Tag und Nacht/ Kinder einer Mutter/ Geschwister widerwärtiger Sinnen

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Hans Assmann von Abschatz: Tag und Nacht/ Kinder einer Mutter/ Geschwister widerwärtiger Sinnen (1704)

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Die Flügel-schnelle Zeit/ die Fürstin aller Sachen/
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Von welcher/ was nicht ist/ noch immer war entsteht/
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Die alle Dinge groß und klein gewohnt zu machen/
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Mit welcher/ was da ist/ und nicht stets war/ vergeht/
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Zu deren Diensten sich die Erde muß verpachen/
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Der unterworffen ist was niedrig/ was erhöht/
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Sucht das geraume Ziel der ungemeßnen Grantzen
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Durch ein getreues Paar der Erben fortzupflantzen.

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Es führen diese Zwey noch bey der Mutter Leben
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Den hohen Königs-Stab in freygewohnter Hand/
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Stadthalter müssen sie in allen Ländern geben/
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Wo dieser Königin Regierung ist bekandt/
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Doch will sich mancher Streit bey solchem Paar erheben/
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Wer billich haben soll den allerersten Stand/
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Wem wohl der gröste Staat zu halten will gebühren/
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Wer künfftig mit der Zeit soll Kron und Scepter führen?

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Dem einen pflichten bey die meisten Reichs-Gesetze/
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Der ander gründet sich auff mancher Völcker Recht/
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Der eine macht sich groß durch eingetragne Schätze/
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Damit er auff den Fall kan werben manchen Knecht/
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Durch Freyheit/ daß man sich in sanffter Ruh ergötze/
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Wird von dem andern Theil des ersten Heer geschwächt/
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Der eine suchet Gunst durch Mühsamkeit bey allen/
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Der ander will der Welt durchs Widerspiel gefallen.

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Dem einen ist das Haubt von denen Hofe-Näthen/
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Die seine Mutter hält/ zu Diensten beygethan;
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Die andern sechse sind zum Gegentheil getreten/
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Weil sich ihr Kopff zu ihm am besten schicken kan/
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Der eine lebet mehr zu Land/ als in den Städten/
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Der ander sezt die Stadt dem Dorffe weit voran/
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Der eine führt nicht viel/ doch guttes Volck zur Seiten/
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Den andern aber pflegt die Menge zu begleiten.

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Der eine lässet sich viel kluge Künste lehren/
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Um Wissenschafften bleibt der ander unbemüht/
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Der eine läst von sich viel Wort und Reden hören/
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Wenn stille Träumerey des andern Kopff durchzieht/
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Der eine pflegt allein die Sonne zu verehren/
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Wenn jener nach dem Mond und tausend Sternen sieht/
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Den einen können Schlaff und Liebe nicht bezwingen/
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Dem andern müssen sie die gröste Freude bringen.

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Der eine weiset gern dem Lichte seine Thaten/
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Und machet sie/ so weit die Sonne geht/ bekandt/
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Der ander läst sein Thun nicht sehen/ nur errathen/
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Verdeckt/ so viel er kan/ die Wercke seiner Hand/
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Bey einem muß sich weiß und roth zusammen gatten/
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So scheint der Mohren Reich des andern Vaterland/
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Der eine der verstärckt durch Arbeit seine Glieder/
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Wenn sie der andre legt auff weiche Küssen nieder.

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Durchgehe nach und nach die Rechnung aller Zeiten/
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Kein mindergleiches Paar der Brüder findestu/
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Kein Typhon kan so sehr mit dem Osiris streiten/
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Kein Zoroaster sagt so schlecht denn Japhet zu/
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Kein Lucius kan so von Aruns Sitten schreiten/
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Der das noch junge Rom bewohnt in stiller Ruh/
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Kein Avidäus ist so weit von Alexandern/
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Als diese Printzen zwey sind einer von dem andern.

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Was eher ist zur Welt der eine zwar gebohren/
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Doch will der ander auch nicht minder Erbe seyn/
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Den hat der West und Nord zu lieben auserkohren/
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Und jener setzet sich in Morgen-Ländern ein/
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Die Hoffnung zum Vertrag ist meistentheils verlohren/
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Indem das Widerspiel beweist der Augenschein/
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Dafern es nicht annoch durch Dräuen und durch Flehen/
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Durch Bitten und Befehl der Mutter kan geschehen.

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Derselben Spruch hat sie in solchen Bund vereydet/
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So lange sie noch selbst bey grauem Alter lebt/
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Das keiner beyderseits den mindsten Schaden leidet/
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Daß ieder haben kan/ nach was sein Hertze strebt/
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Das Zeit und Ziel die Macht der Herrschafft unterscheidet/
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Und deren Vortheil gantz in Ungewißheit schwebt.
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Sie herrschen eine Zeit/ doch nicht in einem Lande/
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Doch nicht in gleicher Frist/ doch nicht in gleichem Stande.

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Und diß/ so lange noch die Mutter selbst regieret/
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Wie/ wenn sie wird verjagt von grauer Ewigkeit.
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Wer ist es/ der hernach das stoltze Scepter führet/
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Und auff dem Throne sizt der hingelegten Zeit?
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Wer ist es/ den hernach der Königs-Krantz bezieret/
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Den ein geheiligt Oel zum Ober-Herren weyht?
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Nicht wohlgebrauchtes Gutt flieht vor den dritten Erben/
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Ich halte Reich und Sitz wird mit der Zeit ersterben.

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Die Ewigkeit/ nachdem sie unter sich gezwungen
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Was zeitlich/ was der Zeit gehorsam muste seyn/
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Nachdem sie selbst die Zeit/ und ihren Sitz verschlungen/
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Nachdem zu Ende geht der Tag und Sonnenschein/
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Nachdem sie brauner Nacht die Herrschafft abgedrungen/
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Räumt ihnen anderweit gewisse Wohnung ein.
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Es sollen Tag und Licht beym wahren Lichte wohnen/
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Und stete Finsternis den finstern Wercken lohnen.

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O selig dannenher/ ihr Licht- und Tages Kinder/
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Die ihr bey Tage sucht das wahre Seelen-Licht/
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O weh euch dannenher/ ihr schwartz-befleckten Sünder/
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Ihr/ denen Tag am Tag’/ im Lichte Licht gebricht/
93
Die ihr in Sünden irrt/ gleichwie die stummen Rinder/
94
Und schnöder Finsternis zu Diensten seyd verpflicht/
95
Wenn jene stetes Licht und stete Lust geniessen/
96
So werdet ihr ohn End’ im Schatten irren müssen.

(Abschatz, Hans Assmann von: Poetische Ubersetzungen und Gedichte. Leipzig, 1704.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Hans Aßmann Freiherr von Abschatz
(16461699)

* 04.02.1646 in Q7999247, † 22.04.1699 in Legnica

männlich

deutscher Barocklyriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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