Das fünffte capitel

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Das fünffte capitel (1710)

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Wer aus der bibel nichts als kluge reden lernen,
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Und nicht vielmehr daselbst die wahrheit suchen will,
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Der trifft nicht auf den zweck; er folget falschen sternen
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Und macht des HErren wort zu einem blosen spiel.
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Gott lehrt uns in der schrifft nur lauter wahrheit sinden:
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Und wer die bibel nicht in diesem geiste liest,
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Der sie geschrieben hat, der wird nicht viel ergründen,
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Dieweil sie der natur ein dunckles rätzel ist.
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Drum so versteig dich nicht in spitzigen gedancken,
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Und such’ in GOttes wort blos, was die seel erbaut.
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Ein weises hertze muß nicht von der einfalt wancken,
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Denn der kömmt hier nicht fort, dem schon vor dieser graut.
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Ein and acht-reiches buch, das nach der einfalt schmecket,
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Muß uns so angenehm, als hohe reden seyn.
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Denn obgleich Seneca voll tiefer sprüche stecket,
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So machen sie dich doch von keiner sünde rein.
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Bekommest du ein buch, so ließ es blos aus liebe
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Der lautern wahrheit durch, obgleich die tolle welt
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Erst auf den autor sieht, und aus verkehrtem triebe
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Das schönst’ und beste buch offt vor verwerfflich hält.
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Ein kluger merckt auf das, was er geschrieben siehet,
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Und nicht auf die person, die es geschrieben hat.
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Bisweilen giebt ein maun, der schein und ehre fliehet,
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Uns in der tiefsten noth den allerklügsten rath,
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Der menschen ansehn ist ein stern, der bald verschwindet,
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Die wahrheit aber bleibt, wenn alles untergeht.
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Die wahrheit, die man offt bey albern leuten findet,
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Und die Carneades und Plato nicht versteht.
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Gott offenbaret sich ohn absicht der personen:
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Er macht uns seinen rath durch arme fischer kund.
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Man sieht der wahrheit geist noch bey der einfalt wohnen,
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Gott legt sein hohes wort auch in der kinder mund.
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Laß dich den vorwitz nicht in deinem lesen hindern:
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Was GOtt verbergen will, das laß verborgen seyn.
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Die fackel der vernunfft wird diese nacht nicht mindern.
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Sie blendet dich vielmehr durch ihren falschen schein.
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Darum bemühe dich nicht in die höh zu klimmen,
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Wo man am sichersten auf ebner erden steht.
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Die bibel ist ein meer, da elephanten schwimmen,
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Und da ein niedrig schaf mit trocknem fuße geht.
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Wilst du die heilge schrifft mit nutzen durchstudieren,
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So laß des glaubens licht der seele leit-stern seyn,
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Und in der einfalt dich den geist der demuth führen,
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So dringest du gewiß in die geheimniß’ ein.
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In die geheimniße, in die kein stoltzer meister,
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So hoch er sich vermißt, mit seiner klugheit dringt.
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Denn GOttes wahrheit flieht die aufgeblaßnen geister,
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Die nun ein eitler zug zum bibel-lesen bringt.
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Drum laß dich iederzeit den sinn der demuth leiten,
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Und schlag der heiligen erklärung nicht in wind.
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Verwirff die reden nicht, die von erfahrnen leuten
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Nach GOttes sinn und rath genau geprüfet sind.
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Laß dich die gleichnisse der alten nicht verdrießen,
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Ob sie gleich fleisch und blut vor schlecht und dunckel schätzt.
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Gott weiß zu rechter zeit dir alles aufzuschließen;
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Denn ihr erleuchter geist hat nichts umsonst gesetzt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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