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Dein brief, den ich itzund auf meinem tische funden,
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Dein brief, mein Seladon! den deine gunst gemacht,
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Hat meinen matten geist mit frischer lust umwunden,
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Und statt der worte mir nur rosen überbracht.
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Drum hab’ ich ihn auch gleich an meinen mund gedrücket,
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Denn was so liebreich ist, das muß geküsset seyn.
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Allein so sehr mich auch dein holder kiel erquicket,
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So kan dein treuer mund mich doch weit mehr erfreun.
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Gewiß, es liegt die zeit mir immer in gedancken,
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Da die vertrauligkeit mit uns spatzieren gieng:
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Da der vergnügte sinn in einem grünen schrancken
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Der sorgen schwere last gantz an den nagel hieng:
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Da wir bey frischer milch nicht kalte worte machten,
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Und unsre liebe sich nach wunsch und lust besprach:
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Da wir bald an ein buch, bald an die Floris dachten;
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Nun aber folget mir fast nichts als unmuth nach.
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Denn Seladon ist weg, ich kan ihn nicht mehr schauen.
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Er sitzt im rosen-pusch, und wo Florette singt;
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Ich aber lieg’ und geh’ in abgeschiednen auen,
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Da kein dergleichen lied vor meinen ohren klingt.
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Ich kan der freyen lufft nicht so, wie du, geniessen:
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Bey trübem wasser quillt kein tropffen reiner lust.
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Die verse wollen auch nicht, wie die deinen, fliessen.
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Mehr sag’ ich itzund nicht, es ist dir vor bewust.
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Was aber fragest du: Kan auch Leander fehlen?
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Ach stelle, wo du wilst, die hohen lobsprüch’ ein.
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Könnt’ ich, so wie du schreibst, die freyen hertzen siehlen,
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Florettens würde längst in meinen händen seyn.
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Denn ließ’ ich wiesen, gärt’ und alle wälder stehen;
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Ich sagte: Schatten, flüß’ und vogel gute nacht!
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Und würde gantz vergnügt in dieses zimmer gehen,
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Das mir des himmels hand zum paradiese macht.
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Den gruß, den du mir bringst, der wird Floretten gelten,
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Weil sie der nachtigall im fingen gleiche geht.
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Denn ihre liebligkeit will meine Muse schelten,
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Indem ihr tieffer thon sich nicht so hoch erhöht.
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Es wünscht zwar Seladon Leandern viel vergnügen;
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Allein dein süßer wunsch verbleibet ohne frucht;
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Denn meine liebe muß in lauter ängsten liegen,
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Weil deine schwester sie stets zu ermorden sucht.
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Drum mache, daß ihr grimm nicht mein gelücke störe.
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Denn ihrer augen gunst ist meines hertzens ruh.
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Ja mache, daß ich bald Floretten singen höre:
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Jhr und dem Seladon hör’ ich am liebsten zu.