, Unbestand und Angst, Furcht, Hoffnung, Rach und Lieb,
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270”Ja was der Tugenden und Leidenschaften Trieb
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„in sich verbergen mag, das kann der Pensel zeigen.
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„ist solche Tüchtigkeit auch euern Griffeln eigen?
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„was lehrt uns eine Maur, was sagt uns ein Palast?
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„was ist ein Marmel-Kopf den man in Lorber faßt?
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275”So findet keine sich zu diesem Ende besser;
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„von allen Künsten ist die Macht gewiß nicht grösser,
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„als die der Meinigen; mithin ist es mir leicht,
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„daß ich dasjenige, was diesem Fürsten gleicht,
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„auch in die spätste Zeit der Nachwelt überseze;
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280”Sonst aber Licht und Grau so viel als Marmel schäze.