Leanders antwort

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Leanders antwort (1710)

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Wenn meine verse nicht so süß als deine klingen,
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So wisse, daß ich sie in meinem bette schrieb.
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Man hört die nachtigall in keiner kammer singen,
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Sie hat nur grüne gärt’ und rosenthäler lieb.
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Ich schaue nichts hiervon. Doch schaut’ ich nur Floretten,
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Und dich, mein Seladsn! so schaut’ ich schon genung.
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Ich trüge voller lust die schweren unglücks-ketten,
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Und spürte zweiffels-frey weit mehr beruhigung.
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Indessen tröstet mich doch euer angedencken.
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Es hindert Seladon viel unmuth und verdruß.
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Will das verhängniß mich mit gall und myrrhen träncken,
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So geb ich in der angst Floretten einen kuß.
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Wie sollt’ ich armer sonst die bitterkeit versüßen?
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Ich weiß, Florette selbst sieht meiner kühnheit nach.
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Zum minsten heist kein recht vor die gedancken büssen.
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Weil auch wohl Joseph sich nicht ihrer gantz entbrach.
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So unterhalt ich mich mein Seladon im geiste.
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Drum frage ja nicht mehr: Gedenckst du auch an mich?
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Ich wüste keinen tag, da ich nicht zu dir reiste.
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Wer liebt, und reiset nicht? ich aber liebe dich.
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Ich liebe dich gewiß, und will dich ewig lieben,
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Denn diese liebe soll mit mir zu grabe gehn.
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Das glücke mag an mir die schärffsten waffen üben,
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Kan ich nur allezeit in deiner freundschafft stehn.
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Du schreibst: ich schaue nichts als blumen, gras und bäume.
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Ach freund! ich schaue noch kein angenehmes feld.
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Indessen führet mich dein vers auf süße träume,
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Ob das verhängniß mir gleich deinen wunsch vergällt.
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Und also siehest du, was du vorlängst gelesen:
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Leanders unstern will ein fix-gestirne seyn.
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Doch wie die hoffnung noch niemals mein artzt gewesen,
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So geht mir dieser satz nicht eben bitter ein.
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Ich bin es schon gewohnt den wermuth-safft zu schmecken;
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Vielleichte dient er mir mehr als der honigseim.
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Die wohllust möchte zwar sehr gerne zucker lecken,
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Doch fällt sie mit der zeit dem tod und grab anheim.
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Das glücke läst ohndem sich nicht durch murren zwingen,
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Drum trag ich mit geduld, was ich nicht ändern kan.
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Und will mein dornenpusch mir keine rosen bringen,
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So schau ich sie gleichwol bey meinen freunden an.
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Ich will, wie Socrates, aus schmertzen wohllust saugen.
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Ein andrer hoff’ und schrey, biß er im grabe liegt.
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Wenn meine verse nur der schönen schwester taugen,
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Und Seladon mich liebt; so bin ich schon vergnügt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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